Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1891)
- Date
- 1891-05-01
- Page
- Seite 211 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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211 den Leser bitten, sich zu vergegenwärtigen, was ich in diesen Blättern (Nr. 25 des vorigen Jahrganges) über den Lebenszweck gesagt habe: die Arbeit in hilfreicher Liebe gegen die Nebenmenschen, das ist Lebenszweck. Aber das kann doch nicht Alles sein, und ich habe auch dort auf mehr hingewiesen. Man spricht doch auch von Pflichten des Menschen gegen sich selbst, wären es. auch nur Pflichten, die wir darum üben müssen, damit wir im Stande sind, unsere Pflichten gegen den Nebenmenschen zu erfüllen. Und in diesem Sinne wäre also Erholung, wie alle diejenige Arbeit, welche durch die Selbsterhaltung gefordert wird, Pflicht des Menschen, also doch nur in secundärem Sinne. Wie aber, wenn es auch wirkliche Pflichten gegen sich selbst gäbe, noch über die Pflicht der Selbsterhaltung hinaus? und.'wie, wenn gerade diese Pflichten der Quell für alle Pflichten gegen deine Nebenmenschen und gegen Gott wären? Wird 1 es dir schwer, verehrter Leser, dir zu denken, wie wir Recht und Wohlwollen gegen Andere nur üben, damit wir immer vollkommener werden? Weil wir stet sind und die Pflicht haben, immer freier, immer sittlicher zu werden? Nicht wahr, auf unsere sittliche Gesinnung kommt Alles an; ohne solche könnte eine That, welche wirklich der Gesammtheit oder Vielen oder einem Einzelnen zu Gute käme, doch niemals gut, sittlich genannt werden. Auch ist gar nicht zu fürchten, daß Jemand mit solcher sich müßig in seine Stube zurückzöge, um sich an der Güte und Wahrheit seiner Gesinnung zu weiden, ohne dieselbe zu bethütigen. Denn diese würde zwar den Menschen nicht zu einer Vielgeschüftigkeit antreiben, aber sie würde ihn da, wo immer und so oft immer sich ihm die Gelegenheit bietet, zur guten That veranlassen, soweit seine Kräfte reichen. Erste Pflicht der Sittlichkeit ist also die: seine sittliche Macht zu vergrößern und zu erhöhen; und dies ist die einzige Pflicht gegen sich selbst, die Mutter alles Guten und Edlen. Und gerade mit dieser höchsten Pflicht hängt die Erholung zusammen, soll sie Zusammenhängen, ihr soll sie dienen. — Wenn sie das aber soll, wie muß sie denn beschaffen sein, um dies zu können? Jene Ur-Pflicht ist gewiß Lebenszweck; wie muß nun die Erholung geartet fein, wenn sie zu diesem gehören soll? — Scherzend haben wir diesen Aufsatz begonnen, er ist uns unter der Hand immer ernster geworden. Ja, wir sehen schon deutlich: höchster Ernst ist nicht die Arbeit, sondern die Erholung, das Spiel — einer gewissen Art allerdings! Es giebt zwei Arten der Erholung, sagen unsere Philosophen; die erste, die niedrere, ist die abspannende Erholung. „An- und abspannen", das ist auch ein schönes Wort. Wie man die Saite eines Bogens, einer Harfe spannt, so spannen wir unsre Sehnen, unsre Nerven, die Fasern unsres Gehirns, machen sie straff ttijb stramm, so strengen wir uns an. Der Arbeiter ist wie ein angespanntes Zugthier; wenn wir matt sind, spannen wir uns ab lind erholen uns. Weil wir aber Menschen sind, so ist die Abspannling nicht sogleich mit dem Abbrechen der Beschäftiguilg gegeben; sonderir wir slichen nun eine neue Beschäftigung, aber eine abspannende. Schon der Wechsel der Beschäftigung ist Erholung, weil' jede folgende Anspannung eine vorausgehende Abspannung bedingt. Mail wählt dann freilich auch nach der straffen Arbeit eine weniger strenge. Doch muß endlich Schlaf oder ruhiges Liegen das Ausspannen aller Muskeln zulaffen. — Es ist mit der geistigen Arbeit nicht anders: sie fordert angespannte Aufmerksamkeit, Wechsel und endlich Bewußtlosigkeit. Die meisten Arbeiten sind ja auch gar nicht rein körperlich: eigentlich sind sie alle, nur inehr oder weniger, mit geistiger Thätigkeit verbunden. — Zwischen der eigentlichen, schwereren oder leichteren Arbeit nun, welche