Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1891)
- Date
- 1891-05-08
- Page
- Seite 224 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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224 Briefe an einen Freund. Von Emil Lehmann. 4. Ein Wohlthätigkeits-Verein. Sehr dankbar bin ich Dir, lieber Freund, für Zusendung des Jubelberichts: „Der Hilfsverein für jüdische Studirende in Berlin von 1841 bis 1891" und der von dessen Vorsitzenden, Geh. Justizrath Prof. Dr. Goldschmidt, am 26. Februar 1891 gehaltenen Jubelfestrede. Da geht Einem wirklich das Herz auf, wenn man liest, und ohne das sonst so häufige Phrasengeklingel, ohne die leider hier und da beliebte Lobhudelei liest und mit trockenen Ziffern belegt und bewährt findet, was Edelsinn und Gemeingefühl geleistet hat. Aus kleinem Anfang heraus hat sich ein Verein entwickelt, der in den 50 Jahren seines Bestehens 1403 Stipendiaten mit rund 411,000 Mkunterstützt hat, davon 811 Studenten der Medizin, 348 Studenten der Philosophie, 244 Juristen. Ich folge in dem Ziffernwerk dem trefflichen, von dem bewährten Statistiker Sanitätsrath Dr. S. Neumann geschriebenen Bericht, einem wahren Muster gründlicher Arbeit und einer beseelten Beweisführung für den Werth der Zahlen, einer trefflichen Probe auf die Richtigkeit des Psalmenworts: Unsere Tage (und Handlungen) zu zählen lehre uns. Von 350 ehemaligen Stipendiaten des Vereins ist das fernere Lebensgeschick bekannt. Es sind darunter 250 Aerzte, deren viele besondere behördliche Auszeichnung, kollegiales Ansehen, besten Ruf genießen, ja eine verhältnißmäßig große Anzahl beamtete Aerzte in der höheren Verwaltung, Gerichtsärzte, Militärärzte sind. Ein Drittel der 50 bis 60 Juristen, die der Verein als Studenten unterstützte, sind Richter. Aus der Mitte der vom Verein unterstützten Studenten der Philosophie gingen 20 hochgeachtete Rabbiner, zum Theil in Großgemeinden wirkende, hervor. 12 ehemalige Vereins-Stipendiaten wirken als Profefforen in allen drei Fakultäten an deutschen bezw. ausländischen Universitäten. Dies Ergebniß spricht beredt und bedeutungsvoll. „Gebt Acht auf die Kinder der Armen, denn von ihnen geht die.Lehre, d. i. die Wissenschaft, aus." Der alte Satz hat sich hier aufs Neue und glänzend bewährt. Vor mehr als 50 Jahren errichteten Berliner Studenten aus GlHau, jüdischen Glaubens und Geistes, dem Andenken eines Heimgegangenen Freundes das Unterstützungswerk unter dem Namen: „Adolphstift". Vor 50 Jahren entwickelte sich daraus der Hilfsverein, gegründet von 43 Berliner Studenten jüdischen Bekenntnisses und 35 Freunden aus dem Kaufmannsstande. Damals war nur ein Stipendium an der Berliner Universität Nichtchristen auch zugänglich. Die ursprüngliche Absicht der jugendlichen Gründer, ihre Stiftung auch äußerlich mit der Universität Berlin in Verbindung zu bringen, gelang nicht. Der Senat verlangte mit Recht die Streichung des Ehrenworts aus der Rückzahlungsverpflichtung und lehnte, auch mit Recht, es ab, ein Verzeichnis der jüdischen Studenten an den jungen Verein abzugeben. Wenn nur in allen akademischen Senaten j ed e rzeit die Studenten nur als Studenten, ohne Ansehn des Bekenntnisses, mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten gälten! Die Studentengründung gelangte nach sieben Noth- und Probejahren in die segenskräftigen Hände ansässiger Berliner Glaubensgenossen und gedieh fortan, wie es scheint, als mit Recht bevorzugte Blüthe in dem reichen Kranze von Wohlthätigkeitsanstalten der Berliner jüdischen Gemeinde. Aus den Briefen Berthold Auerbachs ist bekannt, welchen Antheil dieser unvergeßliche Glaubensgenosse an dem Verein und seinen Jahresfesten