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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-01 · Heft 18 (1.5.1891) · p. Seite 208

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 18 (1.5.1891)
Date
1891-05-01
Page
Seite 208 (sequence 4)
Language
German
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welche, ohne des Gesetzes menschlicher Berechnung zu achten, das Schicksal der Menschen bestimmt: geschieht es wohl, daß die Verlassenen zu den Bevorzugten aufblicken und deren Weg und Handlungsweise belauschen, weil sie darin das Geheimniß des Glücks zu finden wähnen. So auch sann — naturgemäß — Israel in der Enge seiner Verhältnisse, bei der mit geringer Unterbrechung andauernden Schwäche seiner nationalen Stellung, bei der immer wiederkehrenden Abhängigkeit von den großen Nachbarreichen, die es bedrückten, dem Geheimniß der Gunst nach, deren diese sich erfreuten. Dann aber blieb es vor den Altären stehen, an welchen Jene den Wesen und Gestalten opferten, welche sie als ihre Gottheit anbeteten und für die gütigen Lenker ihrer Geschicke hielten. Wie nahe lag es da bei der Schwäche der menschlichen Natur, den Idolen, die man im Innern verwarf, gleichwohl näher zu treten und zwischen diesen und dem Glauben an den ewigen Gott Anbetung und Verehrung zu theilen! In der That scheint Israel bei aller Uebung und Pflege des heidnischen Glaubens zugleich auch dem Glauben an den Ewigen gehuldigt und mit jenem den Genuß von Wohlstand und irdischem Besitz in Verbindung gebracht zu haben. Ruft'doch der Prophet Jeremias'): „Und wenn sie auch sprechen: „So wahr der Ewige lebt, so schwören sie doch falsch;" und ein anderes Mal erwiedern ihm die Sündigen, nachdem sie bereits Land und Macht an den Sieger verloren haben-): „So lange wir den fremden Göttern dienten, wurden wir des Brodes satt und waren wohl und sahen kein Unheil, — aber seitdem wir davon abstanden, hatten wir an Allem Mangel, und kamen durch's Schwert und durch Hunger um." Allein, abgesehen von dem so gearteten Zwiespalt, der einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht entbehrt, haftete an der Sünde des Götzendienstes die dem Volkscharakter Israels stets eigene Neigung, den Nachbarvölkern sich anzuschließen und oft ohne Wahl sich ihrer Führung zu überlassen. Und gerade vor dieser Nachahmungssucht warnt die Gotteslehre, so oft sie von der Sünde des Götzendienstes spricht. Wir vermögen nicht zu bestimmen, wie viel Antheil an dieser Sucht und Verirrung der sinnliche Reiz, die sinnliche Schönheit des fremden Kultus hatten. Denn des Menschen Seele und Gemüth werden in Stunden der Andacht, ungeachtet einer gewissen Zerstreuung, welche sie erfahren, stärker angeregt und weihevoller gestimmt, wenn ihnen durch die Wahrnehmungen des Auges zugleich sinnliches Wohlgefallen und edle Befriedigung zuströmen. Ist doch nicht ausgeschlossen, daß selbst die Einrichtungen des Kultus im Tempel zu Jerusalem und ebenso die einschlägigen Bestimmungen in der mosaischen Lehre unter dieser Berücksichtigung getroffen wurden. In keinem Falle jedoch vermögen wir der Nachahmung, welche zum Götzendienst in Israel führte, ein mitwirkendes höheres Moment abzusprechen, und das ist das Verlangen, ein Gemeinschaftsleben mit Andersgläubigen herzustellen und dies in seinen innersten Beziehungen zu festigen. Der religiöse Gedanke war dem Volke während der Monarchie gänzlich abhanden gekommen, und tief beschämt verhüllte der Genius jener Jahrhunderte sein Antlitz, in welchen das Wort der erhabenen Seher, welche Gott gesandt, ungehört vorüberrauschte. Aber dennoch; „Das Wort des Ewigen, unseres Gottes, besteht ewiglich." °) Das Zeitalter der Monarchie war reich an Entwickelung des Gemeinschaftsgedankens, der in der Gotteslehre enthalten ist, und selbst der Abfall vom Glauben, der so