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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-01 · Heft 18 (1.5.1891) · p. Seite 209

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 18 (1.5.1891)
Date
1891-05-01
Page
Seite 209 (sequence 5)
Language
German
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209 Augen und Ohren sich nicht geziemt, damit verschone man überhaupt ihre Gegenwart! vor ihnen haben nur Einfachheit, Verständlichkeit in Wahrheit das Wort. Wird es nicht auch dem gradsinnigen, biederen Manne aus dem Volke unheimlich zu Muthe, wird er nicht argwöhnisch, wenn er in eine sogenannte gebildete Gesellschaft geräth, und hier Flüstern, dort ihm unverständliche Scherze und Anspielungen hört? Mit Seume wird,er sagen: „Ich argwöhne hinter jeder Geheimthuerei Betrug." Ich brauche Ihnen, der denkenden und gebildeten Frau, der ihre Kinder sorgfältig beobachtenden und bewachenden Mutter, nicht eingehend auseinanderzusetzen, daß und wie die Gewöhnung der Kinder zur Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, und zwar frühzeitig und rechtzeitig, die erste und wichtigste Bedingung der Wahrheit und Wahrhaftigkeit wird und deren treuesten Gefährten mit sich führt, nämlich den Gehorsam. Die Aufmerksamkeit verleiht dem gehörten Worte Werth und Würde. Die Unachtsamkeit ist die Mutter der absichtslosen Unwahrheit. Zu diesem sehr wichtigen Kapitel will ich indeß keine Rezepte aus guten und schlechten pädagogischen Werken nach- und abschreiben. Dafür erlaube ich mir, Sie unter den sprachlosen und mechanischen Mitteln, vor Allem auf eins aufmerksam zu machen, das die Achtsamkeit bei einzelnen, wie bei einer zu leitenden Gesammtheit besser herausfordert, als viele nutzlose Mahnworte und anstachelnde Fragen. Sie können es schon bei Ihrer Kleinen, obzwar diese noch nicht sprechen kann, versuchen. Dieser Wunder- und Zauberstab ist der Zeige-, der Deutefinger. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie Sie vor Ihrem Liebling so manches liebe süße Wort sprechen, das keineswegs an Weihe und Bedeutung durch den Umstand verliert, daß die Angeredete noch kein Sterbenswörtchen von Allem versteht. — Nun strecken Sie einigemal, wenn Sie etwas sagen wollen, den Zeigefinger in die Höhe. Des Kindes Blick wird bestimmter, abwechselnd schaut es vom Zeigefinger nach dem Munde und umgekehrt. Es sollte mich wundern, wenn der Zeigefinger, der ja noch nicht die Drohkraft besitzen soll, die Aufmerksamkeit nicht so anspannt, daß diese ein Weinen unterbricht, wenn nicht gar stillt, vorausgesetzt, daß nicht das Weinen im Schmerze um Hilfe und Linderung fleht. Sagen die Mütter ihren unverständig umherschauenden Kleinen, die noch nichts sprechen können, so manches schöne Wort, so vergelten diese in ihren ersten Lebensjahren die freundliche Zusprache reichlich, sobald sie nun auch selbst zu Worte kommen. Das Sprechen wird ihnen Zeitvertreib; sie spielen mit ihren Ausdrücken und ergehen sich in den wunderlichsten Wort- und Wörterzusammenstellungen. Noch ist es verfrüht, diesen bedeutungslosen Aeußerungen eine Wichtigkeit beilegen zu wollen, die sie nicht haben können, und verfrüht, die Sonde der Wahrheit anzuwenden. Das Kind ist unsicher und unbeholfen in seinem Ausdrucke; es wägt und wählt jedes Wort nicht, sondern läßt es schnell und leicht über Zunge und Lippen dahinfließen. Erst nach lind nach ahnt es den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung; die Neugierde regt sich und sucht Befriedigung, und es lernt aus seinem eigenen Begehren und dem Thun Anderer eine Absicht merken. Die Erkenntniß dämmert auf und die Aufklärung beginnt ihre nachhelfende Einwirkung. Mit Freude komme der Erzieher dem Wissenstriebe entgegen; erzeige Wohlgefallen, wenn das Richtige gefunden und eingesehen ist, und setze mit Geduld an die Stelle des unrichtig Aufgefaßten und falsch Bezeichneten das Zutreffende. So kann sich der Sinn für das Wahre und die Bethütigung