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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-08 · Heft 19 (8.5.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 19 (8.5.1891)
Date
1891-05-08
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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bürg nachzusuchen, fei es durch ein direktes" Bittgesuch an dasselbe, sei es durch Vermittlung der zuständigen Botschaft oder des Generalkonsulats in Petersburg. Eine alleinige Ausnahme hiervon machten mit große Bankiers und Inhaber notorisch bedeutender Handelsfirmen, denen das Recht zustand, direkt bei den Konsulaten die Visirung der Pässe zu beantragen. Die Bestimmungen sind nun durch den neuesten Erlaß des russischen Ministeriums des Innern dahin präzisirt worden, daß die Generalkonsulate und Konsulate ermächtigt sind, ohne Spezialerlaubniß des Ministeriums allen von ihnen qualifizirt erachteten Bankiers und Inhabern bebcutenber Handelsfirmen das Visa mit bezüglichem Vermerk für die Zeitdauer von drei Monaten zu ertheilen. Während dieser Zeit dürfen Paßinhaber sich in Rußland aufhalten nnd beliebige Male die Grenze überschreiten, ohne daß es für jede einzelne Reise eines erneuten Visas bedarf. Befinden sie sich bei Ablauf des Termins noch in Rußland so steht es ihnen frei, die eventuelle Prolongation bei der dortigen zuständigen Behörde direkt zu beantragen; sind sie aber einmal nach ihrer Heimath zurückgekehrt, so bedarf es für eine neue Reise auch eines erneuten Visas. Für diejenigen ausländischen Israeliten, welche in Rußland die erste, Gilde erworben haben oder Fabriken oder Ländereien mit Erlaubuiß des Staates besitzen, gibt das Visa oben erwähnte Rechte des Aufenthaltes und beliebiger Anzahl von Reisen auf die Dauer von 6 Monaten. Wenn Frauen Inhaber entsprechender Firmen sind, gelten für diese dieselben Bestimmungen; auch darf das Visa an Vertreter und Bevollmächtigte qualifizirter Firmen ertheilt werden, wenn sie sich durch eine entsprechende Vollmacht, die zu den Akten der Konsulatsarchive behalten wird, legitimiren. Als Qualifikation wird die amtliche Bescheinigung der ausstellenden Behörde oder einer Handelskammer erachtet werden, daß der Paßinhaber Bankier oder Chef einer bedeutenden Handelsfirma ist und entsprechende Handelsbeziehungen mit Rußland unterhält, sowie Vorlage der klasstfizirten Einkommensteuer-Quittung, welche mit zu bescheinigen ist. Diese Bescheinigungen verbleiben als Belege bei den Akten des Generalkonsulats. Alle nicht.in die angegebene Kategorie gehörenden Ausländer mosaischer Konfession haben nach wie vor die spezielle Erlaubn iß des Ministeriums des Innern auf dem erwähnten Wege zu erbitten. Da auf den Pässen meistentheils die Religion nicht angegeben wird, so ist zu betonen, daß, wenn auch das Generalkonsulat bei etwaiger Nichtkenntniß der einschlägigen Verhältnisse das Visa ertheilt hat und das Unzutreffende desselben an der Grenze oder auch erst beim Aufenthalt in Rußland sich herausstellt, der Paßiuhaber trotz des Visas uuverweigerlich zurückgewiesen wird. Es dürfte sich daher im eigenen Interesse des betreffenden Paßinhabers empfehlen, daß sie bei der Ausstellung des Passes gleich beit amtlichen Vermerk der Religion beantragen. * Aus Rußland. Die widersprechendsten Nachrichten laufen täglich ein. Bei der Unmöglichkeit, dieselben auf ihre Wahrheit zu prüfen, lassen wir sie hier unvermittelt aufeinander folgen: Petersburg, 27. April. Zur Verhütung ungesetzlicher Ansiedelung von Juden in den Datschengegenden (so bezeichnet man die Sommerfrischen in der Umgegend Petersburgs) ist die Polizei vom Stadthauptmann beauftragt worden, die strengste Kontrole darüber zu führen, ob die Datschen beziehenden Jude,: die gesetzliche Erlaubniß dafür besitzen. London, 27. April. Wie man der „Times" aus Petersburg meldet, verbietet der neueste Beschluß des Ministers des Innern die Einwanderung jüdischer Handwerker, Mechaniker, Brauer, überhaupt aller Juden, welche Gewerbe oder Kunst betreiben, aus andern Reichstheilen nach Moskau. Zugleich wird die allmälige Austreibung der diese Berufszweige treibenden Juden aus Moskau nach den übervölkerten Gegenden Polens angeordnet. Dadurch werden wenigstens 14,000 Handwerker in Moskau allein betroffen. Der Zar hal eigenhändig unter den Erlaß das Wort geschrieben „auszuführen". Petersburg, 28. April. Die hiesige Polizei verhaftete einen mit einem türkischen Paß versehenen, hier zugereisten Sozialisten Namens Lang. Nach Ansicht der Polizei entwickelte derselbe in Arbeitskreisen eine gefährliche Propaganda gegen die Aristokratie, das Kapital und die Juden. London, 28. April. Der Korrespondent der „Daily News" berichtet aus Odessa traurige Einzelheiten über die Judenaustreibuug. 