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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-08 · Heft 19 (8.5.1891) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 19 (8.5.1891)
Date
1891-05-08
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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lang hausiren gehcil könnte. Indem die Reichsregierung durch die im „Reichsanzeiger" veröffentlichte Notiz bekundet, daß sie das erstaunliche Buch des Herrn Paasch gelesen, giebt sie zu der Frage Anlaß: ob sie nicht erschrickt vor dem tiefen Abgrund, an dessen Rand uns der Antisemitismus in seiner üppigsten Entfaltung gebracht hat? Denn nichts Anderes als die Frucht der jahrelangen antisemitischen Verhetzung, welche so und so vielen Leuten den Kopf verdreht hat, ist das zweibändige Werk des Herrn Paasch, gegen welches die NeichsregierMg jetzt den Staatsanwalt aufruft! -- * Berlin, 3. Mai. Bon der Wahrheitsliebe der Antisemiten giebt das Stöckerblatt „Das Volk" neuerdings wieder einen hübschen Beweis. Es schreibt nämlich: „Wer die Wortführer der Sozialdemokraten sind, darüber giebt die Liste der fremden Delegirten auf der Mailänder „Internationalen Versammlung für die Rechte der Arbeit" bemerkenswerthe Auskunft. Vertreter der deutschen „Arbeiter" ist Jacobi, der österreichischen F. Kupstein, der spanischen H. Salomon, der englischen Holhday und Bart, der französischen Rouanet und Guesde; also züm größten Theile Juden." Von den hier Genannten ist kein einziger ein Jude. * Berlin, 5. Mai. Das Gerücht, die Rothschildschen Häuser seien infolge der in Rußland gegenwärtig stattfindenden Maßregeln gegen die Juden von dem Vertrage bezüglich der Emission einer neuen 3proc. russischen Goldanleihe von 500 Millionen Francs zurückgetreten, hat gestern alle Börsen, namentlich die Berliner, auf's Tiefste erregt und zu den lebhaftesten Diskussionen über die Möglichkeit eines solchen Rücktritts Veranlassung gegeben. Wir haben selbstverständlich nicht das geringste Interesse an diesem, wie überhaupt an allen Unternehmen der Börse. Aber den Wunsch, daß jenes Gerücht sich einmal bewahrheiten möchte, können wir an dieser Stelle doch nicht unterdrücken. * Breslau, 3. Mai. In den letzten Tagen ist in der Presse hie Mittheilung verbreitet, die Regierung zu Breslau habe die Zulassung jüdischer Arbeiter aus Russisch-Polen untersagt, weil dieselben in der Regel herüber kommen, um Handel zu treiben. Ein Erlaß der Breslauer Negierung dieses Inhalts ist neuerdings nicht ergangen; die Mittheilung ist augenscheinlich nur die um einige Monate verspätete ungenaue Wiedergabe einer Stelle aus den im Februar ergangenen Bestimmungen des Breslauer Regierungspräsidenten über die zeitweise Zulassung russisch-polnischer Arbeiter, in welcher den Behörden zur Pflicht gemacht wurde, bei der Zulassung von Einwanderern jüdischer Religion zu prüfen, ob dieselben nicht etwa des Handels wegen herüberkommen. Da die Zulassung russisch-polnischer Einwanderer lediglich zu Gunsten der landwirthschaftlichen und industriellen Betriebe erfolgt iit, sollen die Behörden darüber wachen, daß die Einwanderung wirklich diesen Zwecken dient. Das ist etwas Anderes, als ein grundsätzliches Verbot der Einwanderung jüdischer Arbeiter. Hannover, 2. Mai. Die Orthodoxie von der Hirsch'schen Farbe hat in unserer Gemeinde einen bemerkenswerthen Sieg davongetragen, indem Herr Isaak H i rs ch, der frühere Redakteur des „Jeschurun" und jetzige Mitredakteur des „Israelit" zum zweiten Vorsteher gewählt worden ist. Der Sieg gilt nicht der Sache, sondern der Person des Gewählten, der durch seine Thätigkeit und seine Begabung sich weiter Beliebtheit erfreut. Ueber die Bedeutung und etwaigen Folgen der Wahl werden wir uns demnächst aussprechen. Oesterreich - Ungarn. w. Wien, 1. Mai. Dr. Bloch hat sich das große Verdienst erworben, indem er Rohling mundtodt machte; er hat in den letzten Tagen sein Verdienst gemehrt, indem er den Mechaniker Schneider zu Boden streckte. Der Mechaniker Schneider ist einer der größten Anlifemitßii und dabei durch und durch ein anrüchiger Charakter. Man hat ihn wiederholt der niederträchtigsten Dinge angeklagter jedoch ließ Alles ruhig über sich ergehen. Klagen konnte er nicht, da er befürchten mußte, daß sein seltsamer Charakter ganz zur Schau gestellt werde. Bei einer der letzten Reichsrathssitzungen störte er wieder in frecher Weise den Redner. Mehrere Abgeordnete, darunter auch Dr. Bloch, mahnten ihn zur Ruhe. Da rief Schneider Bloch zu: Sie gehören nach Kolomea! und dieser erwiderte schlagfertig: Und Sie ins Zuchthaus! Der Präsident Dr. Smolka wollte die Sache todtschweigen, doch Bloch brachte sie nochmals auf die Tagesordnung und klagte überdies darüber, daß der Präsident die unzukömmlichen