Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1891)
- Date
- 1891-05-01
- Page
- Seite 210 (sequence 6)
- Language
- German
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beachtet werden. Wird dieses dem Kinde zum Bewußtsein gebracht, so wird die Pietät in ihm genährt. Es lernt Dinge schonen, die Anderen Freude machen, die Vorsicht erspart ihm Angst und Furcht, die in den meisten Fällen den ersten Antrieb zum Verstecken und Verschleiern — zur Unwahrheit geben. Ich müßte dieses Schreiben bis zu Ihrer Ermüdung ausdehne», wollte ich nun erst das schwarze Blatt der Lüge auftollen. Wie jeder Mensch, so hat auch jede Lüge im Einzelfalle das eigene Gesicht und jede fordert nach Ursache, Umständen und Absicht ihre eigene Behandlung. Nur muß vor Einem besonders gewarnt werden, vor dem umständlichen Predigen und Fragen. Davor hat einer unserer Weisen eindringlich gewarnt: Nehmt Euch mit Euren Worten in Acht, daß sie nicht daraus lügen lernen. Erkenntniß und Wahrhaftigkeit sind die Grundzüge aller Religion und geben die Grundlinien zur Charakterbildung. Das Judenthum hat sie als eine unbedingte Forderung obenan gestellt; cs hat auf seinem Geschichtsgange schwer um sie leiden müssen. — Und so wollen auch wir auf sie in allen Wandlungen der Zeitverhältnisse und gerade jetzt wie auf leuchtende Sterne schauen; ihr Licht soll sich durch die Erziehung in Familie und Schule ausbreiten. „In den Wohnungen Israels soll Licht fein!"1 9 Zur Erholung. Von Prof. Dr. H. Steinthal. Unser verehrter Herr Redakteur hat mir, fürchte ich, bei dir, lieber Leser, einen bösen Namen gemacht, indem er ankündigte, ich lvürde nächstens „über die Fehler der Juden" ein Langes und Breites schreiben; also über deine Fehler! Denn du gehörst doch gewiß nicht zu denen, welche, wenn sie von Fehlern lesen, immer meinen, das sei nur gegen Andere gerichtet, aber nicht gegen dich. Nein, du nimmst dir, was du liesest, auch für dich selbst zu Herzen, und angenehm ist es doch allemal nicht, so vor aller Welt bloßgestellt zu werden. Nun, ich werde nicht so schlimm sein. Ich rede viel lieber von Tugenden, wenn auch zuweilen von solchen, welche unsere heutigen Juden in nicht allzu großem Maße besitzen. Und dann weiß ich: wenn ich dir sagen wollte, wie du dein Geschäft betreiben, wie du handlen sollst, so würdest du mir sagen: er will mich belehren! Aber ich komme heute, dir zu zeigen, wie du dich erholen sollst: das küssest du dir gefallen. Dir ein amüsantes Spiel zeigen, das du noch nicht kennst — bin ich dir da nicht willkommen? Oder meinst tut, du kennest mich schon gut genug, um mir das Zutrauen zu versagen, ich wüßte neue Spiele? — Nun, gieb Acht, und sieh, was hier kommen wird: zur Erholung! Aus der Haut kann ich freilich nicht fahren: das versteht sich. Sprachforscher bin ich nun einmal; also beginne ich mit dem Worte. Es ist, bei Licht besehen, ein kurioses Wort, dieses „sich erholen". „Holen" bedeutet: sich an einen mehr oder weniger entfernten Ort begeben, um irgend etwas daselbst Befindliches mit sich zu nehmen und an den Ort zu bringen, von dem man ausgegangen ist; und die Vorsetze-Silbe „er-" bedeutet, daß diese Thätigkeit völlig und mit Erfolg ausgeführt sei. So kann man denn recht wohl ein Buch holen oder Spielkarten; aber Sich erholen? Stelle dir das einmal recht lebhaft vor, lieber Leser! Du glaubst, an diesem Orte zu sein, findest aber, daß du nicht hier, sondern an einem anderen Orte bist, rmd nun willst du dich dorthin begeben, um dich hierher zu bringen : das klingt komisch. Der Lateiner aber und darum der Franzose sagt se i-eeröer : man ist also gar nicht mehr vorhanden und