tiefe Schatten über jene Periode legte, führte in seinen Folgen diesem Zwecke zu, dem Israel seiner ganzen Natur nach dienstbar war. (Fortsetzung folgt.) Pädagogische Briefe übtv Erziehung und Unterricht. Von A. Treu, Seminarlehrer in Münster. „Bewahret doch die Kinder so lange als möglich vor der Heuchelei der Empfindung, legt ihnen nichts in den Mund, was nicht im Herzen ist." Niemeyer. „Was unrein ist, wie kann das rein we.den? Wie können Lügen Wahrheit sein?" Sir ach. v. Die an die Spitze dieses Schreibens gestellten Aussprüche wollen Sie, geschätzte Freundin, nicht als Schlüssel zur Pforte der Hölle nehmen. Könnte ich es »vagen, Ihnen, Ihren lieben Kindern und Ihrem Gatten, meinen» werthen Freunde, einen solch schlechten Dienst zu leisten? Würde Letzterer mir nicht besorgt und ernstlich die Mahnung verständlich machen: In meinem Hause, und vor Allem in der Nähe meiner Kinder, sollen solch böse Geister nicht umgehen, auch nicht mit einem flüchtigen Hauch darf ihr Name genannt werden. Wie könnte ich Ihnen einen Einblick in das Reich der bittersten Täuschungen und des Verderbniffes zumuthen, wo die Scheu vor Allem, was heilig, frevelhaft abgestreift ist und das kostbarste Geschenk des Himmels, der Segen der Sprache, zum fluchbeladenen Unheilstifter wird? O, daß doch die Jugend nimmer Lüge und Heuchelei an Andern wahrzunehmen Gelegenheit fände! Komint aber der Sinn jener Worte in ihrer ganzen Bedeutung der Jugend zum Verständnis;, und das wird ihr im Leben leider nicht erspart »verden können, so geschehe dies erst dann, tvenn die Wahrheitsliebe sich in ihr, der Jugend, zu einer unerschütterlichen Kraft festgesetzt und die Erziehung zur Wahrhaftigkeit ihr Wesen so fest und stark gestimmt hat, daß kein Verführer, auch nicht mit den glänzendsten Verlockungen, sie von» Pfad der Treue ablenken kann. „Kinder sagen die Wahrheit," so versichert der Volksmund. Wie könnten sie auch anders? Verschleiern, Verdrehen, Zweideutigkeit und Vielzüngigkeit haben sie noch nicht gelernt; sie sind nicht durch die hohe Pforte der Diplomatie, auch nicht bei dem Schalk Merkur in die Lehre gegangen. Sie waren zu jung dazu, gar zu unerfahren. Die Bilder, welche sie mit Aug' und Ohr eingesogen haben, bereichern sie mit jeder Sekunde auf ihrem Seelengrunde durch neue Gebilde. Diese suchen ihren naturgetreuen Widerhall, über die kleinen rosigen Lippen hinweg, in harin- und arglosen» Umblick aus die Uingebung. Das Alles keimt und sproßt im heiteren Frühlingsschein: wer vermochte den Drang zum Sprechen »nißtrauisch zurückdämmen, statt der Entfaltung mit Licht und Wärme nachzuhelfen? Zwar macht sich das sogenannte Temperament, das vorherrschmde Gestimmtsein, bei den Kindern zuerst geltend und verdient die sorgfältigste Beachtung. Hierbei »nuß besonders der Lehrer sich auf die Eigenart der Kinder verstehen, sich vor Fehlschlüssen und Fehlgriffen sehr hüten. Den Leichtzüngigen »nuß er aufs Korn nehmen und seiner Oberflächlichkeit und Schwatzhaftigkeit die Zügel stramm anlegen; die beschauliche und sinnende Art eines andern Schülers, der sich Alles ruhig und klar zurechtlegen muß, soll durch ausmunternde Anerkennung Selbstvertrauen gewinnen. Das arglose und offene Wesen, wie es dem Kinde naturgeinäs; ist, soll ihin erhalten bleiben, wenn sein Sinn für die Wahrheit ungetrübt und gekräftigt und all sein Thun aus dem Grunde der Wahrhaftigkeit hervorgehen soll. Soll aber diesem die äußere Einwirkung entsprechen, so sind Geheimthuerei, Verstecken, räthselhafte Ai»spielungen vor seinen Augen und Ohren sorgsam zu vermeiden: Kinder hören, sehen und beobachten scharf, und wie eine physische, so giebt es auch eine psychische Ansteckung. Was vor Ki»»der- ') Jerem. 5, 2; vergl. dazu 4, 2. a) Das. 44, 17—18. :|) Jes. 40, 8.

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