Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1891)
- Date
- 1891-05-01
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 der Jubilar ein dankendes und liebevolles Wort. Es erschien ferner das Beamtenkolleg der Sinai-Loge und überreichte seinem Vizepräsidenten Namens der Loge, ein geschmackvolles Silbergeschenk. Dann folgte das Vorst eh er amt der Jsra eliten unter Führung des Herrn Landrabbiners Dr. Prager, das Kuratorium des Waisenhauses, der Gemeindevorstand, die Gesellschaft „Humanität", das Kuratorium der Jeremias- und Simon Rothfels'scheu Schulstiftung, welches die große Dorische (Philippsohn'sche) Prachtbibel überreichte, die hiesigen Wohlthätigkeitsanstalten, der Hauptausschuß des „Allgemeinen hessischen Volksschullehrervereins", der Armenrath des VI. Bezirks, dessen Vorsitzender der Jubilar schon seit Jahren ist, das Lehrerkollegium des Seminars, der Direktor des Realgymnasiums u. f. w. u. s. w. Den Schluß des Tages bildete ein Festessen, an dem sich über 100 Personen . betheiligten, darunter die Direktoren der höheren Mädchenschule, Dr. Krummacher, der Direktor des Realgymnasiums, Dr. Wittich, und eine Anzahl Lehrer dieser Anstalt, sowie etwa 25 israelitische Lehrer von auswärts. Der Direktor der Realschule, Dr. Ackermann, hatte sein Fernbleiben mit seinem körperlichen Leiden schriftlich entschuldigt unter Hinzufügung des Wunsches ml inultos annos! Der erste Trinkspruch galt Sr. Majestät, unserm erhabenen Kaiser, ausgebracht vom Rechtsanwalt Herrn Dr. Rothfels. Der zweite Trinkspruch auf den Jubilar hatte Herr Landrabbiner Dr. Prager und den dritten auf die Familie des Jubilars Herr Lehrer Gutkind übernommen. Mit herzlichen Worten dankte der Jubilar, all die Ovationen so ausfassend, als seien sie dem Gesammtlehrerstande und nicht seiner Person entgegengebracht. Es reihte sich nun noch Trinkspruch an Trinkspruch, von denen wir nur noch den des Herrn Dr. Wittich auf alle diejenigen, welche Einigkeit, echte Menschenliebe und Duldsamkeit fördern, sowie die der Herren Cornelius, Amram, Black) und des Herrn A. Gotthelft auf den Herrn Landrabbiner erwähnen wollen. Auch an schönen Tischliedern von Cornelius und Herrn Fr. Hoffa-Cassel fehlte es nicht. Erst gegen Morgen fand das Fest feinen Abschluß. Möge es dem Jubilar vergönnt sein, noch viele Jahre wie seither in Körper- und Geistesfrische in seinem Beruf zu wirken! Dresden, 20. April. Wie alljährlich, so hat auch diesesmal der Vorstand unserer Religionsgemeinde einen gedruckten Verwaltungsbericht an die Mitglieder versandt. Wir entnehmen demselben Folgendes: Im Jahre 1890 sind 38 Mitglieder in die Gemeinde ausgenommen worden. Ausgeschieden sind 36, und 10 zwar in Folge Ablebens, 25 in Folge Wegzuges. 1 wegen Austritts aus dem Judenthum. Den Borstand bildeten die Herren Joseph Bondi, Emil Lehmann und Carl Mänkiewicz. Das für die Gemeinde wichtigste Ereigniß des Jahres 1890 war die am 25. April abgehaltene Jubelfeier des fünfzigjährigen Bestandes unserer Synagoge, worüber seiner Zeit an dieser Stelle berichtet worden ist. Von wichtigen Beschlüssen und Vorkommnissen sind folgende zu erwähnen: Mil dem Jahre 1890 ward für die Hauptfesttage — Neujahr und Versöhnungsfest — ein zweiter Gottesdienst von der Gemeinde für diejenigen eingerichtet, welche in der Synagoge keinen Platz finden. Der bereits 1874 eingeführte und fettbem einigemal abgehaltene Kindergottesdienst in der Synagoge ward aus Anregung des Herrn Rabbiner Dr. Winter in diesem Jahr als Jugendgottesdienst nach dem Ritual der Berliner Gemeinde erstmalig wieder am 1. November abgehalten. Er soll in Zukunft aller vier Wochen in der Zeit vom April bis Oktober wiederholt werden, da er sich als eindrucksvoll erwies. Herr Rabbiner Dr. Winter hat einen Religionsbildungsunterricht für solche, die höhere Schulen besuchen, eingerichtet. Das vom Vorstand beantragte Gesuch an das Kultusministerium, den Beginn des Religionsunterrichts erst vom 8. Lebensjahre zu gestatten, hat der Gemeinderath, der keine Ausnahmestellung gegenüber dem Volksschulgesetz wünschte, gegen die drei Stimmen der Vorsteher abgelehnt. Beschlossen wurde, erforderlichenfalls statt Kohen und Levi, Rischon und und Scheni (Erster und Zweiter) aufzurufen; ferner die Seelenfeier dreimal jährlich am Versöhnungsfest, am letzten Peßachfesttage und zweiten Wochensesttage — gleichviel ob diese auf Sonnabend fallen — abzuhalten. — Die Religionsschule wurde von 259 Schülern (144 Knaben und 115 Mädchen) besucht. An derselben unterrichten außer dem Rabbiner noch drei Lehrer und eine Lehrerin. 