nahm. Jetzt steht Deutschlands erster Handelsrechtslehrer, Geh. Rath Prof. Dr. Goldschmidt, an seiner Spitze, und es ergreift wunderbar, wenn man hört, wie dieser Mann in seinem Festspruch von dem „sogenannten Blankettgesetz" der Gleichberechtigung erzählt: „Gar Viele unter den noch Lebenden auch ich selbst, haben das zu ihrem eigenen schweren Schaden erfahren" — daß das Gesetz ein todter Buchstabe blieb. Studenten haben den Verein errichtet. Wer das Studentenleben, vollends unserer Tage, kennt, der weiß, daß in diesen Kreisen mehr Sinn zu fröhlichem Lebensgenuß als zu ernster Rücksichtnahme auf bedürftige Kommilitonen vorhanden ist. Es gereicht daher die Gründung eines studentischen Wohlthätigkeitsvereins aus Studentenkreisen diesen zur hohen Ehre. Auch in neuerer Zeit sind an verschiedenen Universitäten von Studirenden jüdischen Bekenntniffes ähnliche Unterstützungsvereine für ihre bedürftigen Studien- und Glaubensgenossen errichtet worden — weil die gleichen Ursachen (verhältnißmäßig wenig Stipendien, die nicht an das christliche Bekenntniß gebunden wären) noch fortwirken. Legen andere Studentenverbindungen Zeugniß ab für die Schneidigkeit, so jene für die Mitleidigkeit. Und wo käme die edle Menschlichkeit besser zum Ausdruck? Ich will keineswegs den Wunsch aussprechen, daß die Studenten jüdischen Bekenntnisses ihren akademischen Mitbürgern nachstehen sollen in geistigen und gesellschaftlichen Beziehungen, daß sie nicht gleiche Kraft und Jugendfrische, Herzhaftigkeit und Formensicherheit sich aneignen sollen — aber im Gegensatz zu der „Schmach unseres Jahrhunderts", den antisemitischen Strebungen eines Theiles der sich deutsch nennenden Studenten, gegenüber gestellt dem „Verein deutscher Studenten", dessen Nährmutter der Haß und der Neid und das Streberthum ist: wie hell leuchtet da der Kranz edler Wohlthätigkeit auf der jugendlichen Stirn von Studenten, welche sich zum Liebesbund der Wohlthätigkeit für minderbemittelte Alters-, Bildungs- und Glaubens- oder doch Leidensgenossen vereinigen! Man hat, hier und da wohl mit Grund, den Vorwurf erhoben, die Juden studiren zu viel, sie fördern das gelehrte Proletariat. Wohl mag in einzelnen Fällen die Eitelkeit der Eltern des Guten zuviel thun, jeden sogenannten „guten Kopf" für das Studium zu bestimmen, als ob es nicht mannigfach andere Berufszweige gäbe, in denen sich ein reger Geist entfalten und wohl fühlen könnte. Aber, so gerechtfertigt die Vor- und Umsicht bei der Berufswahl ist, so verderblich und sündhaft wäre es, den Kindern der Armen die Bahn zur wissenschaftlichen Ausbildung und Bewährung zu erschweren. Die Kulturgeschichte aller Völker, namentlich die deutsche, beweist, daß von den Kindern der Unbemittelten die Lehre, die Bildung ausging. Luther war ein Bergmannssohn, Lessing, Schiller hatten Stipendien. Die Kulturgeschichte der Juden belegt es aus allen Zeiten, welcher Werth auf Talmud-Thora, auf wissenschaftliche Förderung und Unterstützung der Jugend gelegt wurde. Und so möge es bleiben. Möge das schöne Wort Alexander v. Humboldts, das, facsimilirt, den trefflichen Neumann'schen Jubelbericht ziert, fort und fort sich bewähren: „Es ist ein schöner Gedanke gewesen, nach so vielen Bestrebungen zur Hebung des materiellen Gewerbefleißes und zur Erleichterung der arbeitmden Klaffen, auch der Hebung angestammter geistiger Kräfte zu gedenken, die, wie die Geschichte der Wissenschaften und der Künste es uns lehrt, fast in jedem Jahrhunderte glänzende Beispiele schwer erreichbarer Auszeichnung in der Gedanken- und Kunstwelt geliefert haben. Das Erwecken schlummernder geistiger Kräfte ist ein erhabenes Ziel menschlicher Thätigkeit." U