Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1891)
- Date
- 1891-05-08
- Page
- Seite 227 (sequence 11)
- Language
- German
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227 —- Ammianus Marcellinus wohl nur so gelesen haben, wie Gulliver in Lilliput gewesen ist. Vor Allem hätte es doch auffallen müssen, wie der Kaiser von den Juden sagen konnte, sie seien schlimmer oder plus betes als die Markomannen, weil sie schlecht rochen. Auch mit dem Knoblauchduft Andrees verträgt sich die Stelle nicht gut, man müßte denn annehmen, die deutschen Stämme der Markomannen und Quaden hätten beinahe so viel Knoblauch gegessen, als die Juden. Wie die verschiedenen deutschen Stämme zur Zeit der Völkerwanderung gerochen haben, wiffen wir freilich nicht, nach Knoblauch wohl aber nicht, eher nach den rohen Thierfellen, die sie zuweilen trugen. Wenn Papst Stephan III. in einem Briefe an Karl den Großen die Longobarden koetentissirna gens, de cujus natione et leprosum genus oriri certum est nannte, *) so that er es vielleicht nur, um den Frankenkönig desto mehr gegen die Longobarden aufzuhetzen. Doch kehren wir zu Ammianus zurück, der nebenbei gesagt zweihundert Jahre nach Mark Aurel lebte, und schlagen wir die Stelle auf, wo er von diesem Kaiser erzählt. Zu unserer Ueberraschung finden wir, daß die Bücher, in welchem er die Zeit Mark Aurels behandelt, schon längst verloren gegangen sind. An der vielcitirten Stelle (lid. XXII. 5) spricht er auch gar nicht von diesem Kaiser, sondern von dem zum Heidenthum übergetretenen Kaiser Julian, der zweihundert Jahre nach Mark Aurel lebte. Ob Julian kompetent war, über Reinlichkeit und Wohlgeruch zu urtheilen, mag man daraus schließen, daß er mit einer gewiffen Selbstgefälligkeit von seinen schmutzigen Händen, seinen langen Nägeln und seinem von gewiffen Thieren (&ötlQec) bevölkerten struppigen Bart sprach. Glücklicher Weise hat keiner der erwähnten zwei Kaiser über den Geruch von Juden oder Markomannen geurtheilt! Ammianus erzählt nämlich, wie Julian Apostata sich vergeblich bemühte, die unter einander streitenden Christen (nuUas infestas hominibus bestias ut sunt sibi ferales plerique Christianorum expertus) zu beruhigen und ihnen zurief: „Höret mich, den die Alemannen und Franken anhörten!" „Er wollte damit ein Wort Mark Aurels nachahmen: „8ed parum advertit hoc ab eo nimium discrepare. Ille enim cum Palaestinam transiret petentium Judaeorum et tumultuantium saepe taedio percitus dolenter dicitur exclamasse: 0 Marcomanni, o Quadi, o Sarmatae, taudem alias vobis inquietiores inveni.“ Es waren also die bittenden und lärmenden Juden, welche dem Kaiser lästig fielen, und die er für noch unruhiger oder dümmer als die Markomannen erklärte. Auf diese Weise wird erst die Stelle klar und verständlich, und der foetor judaicus verschwindet, als ob man ein paar Eimer Lau de Cologne ausgeschüttet hätte. Neben dem Völkergeruch giebt es aber auch einen spezifischen Zeitgeruch. Ich glaube nämlich, daß im Alterthum ein anderer Geruch herrschte als im Mittelalter, ein anderer als in der Gegenwart. Die alten Römer, die so häufig badeten und wohlriechende Salben gebrauchten, werden wohl einen dementsprechenden Geruch in ihrem Reiche verbreitet haben, einen andern als die frommen Leute des Mittelalters, bei denen jede Pflege des Körpers als Sünde galt. Alte venetianische Chronisten erzählen, daß die Frau des Dogen Selvo, eine byzantinische Prinzessin (im elften Jahrhundert) einen bis dahin in Venedig