muß sich selbst neu schaffen — noch komischer! — Am Ende jedoch löst sich Alles ganz schön auf: man erholt sich, indem man verbrauchte oder verlorene Kräfte durch neu zu sammelnde wiederzugewinnen sucht. Je nachdem man nun dieses durch körperliche oder geistige Mittel erstrebt, ist die Erholung eine körperliche oder eine geistige. Das körperliche Leben besteht in einem fortwährenden Verbrauch und Ersatz der Kräfte. Stehen diese beiden in Gleichgewicht, so erhält man sich; überwiegt der Verbrauch, so magert man ab; überwiegt der Ersatz, so wächst man in der Zeit des Wachsthums, und später wird man stark, wie man zu sagen pflegt. — Der Ersatz aber, wenn er auch den Verbrauch begleitet, hat den Nachtheil, daß er sich nicht so schnell vollzieht, wie der Verbrauch: daher bedarf er einer besonderen Zeit; das heißt: giebt es Stunden, wo man viel Kraft verbraucht, wenig ersetzt, so muß es, um das Gleichgewicht herzustellen, Stunden geben, wo man wenig verbraucht und viel ersetzt, wie es am meisten im Schlafe geschieht, überhaupt in den Stunden der Erholung. — Bei der Arbeit tritt dann, wenn man das Mißverhältniß zwischen Verbrauch und Ersatz der Kräfte spürt, ein Gefühl der Ermüdung ein; wächst-dieses Mißverhältniß, so entsteht Ermattung, endlich Erkrankung. Dagegen gewährt die Arbeit mit überschüffiger Kraft Behagen und Lust; sobald aber alle Kraft, über die man verfügen kann, eingesetzt werden muß, hat man das Gefühl der Anstrengung. Arbeit mit genügender Kraft ist gesund; denn wenn sie auch viel Kraft verwendet, so ruft sie auch andererseits einen kräftigen Ersatz herbei, der in der Jugendzeit ein Mehr an Kraft gewinnen läßt, als man in der Arbeit geopfert hat. Man arbeitet aber niemals mit den gesammten Kräften des Körpers; manche Arbeit vollzieht sich nur mit den Armen oder nur mit den Beinen, läßt also nur das eine oder das andere Glied ermüden, stärkt also, wenn sie nicht übertrieben wird, nur den Arm oder nur das Bein. Erholung erfolgt dann schon bloß durch Abwechselung des arbeitenden Gliedes. Ja selbst blos eine andere Form der Thätigkeit desselben Gliedes kann schon Erholung gewähren: dies thut z. B. das Gehen, wenn man müde ist vom Springen, Sitzen oder Stehen. Jede anhaltende Lage eines Gliedes ermüdet mit der Zeit. Der Wechsel in der Form der Bewegung arbeitet der Ermüdung entgegen, selbst wenn die neue Thätigkeit nicht minder anstrengend ist, als die frühere. Mancher erholt sich, indem er zum Vergnügen sich ein Stündchen als Holzhauer bethätigt. Die fruchtbringende Erde erholt sich, indem sie brach liegt; die Pflanze im Winter; manches Thier ebenfalls im Winter oder, ähnlich dem Menschen, im Schlafe der Nacht — eine erholende Thätigkeit übt keins. Hunde spielen offenbar; aber das thun nur die müßiggängerischen Hunde. Ebenso vielleicht die zahmen Tauben, die für ihre Nahrung nicht zu sorgen brauchen. Es ist also wesentlich doch allein der Mensch, der, um Kräfte wieder zu gewinnen, Kräfte verbraucht, der sich nicht blos durch Nahrung und Schlaf, rein chemisch, sondern physiologisch und psychologisch durch Spiel und Unterhaltung erholt. Darum ist auch Erholung eine Pflicht des Menschen. Jndeffen nicht Alles, was uns die Pflicht gebietet, gehört auch zum Lebenszweck. Dies drückt ein altes Wort so aus: man ißt und schläft, um zu leben; aber man lebt nicht, um zu effen und zu schlafen und zu spielen. In Gegensatz hierzu sagt man wohl: Arbeit ist Leben. Aber kann man wirklich behaupten, Arbeit sei Lebenszweck? Der Dieb, der Räuber arbeitet auch, in seiner Weise; aber umwillen der Lebensmittel arbeitet er, den Lebenszweck zerstört er. Hier mutz ich nun