Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1891)
- Date
- 1891-05-01
- Page
- Seite 207 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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herbürguU, das Zur Pflege der Humanität, der Treue und Gemeinschaft verpflichtet durch die Lehre von der Erfüllung edler Tugenden, der Bethätigung des Reinmenschlichen gegen die, welche innerhalb wie außerhalb unseres religiösen Bekenntnisses stehen. Es ist bezeichnend , daß das Sittengesetz mit den Worten') „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott", eingeleitet wird. Wird doch dadurch das Religiöse und Sittliche des Lebens auf gleiche Stufe gestellt und dem Elfteren die Bedeutung des Heiligen und das Wohlgefallen vor Gott nicht zuerkannt, wenn es nicht mit sittlicher Tugend, mit Rechtschaffenheit und Wahrheit gepaart ist. Denn nicht in Weltflucht und Abgeschlossenheit wird im Judenthum das Religiöse erkannt, sondern mitten in's Leben wird dieses gestellt, damit es von dem reichen, immer sich erneuenden Strom des Lebens dauernd beftuchtet werde, und der Mensch in steter Berührung und treuem Zusammenleben mit der Umwelt sich als Ebenbild Gottes erweise durch sittliche Kraft und Tugend, durch edle Werke und Leistungen, durch Wahrheit und Gerechtigkeit. Die Botschaft der Humanität und der allgemeinen Menschenliebe bringt die Religion Israels ihren Bekennern mit den Worten-): Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst; ich bin der Ewige; — mit jenem Gebote, das der große Lehrer Hillel — gegen Ende des zweiten Tempelstaates — als den Grundpfeiler des Judenthums bezeichnet"), und zu edlem Empfinden und reinem Wohlklang wird die Seele gestimmt, wenn das Gesetz dem Volk immer wieder die Rechtsgleichheit Aller, welche als Angehörige in seinem Staatsverband leben, zur Pflicht macht. Noch vor dem Bericht vom Durchzug durch das Rothe Meer verzeichnet die heilige Urkunde das Gebots: „Ein Gesetz soll für den Eingebornen und für den Fremdling sein, der sich in eurer Mitte aufhält." Der Abschnitt des Sittengesetzes enthält die Vorschrift") : „Wie der Eingeborne unter euch, soll euch auch der Fremdling sein, der mit euch wohnt; liebe ihn, wie dich selbst." Und der letzte Satz im Strafrecht lautet"): „Ein Recht soll euch sein, der Fremdling sei, wie der Eingeborne; denn ich bin der Ewige, euer Gott." So als Lehrerin der höchsten sittlichen Tugenden im Privatleben, als Hüterin der Gesittung und Humanität, des Rechts und der Freiheit im öffentlichen Leben, weiht die Religion Israels bereits vor den Höhen des Horeb ihre Bekenner zu einem reichen Gemeinschaftsleben yiit allen Menschen ohne Rücksicht auf Glauben und Abstammung, dessen sie sich in dem ihnen verheißenen Erblande befleißigen sollen. Und darüber hinaus weist sie wie mit erhobenem Finger das Volk, dessen Dasein nicht enden soll im Reich der Zeiten^), auf den Dienst treuer Gemeinschaft mit Andersgläubigen hin und lehrt es, in untadligem Zusammenwirken mit ihnen und in gewissenhafter Antheilnahme an allen edlen Bestrebungen der Zeit das WM der Verbrüderung zu fördern, welche der Menschheit als letztes Ziel von Gott gesteckt ist. Seine größte Verherrlichung hat das heidnische Alterthum für die Göttin der Weisheit ersonnen, indem es diese aus dem Haupte seines höchsten Gottes hervorgehen ließ. Wer aber lehrt den, der überwältigt die Höhen der Weisheit bewundert, welche in der Lehre Israels aufragen, das richtige Wort finbett, um deren Werth und Charakter zu bezeichnen! Inmitten einer Welt, die vor Götzen kniet, steht ein einziges Volk, das bisher nur durch sein Elend und seine Kleinheit bekannt war, aufrecht in der Anbetung eines einzigen, ewigen, das gesammte All beherrschenden Weltgeistes, — eines Gottes, besten Wort und Lehre durch die unerschöpfliche Wahrheit und Größe, ') III. B. M. 19, 2. ») Das. 19, 18. 