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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-08 · Heft 19 (8.5.1891) · p. Seite 228

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 19 (8.5.1891)
Date
1891-05-08
Page
Seite 228 (sequence 12)
Language
German
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. 228 Sie kannte alle Hindernisse, welche sich gegen eine Verbindung mit ihm in den Weg stellten; sie wußte genau, wie unbesiegbarWe waren, allein die Leidenschaft für den jungen Mann hatte dennoch feste Wurzeln in ihrem Herzen geschlagen; für eine Sekunde ^des Glückes hätte sie gem ihr ganzes anderes Leben geopfert. . , Die „kleine Jüdin", wie er als Knabe die Freundin seiner Schwester genannt, war ihm schon als Kind interessant und lieb gewesen; als er sie als voll erblühtes Mädchen wiedersah, das leise Zittern der kleinen weißen Hand fühlte, die einen Moment zum Willkommengruß in der seinen ruhte, da war ihr beiderseitiges Schicksal entschieden. Das anmuthige Bild des Judenmädchens begleitete ihn, als er seinen Studien oblag; er hielt es als sein liebstes Gut fest, als er in die Vaterstadt zurückgekehrt war, um sein Amt zu erfüllen. Daß ihn Rosa liebte, wie eben nur ein reines, unentweihtes Frauenherz zu lieben vermag, hatte ihm das Wiedersehen gelehrt, und wenn sie auch bisher das entscheidende Wort noch nicht auszusprechen gewagt, so bildete doch Conrad Hochbaum den Inhalt ihres Lebens, ihres Denkens und Fühlens, wie auch seine ganze Seele erfüllt war von deni Gedanken an sie. Der junge Jurist übte einen Zauber auf sie aus, dem sie sich nicht zu entziehen vermochte. Von einem fröhlichen, hellenischen Geiste beseelt, schön wie Apoll, verstand er es, ohne leichtsinnig zu sein, den Honig aus jeder Blume zu saugen, mit voller Seele das Glück des Daseins zu genießen. -Bei den angenehmen, wohlgeordneten Verhältnissen seines elterlichen Hauses konnte sich sein feuriges Temperament, seine übersprudelnde Lebhaftigkeit, sein Geist frei entfalten; von den Seinen abgöttisch geliebt, hatte er nie nöthig gehabt, sich einen Wunsch zu versagen, sich etwas zu ertrotzen. Die Sorgendes Lebens, welche so drückend auf Josef Herzfeld gelegen, waren Conrad fern geblieben; jene Kanten und Ecken im Wesen des jungen Mediziners, die dazu beitrugen, daß sein angenehmes Aeußere nicht zur vollen Geltung kam, ja oft ihm etwas Kaltes, Schroffes gaben, fehlten bei Conrad Hochbaum, dessen ganzes Wesen etwas Jugendlich frisches, etwas Ritterliches hatte, wie auch seine Manieren stets den vornehmen, wohlerzogenen jungen Mann verriethen. Rosa hatte wacker gekämpft, um das schöne, verführerische Bild des Jugendbekannten aus ihrem Herzen, aus ihren Träumen zu verbannen. Sie kannte die tiefe Kluft, welche die Tochter des orthodoxen Juden von dem Christen trennte; sie wußte, welch' schweres Leid ihr aus der Liebe zu Hochbauni erwachsen; wie viel Kummer und Eleüd sie damit ihren Angehörigen bereiten mußte. Sie konnten ihr auch den seelischen Abfall nicht verzeihen, sie würden die Liebe des christlichen Mannes für sie als ein Unglück betrachten, da sie den Gedanken an eine damit verbundene Heirath als eine Unmöglichkeit verwerfen mußten. Rosa zitterte bei dem Gedanken, ihr Vater oder Eines der Ihrigen könne ihr Geheimniß errathen; der Moment könne eintreten, in dem sie ihre Liebe bekennen, wo sie wählen sollte zwischen dem Glück des Herzens und dem Glück der Eltern und Geschwister, welche bisher so eng mit ihr verwachsen gewesen; von denen ihr eine Loslösung fast unmöglich erschien. An eine eheliche Verbindung mit Conrad