desselben durch Wahrhaftigkeit bilden und befestigen. — Mit der Erweiterung des Gedankenkreises wächst aber auch naturgemäß der Sprachschatz, und in demselben Verhältnisse soll die Würdigung und der Werth des Wortes zum lebendigen Bewußtsein gebracht, — das Wort selbst heilig werden. Gewiß werden Sie, geschätzte Freundin, es herausgefühlt haben, wie und warum ich die Wahrheitsfeinde, Lüge und Heuchelei, bis jetzt zu nennen vermieden haben. Diese bösen Geister ersticken alles Schöne und Gute in der Menschenbrust, und sind um so gefährlicher, weil sie sich so meisterlich in das Gewand der Unschuld zu hüllen wissen. Ich empfinde den ganzen Schmerz, der Eltern oder Lehrer ergreift bei der ersten Lüge eines ihrer Kinder, und beklage es tief, wenn die Täuschilng gelungen und die Absicht erreicht ist und die Hintergangenen das falsche Zungenspiel auf Treu und Glauben angenommen haben. Denn nun sind die Betrogenen in des Sünders Gewalt, Jene haben an Autorität verloren, und in diesem kann die schönste, die zarte Blüthe aller Frömmigkeit, die Pietät, nicht zur Entfaltung gelangen. Wir, die wir als gereifte Menschen doch wissen sollen, was wir sprechen, wir würden sicherlich pedantisch und lächerlich erscheinen, wollten wir allen unseren Worten die gleiche Wichtigkeit beilegen. Wir könnten das auch nicht. — Anders erscheinen Sie in Ihrer häuslichen Beschäftigung, als beiin Empfange eines erwarteten, lieben Gastes; am Werktage sind Sie anders als am Feiertage gekleidet, und wenn Sie eine festliche Gesellschaft oder das Theater besuchen wollen, schenken Sie dem Kleiderschrank und dem Spiegel vorher einige Aufmerksamkeit. Gleicherweise werden Sie sich keinen gezwungenen Ton und keine allzu strenge Wahl Ihrer Worte in der gemüthlichen Unterhaltung über Stadtneuigkeiten und dergleichen auferlegen. Mehr aber werden Sie auf Ihrer Hut sein, wenn von ernsthaften Dingen die Rede ist, und noch gewiffenhafter wachen Sie über Ihre Rede, wenn ein Urtheil über Menschen von Ihnen gewünscht wird, und auch in diesem Falle werden Sie unterscheiden; Vortheilhaftes werden Sie freier und wärmer äußern als Nachtheiliges, und wenn Ihr Gewissen Sie heißt, über dieses zu sprechen, dann werden Sie Ihr Urtheil nach der peinlichsten Prüfung mit möglichster Kürze auf das Nothwendigste beschränken. Die Stimme des Scherzes und der Erzählung vor Ihren Kindern ist leicht, heiter und ungezwungen, die Belehrung klar ohne abschweifende Zuthat, die Mahnung ernst, kurz, eindringlich. Das kommt Alles von selbst, weil natürlich — durch Gegenstand und Zweck bedingt. Beziehen wir nun ähnlich die Art der Mittheilung der Kinder auf folgende Gruppe, so werden wir einen verschiedenen Maßstab an den Umfang und an die Art ihrer Mittheilung anlegen müssen. — Die leblosen, stummen und starren Dinge lassen sie kalt, denn diese Dinge sagen ihnen nichts, es sei denn, daß sie Ansprechendes an Form und Farbe finden. Gewahren sie aber am Leblosen Bewegung — die flackernde Flamme, des Büchleins Rieseln, die ii» Winde rauschenden, sich bewegenden Blätter der Bäume, da wird ihre Phantasie rege: hinter der Bewegung wird Leben gesucht. Manches Kind hat schon hinter die Uhr geschaut, um zu erfahren, wer das Pendel hin und her bewegt. — Noch wichtiger ist dein Kinde das Thier, dieses tritt mit seiner Bewegung, seiner Stimme dem Menschen näher. Und nun gar dieser selbst, besten Wünsche und Thun das Kind mit dem seinigen vergleicht und beherzigen lernen soll: Was bit nicht willst, was man dir thu', das füg' auch keinem Andern zu! Das Kind habe Achtung vor Allem, was lebt. Selbst leblose Gegenstände sollen dadurch an Bedeutung gewinnen, daß das Kind auf ihren Nutzen für die Menschen, auf das Vergnügen, das sie Anderen gewähren, aufmerksam gemacht werde. Es wird ihm nicht entgehen, daß manche Gegenstände, obgleich sie den Eltern nicht nützen, doch von diesen mit Aufmerksamkeit besonders

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