allemal auf die Gewinnung eines praktischen Nutzens, auf die Herstellung eines Werthes gerichtet ist, und andererseits dem völligen Nichtsthun, liegen die abspannenden Erholungen in der Mitte. Das Turnen und alle körperlichen Spiele mögen einen ganz beträchtlichen Aufwand an Kraft und nicht geringe Aufmerksamkeit erfordern; dennoch gewähren sie Erholung. Weshalb? Weil sie gegen die vorangegangeue Arbeit einen Wechsel bieten, und weil sie in sich selbst einen Wechsel der Bewegungen sowohl körperlich wie geistig erfordern. Die nützliche Arbeit erfordert meist andauernd fortgesetzte Bewegung derselben Glieder, geistige Aufmerksamkeit, welche unverrückt auf denselben Punkt geheftet ist; das Spiel beansprucht nach und mit einander die Thätigkeit aller Glieder in einem dem Bau des Körpers angemessenen Wechsel, und ebenso fordert es eine von einem Punkt zum andern übergleitende Besonnenheit. Mit der rein geistigen Thätigkeit verhält es sich genau ebenso: beim Rechnen des Mathematikers oder des Kaufmannes, mag dieser ein vollzogenes oder sich darbietendes oder spekulativ zu förderndes Geschäft berechnen, immer bleibt die Thätigkeit einförmig, wenn man nicht den Wechsel der vier Spezies für erfrischend halten will; und immer ist der Sehpunkt des Bewußtseins auf dieselbe Stelle gerichtet. Hier wäre der plötzliche Uebergang aus dem anstrengenden Geschäft in den erquickenden Schlaf sehr erwünscht; aber wie Erfahrung lehrt, ist er unmöglich. Also zunächst abspannende Erholung durch, wenn nicht körperliches, so durch geistiges Spiel! Unser Bewußtsein muß losgerissen werden von der einen Vorstellungsgruppe, an der es hängt; es muß in eine leidliche Passivität, in eine passive Bewegung versetzt werden, so daß wir schauen, ohne mit dem Blick zu suchen und ohne den Trieb, das Geschaute zu lenken (wie im Schauspiel); so daß wir denken, ohne zu forschen und ohne mathematisch oder logisch Schlüsse zu ziehen, zu kombiniren, zu spekuliren; daß wir über andre Objekte und andersartige Aufgaben sinnen und unser Bewußtsein in anderen Formen der Bewegung üben (wie im Karten- oder Schachspkel). Das reine Zufalls-Spiel kann durch die wunderliche Zufälligkeit unsre Erwartung fesseln und durch den Erfolg überraschen; die mit Zufall vermischten Verstandes-Spiele können uns das Gefühl der Erhebung über den Zufall gewähren, indem wir denselben, wie auch die Karten fallen mögen, unserm Zweck dienstbar machen. — Ich kann hier nicht alle Spiele aufzählen und verweise auf Lazarus, „Die Reize des Spiels". So erwähne ich schließlich nur noch die gesellige Unterhaltung mit ihrer Gemütlichkeit und Heiterkeit, wo jeder Theilnehmer giebt und nimmt, aber jede Gabe theils nur eine Rückgabe, theils nur durch Vernommenes hervorgerufen ist — also passive Bewegung des Geistes. Hiernach könnte es scheinen, als ob die abspannende Erholung nur mittelbar zum Lebenszwecke gehöre, daß sie, wie sie auch der Zeit nach zwischen die Stunde des Geschäftes und des Schlafes nach dem Essen fällt, so auch thatsüchlich nur den Uebergang von der Arbeit zum Schlafe vermittelt. Doch wollen wir, bevor wir mtfer Urtheil feststellen, erst die andere Art der Erholung betrachten. Das ist die erhebende Erholung. Im Allgemeinen gilt auch von ihr, was von der ersten Art gesagt ist. Wenn sich die Arbeit unablässig an dieselbe Vorstellung heftet, an die Vorstellung von dem zu erreichenden Zweck, von den anzuwendenden Mitteln und von der zweckmäßigsten Weise der Anwendung; wenn dabei die Aufmerksamkeit zwar fortrückt, aber immer gebunden an den Fortgang durch die Theile des Geschäfts: so befreit sich auch in der erhebenden Erholung unser Gemüth von solcher Gebundenheit, indem sich unser Bewußtsein ausdehnt in dem Gedankenkreise, welcher der Tugend geziemt. Auch hier also mag nur paffive Bewegung des Denkens vorwalten; aber die Gegenstände desselben sind höherer Art: es sind Gedanken, welche unmittelbar unsere sittliche Kraft stärken. Diese