Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1891)
- Date
- 1891-05-01
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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gehört habe Die aufgeregte Menge ging trotzdem vor den jüdischen Klub, riß die dort wehende Fahne herab und verbrannte dieselbe. Der Präfekt erschien persönlich, nur die Menge 51t beruhigen. Das Militär wurde kon-signirt, um das Ghetto ein Militärkordon gezogen, alle jüdischen Geschäfte geschlossen. Man befürchtet weniger Ausschreitungen dkr Stadtbevölkerung, als der Bauern aus der Umgegend. — Wie gleichzeitig berichtet wird, hat die Polizei in Smyrna mehrere Griechen verhaftet, weil sie das Gerücht ausgesprengt haben, die Juden hätten einen griechischen Knaben gestohlen, um denselben zu ihrem bevorstehenden Osterfeste abschlachten zu können. Zugleich wurden zwei Kisten mit Bildern beschlagnahmt, welche den Ober-Rabbiner von Smyrna därstellen, wie er Christenkinder abschlachtet. Die Bilder sollen in Wien angefertigt worden sein. Den Wiener Antisemiten ist das schon zuzurauen! — Die letzten telegraphischen Nachrichten aus Korfu vom 25. lauten: Der Pöbel unternahm einen neuen Sturm gegen die Juden - quartiere, welchen die Soldaten mit gefälltem Bajonnet abwahrter. Es gab bei diesem Zusammenstoß viele Verwundete, zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen. Die Stimmung ist höchst erregt, trotzdem der Oberrabbiner neuerdings konstatirte, daß die gefundene Leiche die eines Judenmädchens ist. Frankreich. * Paris, 15. April. Das israelitische Central-Konsistorium Frankreichs bestätigte gestern einmüthig die Wahl des bisherigen Großrabbiners von Brüssel, Herrn Dreyfuß, zum Großrabbiner von Paris Die gegnerische Partei hatte noch einmal alle Hebel angesetzt, um die Beförderung eines Mannes zu hintertreiben, an dem der Makel haftet, daß sein hochbetagter Vater im Elsaß bei seiner Gemeinde geblieben ist. Der Abg. Camille Dreyfus und Andere wollten durch ihre diesbezüglichen Erklärungen Nachweisen, daß die Juden heute nicht mehr, wie früher, den Vorwurf verdienen, sie seien international, d. h. zuerst Juden und dann auch Deutsche, Franzosen oder Portugiesen. Aber das Konsistorium ging darauf nicht ein. — Wie der „Gaulois" meldet, habe Baron Hirsch ein enormes Terrain in Pennsylvanien angekauft und beabsichtige dort eine Kolonie von russischen Juden anzulegen. Zugleich berichten amerikanische Blätter: „Die Agenten des Barons Hirsch haben in der Nähe von Santiago del Erstero (Argentinien) einen Komplex von 400,0000 Acker Land gekauft, welcher für die Anlage jüdischer Kolonien bestimmt ist." Rußland. * Petersburg, 21. April. Ein soeben veröffentlichtes Gesetz untersagt jüdischen Handwerkern, darunter auch Mechanikern, Branntweinbrennern und Bierbrauern, die Uebersiedelung nach Moskau oder in das Moskauer Gouvernement. Petersburg, 15. April. Man telegraphirt von hier aus dem „XIX. Siöcle": Der Minister des Innern arbeitet ein. Projekt aus, wonach zwei Millionen polnischer Juden in Sibirien angesiedelt werden sollen, wo die Regierung ihnen umfangreiche Landstrecken zur Bearbeitung überlassen will. Die Zahl der Juden, welche nächstens aus Moskau ausgewiesen werden soll, beträgt 85,000. * Odessa, 10. April. Es steht eine Massenausweisung der Juden aus Moskau, sowie wahrscheinlich aus Kiew bevor, woselbst die Oberhäupter der griechischen Kirche die Anwesenheit von Juden für eine Profanativn dieser geweihten Orte erklärt haben sollen. Die Polizei hält nächtliche Razzias in den Judenvierteln ab, verhaftet Alle, die sich nicht legitimiren können, und schickt dieselben nach ihrer Bestrafung in ihre Geburtsorte zurück. Von Naü und Fern. In sämmtlichen Berlin er Synagogen fand am vorigen Sonnabend Vormittag gelegentlich des Gottesdienstes eine Todten- Gedenkfeier für den verstorbenen Generalfeldmarschall Graf von Moltke statt. — Wie uns aus verschiedenen Theilen des Väterlandes gleichmäßig berichtet wird, sind seitens der Militärbehörden geeignete Maßnahmen getroffen worden, um den jüdischen Soldaten die Feier des Pessachfestes und die Theilnahme an den Festgottesdiensten in den Synagogen zu ermöglichen. — In einer der jüngsten Sitzungen des preußischen Abgeordnenhauses rühmte der Abgeordnete Dr. Langerhans die Berliner neue Synagoge als eines der schönsten Gotteshäuser der