8000 Personen sollen Kiew unverzüglich verlassen. (Die Gesammtziffer der Ausgewiesenen im Gouvernement Kiew beträgt gegen 15,000.) Die reichen Juden wandern aus, aber den armen wird die Einwanderung nach Oesterreich nicht gestattet. Die Polizei vertreibt mitleidlos die Unglücklichen. Sogar in einer Vorstadt voll Moskau wurden 160 Personen nächtlicher Weile ausgetrieben. London, 28. April. Nach Meldungen aus Moskau verläßt eine große Zahl von Judeu, vornehmlich reichen, die Stadt. Petersburg, 29. April. Das Stadthaupt von Petersburg hat im Anschluß all den Erlaß, welcher jüdischen Handwerksmeistern und Handwerkern die Ansiedelung in Moskau und dem Moskauer Gouvernement untersagt, die Anordnung getroffen, daß den bezeichneten Personen auch die Niederlassung in Petersburg verwehrt werde, und daß dieselben nach Orten, wo Personen jüdischer Konfession der Aufenthalt gestaltet ist, verschickt werden sollen. Kiew, 30. April. Die von englischen Blättern verbreitete Nachricht, daß 8000 Juden Kiew sofort zu verlassen haben, ist gänzlich unbegründet. Moskau, 30. April. Viele jüdische Handwerker sind bereits in der rücksichtslosesten Weise per Schub aus Moskau trallsportirt worden. Man fürchtet, daß es hier zu Juden-Krawallen kommen könne. London, 30. April. Nach Meldungen aus Moskau erklärten sich viele Juden bereit, um der Ausweisung zu eiltgehen, zum Christenthum überzutreten. Es wurde dieses aber als, gesetzwidrig bezeichnet. Die Ausweisung von Juden dauert fort. Griechenland. * Athen, 30. April. Mit Bezllg auf die in Corfu vorgefallenell Ausschreitungen gegen die Juden wird der Politischen Correspondenz geschrieben, daß die energischen und dabei doch beruhigenden Vorkehrungen des Nomarchen nicht blos Wiederholungeil der Exzesse verhütet, sondern auch eine relative Beschwichtigung herbeigeführt haben, so daß der Einzug der Kaiserin Elisabeth, welche von ihrem Ausfluge nach Süditalien zurückkehrte, ohne jegliche Störung geschehen konnte. Energische Maßregeln der Behörden auf Corfu waren' umsomehr geboten, als zu besorgen stand, daß das nusgehetzte Landvolk nach der Stadt ziehen nnd sich den Ausschreitungen anschließeu könnte; andererseits meldeten Depeschen, daß auch auf Santa Maura und auf Chalcis blutige Gewaltthätigkeiten gegen Juden stattgefunden hätten. Trotz der auf Corfu eingetreteneu Beruhigung sei es nicht ausgeschlossen, daß die Exzesse sich anläßlich der griechischen Osterwoche wiederholen. Manche Leute glauben, daß dieselben einen politischen Hintergrund fyciku könnten, indem die Juden auf Corfu immer treue Anhänger der Partei Trikupis' gewesen find und für dieselbe erhebliche Opfer gebracht haben. In Uebereinstimmung mit den voranstehenden Mittheilungen der Politischen Correspondenz wird der „Neuen Freien Presse" von einem Gewährsmanue, der sich längere Zeit in Corfu aufgehalten hat, geschrieben: Unter den etwa 28,000 Einwohnern der Stadt Corfu befinben sich sechs- bis siebentausend Judeu. Die Juden sind in Corfu unter der Herrschaft der Venetianer und Spanier eingewandert und hatten, obgleich danials geduldet, doch durchaus kein beneidenswerthes Loos, woher es auch kam, daß dieselben stets arm blieben. Erst unter der siebzigjährigen englischen Herrschaft verbesserte sich ihre Lage. Jedoch bis auf den heutigen Tag sind sie der Mehrzahl nach Handwerker und Tagelöhner. Unter der griechischen Regierung erlangten sie völlige Gleichberechtigung mit den griechischen Unterthanen und waren deshalb auch stets die Hauptstütze der Regierung auf Corfu. Einerseits die Konkurrenz, die sie als billige anspruchslose Arbeiter beit faulen, heruntergekommenen Griechen bereiteten, andererseits ihre Unterstützung der Regierung machten sie schon längst bei der gesammten griechischen Bevölkerung verhaßt. Besonderen Anlaß dazu gab ihre Haltung bei den letzten Parlamentswahlen, bei denen bekanntlich das Ministerium Trikupis gestürzt wurde. Schon damals hörte man überall von bevorstehenden Judenhetzen im Geheimen und auch offen sprechen; jedoch schien sich bis jetzt kein Grund gefunden zu haben, um die Hetze zu beginnen. So bot jetzt die Auffindung des ermordeten Mädchens willkommenen Anlaß, den Haß und die Erbitterung gegen die Juden zum Ausbruch kommen zu lassen, und es war durchaus nicht die Religion, sondern der Brodneid und der blinde politische Verfolgungswahn, was zu den gegenwärtigen Exzessen führte. Unter dem Kabinet Trikupis waren die Juden gegen derartige Verfolgungen geschützt, der Regierungswechsel dagegen hat die aufgeregten Elemente ermuthigt, und das Alles dürfte der einzige Grund zu den Ausschreitungen des Pöbels gewesen sein. Daß schon früher die Stimmung gegen die Juden in Corfu eine sehr feindselige war, beweist der Umstand, daß in früheren Jahren bei den öffentlichen Wahlen die Juden unter Gendarmerie-Begleitung zu den Wahllokalen geführt werden mußten,

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