unerhörten Luxus entfaltete: Sie aß mit einer Gabel, gebrauchte wohlriechendes Wasser, trug parfümirte Kleider und wusch sich täglich das Gesicht mit frischem Thau. Zur Strafe dafür bekam sie eint solche Krankheit, daß sie entsetzlich roch.') Von manchen Heiligen wird rühmend berichtet, daß sie sich nie gewaschen haben, und Michelet behauptet sogar, daß sich auch die tapferen Ritter nicht zu waschen pflegten: „Die Parzival, die Tristan, ja selbst die schöne Isolde, wuschen sich nicht, daher hat es sie im romantischen dreizehnten. Jahrhundert so fürchterlich gejuckt." Und welchen Eindruck würde auf einen antiken Röiner oder mittelalterlichen Ritter unser Jahrhundert mit fernem Geruch von Leuchtgas, Tabak und Steinkohlen machen? Ich will mich hier mit diesen Andeutungen begnügen, vielleicht findet sich Jemand dadurch veranlaßt, den Gegenstand gründlicher zu behandeln. d FEUILLETON Gott ist die Liede. Novelle von O. Bach. (Fortsetzung.) Um nicht gesehen zu werden, hatte er sich so tief zur Erde gebückt, daß man ihn bei dem zweifelhaften Lichte, welches der Mond auf die Erde warf, kaum von dem Baumstämme hätte unterscheiden können, auch wenn das junge Paar nicht so vertieft in das gegenseitige Anschauen gewesen, wie es hier, bei dem langsamen Vorüberschreiten der Fall war. Heimchen bedurfte der ganzen Kunst der Beherrschung, um seinen Schreck und seine tiefe Bestürzung bei dem Anblick, der sich ihm bot, nicht durch einen Ausruf zu verrathen. Rosa Herzfeld und Conrad, der „schöne" Conrad Hochbaum, Arm in Arm in zärtlichem Liebesgeflüster. Heimchen fühlte sich wie gelähmt; er mußte eine ganze Weile still stehen, ehe er sich soweit gefaßt hatte, um den Weg fortzusetzen. Gott, was würde der alte Hcrzfeld zu dieser Neuigkeit sagen, die ihm mitzutheilen Heinichen für seine Pflicht hielt; und die alte brave Mutter und Doris, o, und erst David Frank, welcher ihm vor kaum einer Viertelstunde seine Wünsche und Hoffnungen anvertraut und keinen Moment an der Realisirung derselben zweifelte, da er sich zu der, selbst von Heimchen tief bewunderten Großmuth aufgerafft hatte, auf jede Mitgift, ja Aussteuer verzichten zu wollen, wenn Herzfeld in seine Verbindung mit Rosa willige. Das junge Paar war bald seinen nachstarrenden Augen entschwunden; er schüttelte sich ein paar Mal, als könne er damit einen recht häßlichen Gedanken loswerden; das unschöne Gesicht nahm einen recht traurigen Ausdruck an, als er wieder vorwärts schreitend, das eine, so bezeichnende jüdische Wort „Nebbich" vor sich hinmurmelte. Unterdessen wanderten Conrad und Rosa, ohne die Gefahr zu ahnen, welche ihrem süßen Herzensgeheimniß drohte, immer langsamer weiter. Es war nach langer, langer Zeit das erste Mal, daß sie allein und doch in den Augen der oft so schnell und unbarmherzig urtheilende» Welt, nicht unbeschützt waren. Das Helle Lachen Elsa's, die laute, tiefe Stimme ihres Vaters drang von Zeit zu Zeit an ihre Ohren, und Conrad verstand es so meisterhaft, die Unruhe des geliebten Mädchens zu beschwichtigen. Seit zwei Jahren wußte Rosa, wie sehr Conrad Hochbaum sie liebte, ach, und wie heiß sie sein Gefühl erwiederte. ') Bei Gregorovins, Geschichte der Stadt Rom II. 320. 2) Die Lesart petentium ist jetzt als die richtigste anerkannt, anstatt inquietiores lesen Manche ineptiores oder inerliores. ') Romanin, Storia documentata di Venezia libro IV. cap. 2. Vergleiche damit die Schilderung eines schmutzigen Eremiten durch den heiligen Pier Damiani, bei Gregorovins IV. 99.