Residenz. — Der in weitern Kreisen bekannte Arzt für Brustkranke H e r rDr. Rei m a n n in Berlin feierte am 19. d. M. in voller Rüstigkeit seinen 90. Geburtstag, nachdem er schon vor einigen Jahren sein 65 jähriges Doktorjubiläum begaugen hatte. — Am 21. April hielt im Verein ehemaliger Zöglinge der „Jüdischen Lehrerbildungsanstalt" zu Berlin Herr Lehrer G. Remack einen Vortrag über „religiöse Erziehung und Religionsunterricht". — An Stelle der ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder der Hochdeutschen Jsraelitengemeinde in Altona, Negierungsrath Dr. Piek und Kaufmann Tobias, wurden die Herren Kaufmann Henry Jsaacs und Amtsgerichtsrath Dr. Friedländer gewählt. — Herr Dr. Osk'ar Minkowski, bisher Privatdozent für innere Medizin an der Universität zu Straßburg, ist zum Professor an der medizinischen Fakultät daselbst ernannt worden. — Neben dem Erzbischof und dem Weihbischof für die Katholiken, dem Superintendenten Bartelheim für die. Evangelischen, ist' an Herrn Rabbiner Dr. Frank für die Juden eine Einladung seitens der Stadt Köln zu dem zu Ehren Sr. Majestät des Kaisers im Gürzenich zu gebenden Festessen ergangen. — Von den Bedingungen, unter welchen Auswärtige, deren Verheirathung in der Heimath auf Schwierigkeiten stoßen würde, in Helgoland getraut werden dürfen, lautet Nummer 1: „Beide Verlobte haben einen Taufschein vorzulegen, da Israeliten nicht getraut werden können." Die Israeliten verzichten gern. — Der seit43Jahren bestehende „Verein zur Unterstützung dürftiger Familien an Sabbath und Festtagen" in Hamburg, welcher seine gesummten Einnahmen in diskretester Weise zur Verkeilung bringt, hat während der letzten sechs Jahre 13,400 Pfd. Fleisch und 15,000 Pfd. Mehl armen Familien zugehen fassen. — Die Jury für Zuerkennnng der Staatsmedaillen bei der Jahresausstellung im Künstlerhause in Wien hat dem akademischen Maler Isidor Kaufmann in Wien für dessen Bild „Der Zweifler" (Katalog Nr. 90) die silberne Staatsmedaille zuerkannt. — Am 6. April fand in Brünn unter dem Vorsitze des Herrn Julius Ritter von Gomperz die Delegirten-Versammlun g des mährisch-jüdischen Landesmassafonds für das Jahr 1891 statt, wobei 48 Gemeinden vertreten waren. Dem Rechenschaftsberichte für das abgelaufene Jahr, der zunächst verlesen wurde, ist zu entnehmen, daß der Ueberschuß, einschließlich eines blos nominellen Gewinnes bei einer Konvertirung fl. 6648,39 beträgt, wovon nach Antrag des Kuratoriums fl. 1500 zum Fondskapitale hinzuschlagen und der Rest auf Rechnung für 1891 vorgetragen werden soll. — Bei der Rabbinerwahl in Neutra wurde Herr Dr. Josef Rosenfeld, bisher Rabbiner in Onorhaza mit sämmtlichen 208 abgegebenen Stimmen gewählt. — Die Luxemburger Negierung hat den der israelitischen Gemeinde seitens der Stadt gewährten Bauplatz für die neue Synagoge nicht genehmigt, weil öffentliche Plätze für Privatbauten nicht verwendet werden dürfen. Daraufhin hat der Stadlrath auf Antrag des Bürgermeisters Dr. A. Brasseur einstimmig der jüdischen Gemeinde zum Bau der Synagoge fünfzehntausend Francs als Beihilfe bewilligt. — Von Alexan der Weills großer Pentateuchübersetzung ist der dritte Theil, Leviticus, soeben erschienen — Der Historiker E li a s Scheidt ist wegen seiner Verdienste um die Ackerbaukolonien in Syrien und Palästina von der türkischen Regierung zum Kommandeur des Osmanie-Orde ns ernannt worden. — Durch einen Sturz aus dem Wagen verstarb am vorigen Sonnabend plötzlich Herr Abraham de Mattos Mocatta, ein Neffe von F. D. Mocatta in London, im Alter von 38 Jahren. — Am 1. März wurde unter dem Vorsitze des Herrn B. B. Nagakar, Direktors der Shivajee Hochschule, zu Bombay, die Bibliothek des Kulturvereins der Beni Israel eröffnet. Die Anglo- Jewish-Assitation zu London, die HH. David Sasson & Co. und E. D. Sasson <L Co. in Bombay, die Gemeinde Beni Israel und eine Anzahl jüdischer Einwohner von Aden haben die Bibliothek durch ansehnliche Geldbeiträge reichlich unterstützt. —- In Jerusalem werden jetzt fast täglich Genossenschaften zum gemeinsamen Häuserbau, Bodenankaus, Weinbau u. s. w. gegründet; es ist begreiflich, daß dadurch die Bodenpreise gestiegen sind. Nach den dort eingelangten Nachrichten steht in Bälde ein großer Zuzug jüdischer Einwanderer bevor. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für du Redaktion: Mär Buuckwitz in Berlin.