Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1891)
- Date
- 1891-05-08
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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um gegen die Angriffe des Pöbels geschützt zu fein, bis ihnen vor einigem Jahren gestattet wurde, in der Synagoge im Judenviertel, in der sogenannten Ebraica.: abzustimmen. Bemerken will ich noch, daß außer in Corfu im übrigen Griechenland nur wenige jüdische Familien sich,, aufhalten und dem Versuche der Anfiedlung fremder Juden stets erbitterter, sogar in Thätlichkeiten ausartender Widerstand entgegen-, gesetzt wurde. Ernst sind die gegenwärtigen Vorgänge auf Corfu jedenfalls zu nehmen, denn sobald der Fanatisnuls der Grieche!: erregt ist,, dann kennen sie keine Grenzen mehr, und das Messer und der Revolver spielen die Hauptrolle. Wenn die jetzige griechische Regierung nicht energisch vorgeht, so steht noch Schlimmeres für die Juden auf Corfu zu befürchten. Während meines dreijährigen Aufenthaltes in Corfu hatte ich sehr viel Gelegenheit, diese Beobachtungen tagtäglich zu machen, und bin überzeugt, daß meine Vermuthungen volle Bestätigung finden werden. * Athen, 2. Mai. Hiesige Blätter berichten von Ruhestörungen auf Zante, welche anläßlich der Charfreitags-Prozession sich gegen die jüdischen Einwohner richteten. Zur Herstellung der Ruhe mußten die Truppen von ihren Waffen Gebrauch machen. Das Panzerschiff „Miaulis" wurde nach Zante entsandt. * Corfu, 3. Mai. Meldungen gemäß, welche auswärtigen Blättern zugehen, ist die Ruhe hier noch nicht ganz hergestellt. Der Kanzler des französischen Konsulats, ein Jude, wurde auf der Straße vom Pöbel mißhandelt. Rabbiner Fano erbat von der Regierung weitere und umfassendere Schutzmaßnahmen. Täglich treffen neue Truppen ein. Anläßlich des Osterfestes wurde der Ring um das Judenviertel verstärkt; viele jüdische Familien wandern aus. Amerika. * New-Aork, 30. April. Rach kurzer Krankheit hat hat am Montag d. W. im Alter von 75 Jahren ein „alter Deutschamerikaner" von echtem Schrot und Korn, Herr Josef Neustädter, Mitbegründer und langjähriger Präsident des Männer-Gesangvereins „Arion", das Zeitliche gesegnet. Noch vor wenigen Wochen hat der stets heitere alte Herr, der das Leben immer von der besten Seite zu nehmen verstand, von der „Bütt" der Arion-Halle herab fröhliche Lebensweisheit gepredigt; jetzt ist er ein stiller Mann geworden. „Joe" Neustädter war 1816 in Bayreuth geboren, 1846 nach New-Aork gekommen und mit Ausnahme der Zeit des Rebellionskrieges, den er im 8. New-Aorker Freiwilligen-Regirnent mitmachte, seit dem immer in New-Aork ansässig, und bis zu seinem Lebensende im Import- und Drogengeschäft thatig. Am Mittwoch veranstaltete der „Arion" in seiner Halle dem tobten Ex-Präsidenten eine sollenne Leichenfeier, nach deren Beendigung die Ueberreste „Onkel Joe's" im Crematorium zu Fresh Pond in Asche verwandet! wurden. — Die unter dem Namen „Hebrew Sheltering Guardian Soelet^" bekannte Wohlthätigkeits-Gesellschast, für welche namentlich der vor wenigen Monaten verstorbene Richter PH. I. Joschimsen so unermüdlich thätig gewesen, konnte am Montag d. W. zur feierlichen Grundsteinlegung eines neuen, ausschließtich zur Aufnahme von Mädchen bestimmten Waisenhauses schreiten, das im Anschluß an das bereits bestehende, welches z. Z. ca. 500 Insassen beherbergt, an 151. Str. und 11. Ave. errichtet wird. Das Gebäude, das etwa 100,000 Dollar kosten wird, soll bis zum Herbst vollendet sein, worauf alsbald die irn alten Hause befindlichen 267 Mädchen nach demselbbn transferirt werden. Das alte Haus bleibt alsdann ausschließlich zur Aufnahme von Knaben reservirt. d Non Nah und Fern. ---- Zu wohlthätigem Zwecke hat am Sonntag den 3. Mai im Gotteshause der Berliner Reformgemeinde ein Konzert unter Leitung des Herrn Professor Emil Breslaur stattgefunden. Mitwirkende fwaren die Herren Professor de Ahna, Kammersänger Rothmühl, Franz Grunicke (Orgel), das Kosleck'sche Posaunenquartett und der Chor der Reformgemeinde. — Zum Dirigenten des Chors in der Lindenstraße ist, wie wir hören, unser Mitarbeiter Herr William Wolf in Aussicht genommen. — Der Humanitäts- Verein für jüdische Gewerbetreibende „Gewal tow" hat am 5. Mai eins außerordentliche Generalversammlung im Hotel Imperial abgehalten.