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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-01 · Heft 18 (1.5.1891) · p. Seite 212

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 18 (1.5.1891)
Date
1891-05-01
Page
Seite 212 (sequence 8)
Language
German
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212 Erholung erweitert unsere Sach- und Menschenkenntnis;, schärft und klärt und berichtigt unser Urtheil, und somit auch unsere Selbstbeurtheilung, befestigt die guten Vorsätze, kräftigt die Willens-, erhöht die Thatkrast und lenkt sie auf das Edle. Nun wäre es aber unrichtig, von diesen heilsamen Wirkungen der erhebenden Erholung in der abspannenden gar nichts zu finden. Es wäre ja auch schwer, beide Arten schneidend von einander zu sondern. Sieht man aber, wie sie in einander übergehen, so erkennt man auch sogleich, daß der wesentliche Unterschied auch hier nicht sowohl in den Thütigkeitcn liegt, als in der Gesinnung, mit welcher wir dieselben üben. Eine Unterhaltung! wie verschieden kann sie sein! das Gemüth weckend, ganze Gegenden für unsre Theilnahme aufdeckend, uns für Gutes erwärmend, uns über uns selbst, über Leben, Recht und Sitte aufklärend u. s. w., und auch von all dem das Gegentheil. Wer sich gewöhnt hat, überall nicht sowohl an Sachen, als vielmehr an sich selbst zu seiner Vervollkommnung im Sittlichen zu arbeiten, der wird dieses Ziel auch in seiner abspannenden Erholung, verfolgen und diese dem Lebenszweck dienstbar machen. Und sollte ich denn nicht voraussetzen, daß du, verehrter Leser, dich so gewöhnt habest? Betrachten wir einige der beliebtesten Erholungen. Da ist das Theater. Gehört es zur abspannenden oder zur erhebenden Art? In ganz vorzüglicher Lebhaftigkeit vermag dasselbe uns aus der Enge unseres alltäglichen Gedankenkreises zu heben, unsere Anschauung in eine freiere Welt zu versetzen, wo zwar der Mechanismus des Lebens kein anderer ist, als der uns wohl bekannte, wo aber die Liebe größer und die Gerechtigkeit strenger ist, und Ursache und Wirkung klarer vorliegen, wo man nicht nur den Stundenzeiger, sondern auch das Getriebe der Rüder im Gehäuse sieht. In solches Schauspiel geh, werther Äser, dort wirst du erhebende Erholung finden, dort ist das Spiel, das Schiller als höchsten Ernst anerkannt hat, dort siehst du den Scheiir, den jener Dichter-Denker als höchste Wirklichkeit hingestellt, hat; aber geh nicht in solches Schauspiel, wo es bloß schöne Bilder in reicher Abwechslung giebt und wo vielleicht deine Sinnlichkeit gereizt wird, kurz, wo t>u, um dich abzuspannen, auch von deiner sittlichen Höhe hinabsteigen mußt. Nun die gesellige Unterhaltung. Für's Erste rathe ich, suche die Unterhaltung in deiner Familie mit Weib und Kind und unter Freunden. Es bedarf nicht der sogenannten hohen Gedanken, nicht des Fluges in ätherische Regionen; aber du bildest dir mit den Deinen ein Urtheil über die alltäglichen Ereignisse, über ihre Ursachen und Wirkungen und ihren sittlichen Werth; du bemerkst, wie dort Glück, Verstand und Güte sich einen, dort hingegen sei es die Güte, sei cs das Glück fehlt; du sichst, wie unbeständig und unberechenbar das Geschick der Menschen ist, wie relativ aber das ist, was man Glück nennt, wie glücklich nian bei ungünstigem Geschick leben kann, und umgekehrt. Nicht jeder Glanz ist Glück, und echtes Glück glänzt nicht. So zieht die Weisheit, die auf den Gassen predigt, in dein Heim ein, und du wandelst den gesammten Bildungs- und Lebenskreis, in dem du dich mit den Deinigen bewegst, in ein Schauspiel um, in eine moralische Anstalt. — Aber versinke nicht in Klatsch! Weder ist man zu solcher Unterhaltung immer gestimmt, noch auch bietet sich itnmer der genügende Stoff. Wenn du jemals über Langeweile geklagt oder solche befürchtet hast, hier kenne ich ein vortreffliches Mittel — Bücher lesen. Du mußt aus der Welt-Litteratur hundert Bücher haben; je nach deiner Stimmung greifst du eines