wagte sie nicht zu denken. Auch seine Eltern hätten wohl den Segen dazu verweigert. Der Gedanke, Rosa Herzfeld als Tochter zu betrachten, wäre wohl weder der Frau.Räthin, noch deren Gatten je eingefallen, weyn sie auch Elses Umgang mit Rosa duldeten. Wie es gekommen, daß sie und Conrad sich lieben gelernt, wußte Rosa selbst nicht, — die Thatsache stand aber fest und mit Entsetzen fühlte sie, daß für sie eine Trennung von dem geliebten Manne gleichbedeutend mit Elend war, — eine Verbindung mit ihm aber, wie die Verhältniffe tagen, undenkbar sei. Die Verhältnisse der kleinen Stadt legten dem liebenden Paare einen großen Zwang auf. Niemand durfte eine Ahnung davon haben, wie heiß Conrad Hochbaum Rosa liebte, wie fest er sich gelobt hatte, sie oder Keine zum Weibe zu nehmen. Was er ernstlich gewollt, hatte er bisher stets erreicht, schlimmsten Falls führte er Rosa, wenn sie seine Gattin geworden war, fort von der Heimath; für immer zürnten seine Eltern dem einzigen Sohne nicht, und in seinen Augen galt das Glück des Herzens, das Glück und die Zukunft der Geliebten höher als der kindliche Gehorsam, welcher — wie er auch jetzt Rosa zuraunte —, indem er ihre bebende Hand an seine heißen Lippen preßte — seine bestimmten Grenzen haben müsse. Erst ein einziges Mal hatte es Conrad möglich zu machen gewußt, Rosa allein zu sprechen und ihr dabei von seiner heißen, aufrichtigen Liebe zu reden. Ihr tiefes Erschrecken darüber, — die Angst, welche aus ihren, in Thränen schimmernden Augen hervorlenchtete, das sanfte schmerzliche und doch wiederum so selige Lächeln, welches um den süßen Mund spielte, während ihre Blicke, wie Mitleid erflehend an ihm hingen, hatten eine Wiederholung des Geständnisses bis heute nicht erlaubt. Er ehrte das jungfräuliche Empfinden, die keusche, scheue Zurückhaltung, welche sie ihm von jener Zeit an gezeigt, obwohl sie nicht stark genug war, das heiße Empfinden für ihn, die zärtliche Liebe, die sie für ihn fühlte, ganz zu verbergen. Um den günstigen Moment unbenützt vorübergehen zu lassen, dazu war Conrad eine viel zu feurige, thatkräftige Natur. Er fühlte sich Manns genug, um das Mädchen seines Herzens den Verhältnissen abzuringen. Seine Absichten waren rein und uneigennützig; es handelte sich bei ihm nicht um einen ftivolen Liebeshandel, bei dem der Frieden und die Ehre eines Mädchens so leicht zu Grabe getragen wird, sondern um ein ernstes,- wahrhaftiges Gefühl, um die Zukunft zweier edler, zum Glück berechtiger Menschen. Er wollte von Rosa keine Unmöglichkeit fordern; die Tochter des alten Herzfeld, des frömmsten Juden der Gemeinde, konnte niemals ihren Glauben mit einem andern vertauschen, nimmermehr Christin werden; sie hätte den inner» Zwiespalt, trotz ihrer Liebe zu ihm, nicht zu überwinden vermocht, und das Glück der Ehe wäre dadurch gefährdet worden, aber das war, dank den modernen, staatlichen Institutionen, auch gar nicht mehr nöthig. Conrad stand auf so freiem religiösen Standpunkte, daß ihm eine Civilehe vollkommen genügte; Rosa konnte ihm also angehören, ohne den Glauben ihrer Väter abzuschwören. Die Conrad „altmodisch" erscheinenden jüdischen Begriffe des Mädchens mußten sich in dem nahen Umgang mit ihm, dem liberal denkenden Manne, nach und nach abschleifen. Das junge Paar fühlte den Zauber der Sommernacht ganz und voll, als es Arm in Arm, die Blicke in einander versenkt, durch den stillen Wald heimwärts schritt. (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Moste in Berlin Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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