— Geheimrath v. Bleichröder hat dem Fürsten Bis-Marck für den Fall, daß dieser Vach Berlin käme, um an den parlamentarischen Verhandlungen sich zu betheiligen, eine rnöblirte Villa mit Equipage und Dienerschaft zur Verfügung gestellt. — In Hirschberg hat sich ein Antisemiten-V erein gebildet, der bis jetzt schon ganze siebzehn Mitglieder zahlen soll; auf viel mehr durfte er es jedoch kaum bringen, denn Hirschberg ist kein Ort, wo antisemitischer Weizen blüht. — Im Reichswahlkreise Kassel-Melsungen werden (an Stelle v.Weyrauch's) die Antisemiten wieder den Oberlehrer Paul Förster anfstellen. — Herr Amtsrichter Grunwald in Rybnick ist zum Amtsgerichtsrath ernannt.worden. — Aus der Sittengeschichte unserer Gegner sind wieder einige eklatante Proben zu verzeichnen: 1. Jn Stolp in Pommern starb vor einigen Wochen Justizrath Göh ring, ein bekannter Antisemit. Derselbe opferte für seinen Judenhaß manches nette Sümmchen. Nun, nach seinem Tode hat sich, wie der'-„Jsr." meldet, herausgestellt, daß er sich unendlich viele Betrügereien und Unterschlagungen von Geldern von Wittwen und Waisen zu Schulden kommen ließ, und daß er mit Zuchthaus bestraft werden würde, wenn er noch lebte. Es herrscht in der Gegend allgemeine Entrüstung und Aufregung. 2. Zwei Gestellungspflichtige aus dem benachbarten Dorfe Biewer bei Trier kehrten jüngst in etwas angeheiterten:' Zustande von Trier nach ihrem Dorfe zurück. In dem dortigen Wirthshause fanden sie nichts Besseres zu' thun, als einen anwesenden jüdischen Burschen wegen seiner Religion zu hänseln. Der gleichfalls anwesende Schuhmachermeister Michael Cartus machte sie auf das Ungehörige ihres Betragens aufmerksam, worauf die beiden Kerle über den unbequemen Mahner herfielen und ihm, einem 65jährigen Greise, mit ihren Biergläsern die Schädeldecke zertrümmerten. Cartus konnte eben noch die letzte Oeluug erhalten, dann verschied er. Die beiden Todtschläger wurden sofort hinter Schloß und Riegel gebracht. 3. Der antisemitische Führer Fleifchrnann in Graz, welcher sich vor einigen Wochen das Leben nahm, hat, wie jetzt festgestellt worden ist, aus den von ihm geleiteten Vereinskassen 37,000 Gulden unterschlagen. Die Hinterbliebenen des Betrügers verweigern, wie die „Wurzener Ztg." schreibt, die Deckung dieser Summe. — In Windsheim (Hessen) fand vor Kurzem ein Prozeß gegen den Veranstalter eines Fastnacht-Umzuges statt, bei dem jüdische Typen mit vorgeführt wurden (ein Jude am Galgen) zur Erheiterung des Publikums! Einige Israeliten haben daran natürlich Aergerniß genommen und die Sache angezeigt. Die Angeklagten wurden wegen „groben Unfugs" verurtheilt. — Herr Alexander Werthaner, der Vorsitzende des Vorstandes der israelitischen Gemeinde in Leipzig begeht am 29. Mai die Feier seines siebzigsten Geburtstages. — In Wien haben in sämmtlichen Bezirksausschüssen bei den Stichwahlen die Liberalen gegen die antisemitischen Kandidaten gesiegt. — In Bodenvach i. Böhmen ist kürzlich eine Judenbekehrung gelungen. Der gewesene jüdische Direktor der Kohn'scheu Holzsteinfabrik in Rosamitz Namens Flies ließ sich von dem Bisthums-Verweser Nittel taufen. Nach zwei Tagen pumpte er seinen Taufpathen um 200 fl. an und ist mit dem Gelde — nach Rußland gereist, wo ihm das Taufzeugniß den Eintritt ins Land ermöglicht! — Das österreichische Unterrichtsministerium hat den Beschluß des Professoren-Kollegiums der philosophischen Fakultät zu Wien auf Zulassung der Habilitation desGyrnnasial-Professors Dr.W. Jerusalem als Privatdozent der Philosophie genehmigt. — Herr Al Phons Bloch, Mitglied des israelitischen Konsistoriums in Paris, ist zum Vorsitzenden der Anwaltskammer des Appellaiionsgerichtshofes ernannt worden. — Herr Achill es Brühl, der langjährige Vorsitzende der Gesellschaft der Civil-Jngenieure, ist mit dem Orden der Ehrenlegion dekorirt worden. — Die in Marseille aus Syrien und Aegypten eingetroffene Post bringt folgende Nachrichten: Die Engländer, eifersüchtig auf den überwiegenden Einfluß, der Franzosen in Syrien, welche die Hafenbauten in Beirut, die Route nach Damascüs und die Bahnlinie Jaffa- Jerusalem ausführen, planten nunmehr eine Eisenbahn von Saida nach Damascüs über den Libanon. Die Pläne seien bereits fertig und der türkischen Regierung unterbreitet. — Die Juden in Indien scheinen eine große Vorliebe für den Soldatenstand zu haben; ällßer einer großen Anzahl, die in den verschiedenen Regimentern dienen, bestehen 2 Kompagnien des Regiments Prince of Wales-Grenadiere ausschließlich aus Juden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.