Zwischenrufen gegen die Juden dulde. Nun ist es ganz außer Frage, daß Schneider nicht klagen wird. Nichtsdestoweniger ist der Anfang vom Ende für ihn emgetreten. Matt kann nämlich sicher darauf rechnen, daß ihm bei einer Unzukömmlichkeit, die er sich ferner im Abgeordnetenhause wird zu Schulden kommen lassen zugerufen werden wird: „Zuchthäusler" und über kurz oder lang wird er den Platz räumen müssen, da doch kein anständiger Mensch gern in Gesellschaft von solchen Leuten ist. N-ä. Prag, 1. Mai. Vor 50 Jahren traten in Prag vier schlichte Männer zusammen, um hier einen Verein zu gründen,'der die Devise: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" zu seinem Wahlspruche zu machen und den unbemittelten Mitmenschen ihr bedauernswerthes Dasein erträglicher zu gestalten hätte. Aus kleinen Anfängen Hai sich der Verein im Laufe der Jahre Dank der unvergleichlichen Wirksamkeit seines jeweiligen Vorstandes und Dank der heroischen Opferwilligkeit seiner Freunde und Gönner zu einem mächtigen Faktor der hiesigen Armenpflege emporgeschwungen. Aus Anlaß des 'fünfzigjährigen Bestandes veranstaltete der Verein am 19. April eine erhebende Jubiläumsfeier. Schon am Tage zuvor hatten Deputationen fast aller Humanitären und wissenschaftlichen Vereine bei Dr. Bendiener, der zugleich sein 25jähriges Jubiläum als Vorstandsmitglied beging, vorgesprochen, um ihre Glückwünsche zu überbringen. Der Vorstand des Nächstenliebe-Vereines überbrachte seinem Direktor als Zeichen der Verehrung ein kostbares Ehrengeschenk. Die eigentliche Feier fand am 19. April Vormittags im neuen israelitischen Tempel zu Prag statt. Ein distinguirtes Publikum, unter dem sich der Vizepräsident der Statthalterei, Hofrath Friedl Ritter von Friedensee, Hofrath und Polizeidirektor Ritter von Stejskal, Statthaltereirath Zabusch, die Spitzen der Behörden, Deputationen vieler Vereine u. s. w. befanden, wohnte derselben bei. Der Prediger der Tempelgemeinde, Herr Dr. Gel b h aus, hielt die wahrhaft ergreifende Festpredigt. Der andere Theil bestand aus musikalischen Borträgen, die vom Tempelchor mit Orgel- und Orchesterbegleitnng exekutirt wurden. Um 4 Uhr Nachmittags fand im Sitzungssaale des Altstädter Nathhauses die 50. ordentliche Generalversammlung statt, bei der Herr Dr. Bendiener die Festrede hielt. Derselbe war gleichfalls Gegenstand der herzlichsten Ovationen seitens der Versammlung. ^Der Geschäfts- und Kassebericht wurde einhellig genehmigt, dem abtretenden Vorstande Dank und Vertrauen votirt und derselbe sodann einstimmig wiedergewählt und um zwei Mitglieder vermehrt. Getreu den Zwecken, die der Verein verfolgt, hatte man auch anläßlich der Jubelfeier der Armen nicht vergessen und unter dieselben einen Betrag von 2000 Gulden zur Vertheilung gebracht. Großbritannien. * London, 30. April. Die Blätter veröffentlichen ein ausführliches Projekt des Baron Hirsch bezüglich Errichtung jüdischer Kolonien in Amerika. Die erste derselben soll in Argentinien, die zweite in Brasilien, zwei andere in anderen südamerikanischen Staaten angelegt werden. Man will die Kolonien um deswillen in Südanerika gründen, weil die (Ltrenge der Einwanderungsgesetze der Vereinigten Staaten von Nord- Amerika der Ausführung des Planes in der Union hinderlich ist. Die Kosten des Projektes werden auf 150 Millionen Francs berechnet. Baron Hirsch wird selbst 75 Millionen zeichnen. Es wird ein Aufruf an alle Israeliten erlassen werden, zur Ausführung des Planes beizutragen. — Neueren Nachrichten zufolge mußte der Plan, die russischen Juden in der Argentinischen Republik anzusiedeln, aufgegeben werden. Der Baron hatte bereits Vorkehrungen getroffen, ohne Rücksicht auf die dadurch entstehenden Kosten, seinen Plan zur Ausführung zu bringen, da die Auskunft der dorthin eutfenbeten Experten eine ganz befriedigende war. Die Negierung war, wie es scheint, damit einverstanden, den Kolonisten das Land zu öffnen, aber der Vorschlag rief eine solche Opposition von Seiten der Presse und der Bevölkerung hervor, daß die Regierung die Genehmigung zurückziehen mußt^ — Wie wir erfahren, hat Baron Hirsch auch dem Staate Uruguay einen ähnlichen Vorschlag unterbreitet, aber auch hier mußte leider die Ausführung des Planes an der Opposition der Presse und der Bevölkerung scheitern. Rußland. * Petersburg, 21. April. Wie bereits telegraphisch gemeldet, sind die Paßbeschränkungen für ausländische nach Rußland reisende Juden aufgehoben worden. Laut den seit dem Jahre 1876 bestehenden Paßvorschriften haben alle ausländischen Unterthanen mosaischer Religion' behufs Erlangung des Visas zur Reise nach Rußland die spezielle Erlaubniß des russischen Ministeriums des Innern in Petersdttiii, giVa.:.'iiT

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