101 Kinder genossen Freiunterricht, die übrigen zahlen ein Schulgeld von monatlich 2 Mk. Tie Schulprüfung fand am 26. und 29. März, das Schulfest zur Weihefeier am 7. Dezember statt. Die Gemeinde zahlte das Elementarschulgeld für 17 Kinder, 7, bezw. 1 Halbe Freistelle, Bürger-, 10 Bezirksschüler. Außerdem erhielten aus der von Herrn Josef Bondi begründeten Sidonienstistung auf Empfehlung des Vorstandes 5 Bürgerschüler Freistellen. B. Stuttgart, 10 April. Seit einigen Tagen agitirt der Hauptanführer der Antisemiten, Dr. Böckel aus Marburg, in.Württemberg. Von den Tagesblättern spricht besonders der „Schwäb. Merkur" sein Bedauern über diese unberechtigte Agitation aus. — Dem württembergischen Landtag liegt der Entwurf eines Gesetzes vor, betreffend die Ortsschulbehörden, Artikel 3 des Entwurfs lautet: In Gemeinden, in welchen Volksschulen verschiedener Konfessionen bestehen, wird für Schulen jeder Konfession eine besondere Ortsschulbehörde gebildet. In dieselbe sind die Geistlichen der Konfession der Schule, die Lehrer und Schulvorsteher derselben, der Ortsvorsteherund die entsprechende Anzahl weiterer Mitglieder zu berufen, welche nur aus den Mitgliedern der Kpnfessiosschulgemeinde gewählt werden können. Für jede Konfession besteht ein besonderer Schulfond. Oesterreich - Ungarn. w. Wien, 21. April. Wie Ihnen wohl schon bekannt fist, haben die Liberalen bei den Gemeinderathswahlen gesiegt. Sie zählen mehr als zwei Drittel der Mitglieder. Niemand hat ein derartiges Resultat zu hoffen gewagt. Es handelt sich aber nicht blos darum, daß die Liberalen den Sieg errungen haben; an diesen Sieg knüpft sich die Hoffnung, daß es denn doch besser werden wird. Ein großes Verdienst um den Umschwung hat sich Herr Alexander Scharf, der Herausgeber der „Sonn- und Montagszeitung" erworben. Abgesehen davon, daß er stets gegen den Antisemitismus in seinem Blatte gekämpft, hat er im vorigen Jahre einen heftigen Artikel gegen den Führer der Antisemiten und Klerikalen Dr. Lueger veröffentlicht, in welchem dieser angebliche Beschützer des „kleinen Mannes" als ein Advokat hingestellt wird, der den armen Leuten das „Beuschel" (das Eingeweide) herausnimmt. Dr. Lueger sah sich genöthigt, zu klagen. Bei der Schwurgerichtsverhandlung stellte es sich heraus, daß Dr. Lueger thatsächlich ähnliche Dinge gethan. Er pfändete Leute am Weihnachtsabend und nahm ihnen das Kruzifix, das auf 15 Kreuzer bewerthet war, weg rc. Wohl wurde Scharf verurtheilt iwie bekannt, hat der oberste Gerichtshof aus eigener Machtvollkommenheit das Urtheil kassirt und eine neue Verhandlung angeordnet, — falls Lueger.sie wünschen sollte); aber die bei der Gerichtsverhandlung vorgebrachten Thatsachen öffneten doch vielen Leuten die Augen und Lueger verlor seinen Nimbus. In solcher Weise kam es, daß sich dann auch Klerikale und Antisemiten befehdeten. Es mag auch hervorgehoben werden, daß bis nun 6 Israeliten Gemeinderäthe waren; der neue Gemeinderath jedoch zählt deren acht. Es sind dies die Herren: Theodor Ritter von Goldschmidt, k. k. Baurath, Dr. Friedjung, Schriftsteller, Kareis, Beamter im Handelsministerium, Gustav Simon, Fabrikant und Vizepräses der israelitischen Knltusgemeinde, Lang. Fabrikant, Wilhelm Stiaßny, k. k. Baurath, und Tagleicht, k. k. Hofschlosser. — Wie ich höre, soll der 70. Geburtstag des Herrn Predigers Dr. Jellinek doch am Sonnabend den 27. Juni begangen werden. Es wird das jedenfalls der Feier Abbruch thun, da um diese Zeit die obersten Zehntausend und alle Jene, die Kurplätze aussuchen müssen, nicht mehr hier sind. — Der k. Rath Armino Cohn, der mehrere Jahre Präses der Gemeinde war und im letzten Jahre auf diese Würde resignirte, ist in der verflossenen Nacht im 80. Lebensjahre gestorben. Derselbe hat sich vielfache Verdienste um die Gemeinde erworben. * Wien, 20. April. Am 17. Oktober d. I. gelangen die Zinsen des „Prediger Mannheimer Vereins" zur Vertheilung. Anspruch auf diese Unterstützung haben Rabbinen, Prediger und Lehrer in Oesterreich-Ungarn, welche dienstunfähig geworden fiub, oder deren Wittwen und Waisen. Die Bewerber müssen in einer Gemeinde, welche mindestens fünfzig Mitglieder zählt, wenigstens durch zehn Jahre das Amt in würdiger Weise verwaltet haben. Beamte großer, notorisch reicher Gemeinden sind ausgeschlossen. Die Würdigkeit der betreffenden Beamten, sowie die Dienstunfähigkeit sind nachzuweisen. Ungestempelte Gesuche sind längstens bis am 30. Juni d. I. an die israelitische Gemeindekanzlei in Wien unter det Adresse: „Vorstand des Prediger Mannheimer Vereins" zu übersenden. * Triest, 21. April. Ueber die Exzesse gegen die Inden auf Korfu sind folgende Nachrichten eingelaufen: Im Ghetto wurde ein in einem Sack gehülltes todtes Mädchen von etwa 8 Jahren gefunden, welches keine Spur von Verletzungen an sich zeigte. Der Rabbiner veröffentlichte die Erklärung, daß das Mädchen einer jüdischen Familie an-