heraus. Das Konversations-Lexikon (das nicht blos die Leser dieser Zeilen besitzen, sondern auch diejenigen, deren Biicherschrank kein anderes Buch enthält) giebt doch keine Konversation; es ist, wie das Wörterbuch der deutschen Sprache von Grimm oder Sanders, ein Hilfsbuch, und veranlaßt gelegentlich eine Unterhaltung über Eigenthümlichkeit der Sprache überhaupt und dieser oder jener Sprache insbesondere. Aber obenan steht von jenen hundert Büchern die Bibel (am besten wohl in der Auswahl von Auerbach). Außer den hundert Klassikern der ganzen Welt, wie viele empfehlenswerthe Bücher giebt es noch! Romane, Dramen, Reisebeschreibungen, sie bieten die Bilder der Natur und des Menschenlebens in weiten und fernen Kreisen, durchwirkt mit aufklärenden und erhebenden Gedanken. Populär-naturwissenschaftliche Werke enthalten theils Geheimnisse der Schöpfung in ihrer nie völlig zu ergründenden Weisheit, theils belehren sie über die Macht, welche der Mensch durch seine immer tiefer eindringende, nie abschließende Erkenntniß über die Kräfte und Dinge der Natur gewinnt. Geschichtswerke zeigen, wie es zu den Zeiten unserer Väter war, und wir das geworden sind, was wir sind. Und hörst du nicht gern zu, wenn dir der Greis von deinen verstorbenen Eltern und Großeltern erzählt? was sie gelitten, wie sie gekämpft, wie sie ihr Geschick, in eignen Worten dargestellt, beurtheilt haben, wie sie es zum Gedicht oder zum Gedankensystem gestaltet haben? Und soll ich dich daran erinnern, lieber Leser, daß du so glücklich bist, eine Ahnenreihe zu besitzen, die Jahrtausende in das Alterthum hinaufreicht, und viele, viele von diesen Ahnen haben ihre Worte niedergeschrieben, oder ihre Worte sind im Gedächtniß ihrer Kinder und Enkel bewahrt geblieben, bis sie endlich niedergeschrieben wurden, und nun auf dich gelangen. Das Alles kannst du zu lesen bekommen, kannst es mit Weib und Kindern lesen, besprechen, mit heutigen Dichtern und Denkern vergleichen. Dann wird dein Herd ein traulicher! Ich habe mich in deinem traulichen Kreise so fest niedergelassen, daß ich den Lebenszweck ganz aus den Augen verloren zu haben scheine. Doch dir'wird es nicht so scheinen; du fühlst oder siehst, wie das zusammenhängt. Der größte Theil deiner Beschäftigung gehört ja der Gewinnung der Lebens-Mittel; in dieser erhebenden Erholung stärkst du dich für den Lebens-Zweck. Es ist überall mit dem Geiste ähnlich wie mit dem Körper; jetter wie dieser soll gesund und schön sein. Ja, volle Gesundheit, allseitige angemessene Entwickelung aller Glieder und Kräfte, welche nirgends einen Mangel und nirgends eine Ueberfülle zeigt, also harmonische Entwickelung aller Theile des Körpers wird selbst auch schön sein. Der Handwerker, der bei seiner Thätigkeit nur die Arme oder nur die Beine entwickelt, hat keinen schönen Körper. Genauso, wer Kräfte des Geistes einseitig in den Dienst nimmt, die eine Kraft vorzugsweise entwickelt, die andere verkümmern läßt, wird geistig unharmonisch, unschön. Der Lebenszweck aber erfordert Harmonie aller Kräfte. Darum vereint die erhebende, alle Kräfte des Geistes umfassende, das Bewußtsein von der Aufgabe des Menschen erweiternde und aufklärende Erholung unmittelbar den Lebenszweck, während die Arbeit den Geist verengt und verkümmern läß. Sicherlich nennst du jede Thätigkeit, die du dem Gesammtwohl und der Liebe zum Nächsten widmest, deine erhebende Erholung. Nun verstehst du das merkwürdige Wort „dich erholen". In der Arbeit um das alltägliche Brod und das alltägliche Bedürfniß verlierst du dich gattz oder theilweise; in der Erholung gewinnst du dich zurück in deiner Ganzheit wo möglich und in der vollen Schönheit geistiger Gesundheit. Dort bist du nur ein Werkzeug zur Herbeischaffung von Mitteln; hier lebst du dir selbst als Zweck. Du vervollkommnest dich, indem du deine tugendhafte Gesinnung, deine sittliche Persönlichkeit stärkst. U

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