3) Sabbath 31a. «) II. B. M. 12,49. °) III. B. M. 19, 34. ") Das. 24, 22. Wiederholungen dieser Vorschrift sind enthalten in IV. B. M. 9, 14 und daselbst 15, 16. ') Jerein. 31, 36-37. welche ihnen innewohnt, im Laufe der Zeit die Welt bezwang. Wer hat diese breite, unerschütterliche Grundlage für Glauben und Erkenntniß, Menschenliebe und Gesittung, diesen festen Grund und Boden aller Kultur geschaffen, wenn nicht der höchste Gott selbst, au dem 'nichts Irdisches und Vergängliches haftet, der den winzigen, unbeachteten Stamm Israels ausgerüstet hat, sein Wort zu verstehen und durch eigenes Beispiel und Vorbild unter die Völker zu tragen! Zugleich aber verleiht es der Glaubenslehre Israels geschichtlichen Charakter und bezeugt ihre Entwickelungsfähigkeit, daß sie eine lange Bahn vurchwandelt hat, bevor sie einen festen Gestaltungspunkt in der Seele des Volkes gewann. Wie dieses in steter Unruhe, in Kampf und Eroberung, in Abwehr und Vertheidigung, erst nacklangen Jahrhunderten durch die Begründung der Monarchie eine politische Stellung errungen und unter David Einfluß auf die benachbarten Nationen gewonnen hatte: so erreichte auch seine Religion durch immer wiederkehrenden Abfall erst spät einen mehr gefestigten Ruhepunkt im Herzen der Bekenner und wirkte zugleich auch gestaltend auf andere Völker. Wir übergehen den Zeitraum in der Geschichte Israels, welcher von der Gesetzgebung bis zur Einführung der Monarchie reicht, da derselbe belanglos für unsere Betrachtung ist. In einer Zeit, welche mit Kämpfen gegen die Ureinwohner des Landes um die Herrschaft ausgefüllt wird, ist für ein Gemeinschaftsleben mit diesen kein Raum vorhanden. Die Kämpfe werden dann schonungslos geführt und ermangeln selten eines religiösen Anflugs, der sie heiligt. Dafür liefern die gleichen Unternehmungen aller Zeiten bis in unsere Tage den deutlichsten Beweis. Und Israel führte damals seine Kämpfe um der Existenz willen, damit es aus einem ziellos umherirrenden, jeglichem Angriff ausgesetzten Stamm eine Nation mit festem Besitz und Eigenthum werde! Seitdem jedoch ein nationales Bewußtsein das Volk durchdrang und durch Einsetzung der monarchischen Staatsform in die Erscheinung trat: wurden Thatsachen bewußter Aneignung fremder Anschauungen und Vorstellungen, Neigungen und Gewohnheiten, Thatsachen innigen Zusammenlebens mit Fremden, Andersgläubigen erkennbar. Und so sehr wirkte der Zug und Trieb eines solchen Gemeinschaftslebens, daß selbst die Vorschriften der Lehre, die Warnungen der Propheten, die auf deren Uebertretung zurückgeführten Drangsale und Leiden des Volkes nicht im Stande waren, denselben dauernd zu verhindern. Andererseits vermochten die gotterfüllten Propheten selbst dem Geiste der Zeit sich nicht zu entziehen, sondern sprachen in Worten und Bildern der Verehrung von Fürsten") und Reichen der Fremde und lehrten Gehorsam und Treue in deren Dienst, willige Mitarbeit an deren Wohlfahrt-). Es bleibt räthselhaft, wie das Volk des Offenbarungsglaubens das über das Höchste und Heiligste belehrt worden ist, immer wieder in den Götzendienst sich verirren konnte, der aller Vernunft und Erkenntniß Hohn sprach. Mochte dieser auch bei andern Völkern aus dem einem jeden Menschen eingebornen Bedürfnisse der Verehrung eines göttlichen Wesens zu erklären sein: so bleibt er doch eine überaus auffallende Erscheinung bei dem Volke des monotheistischen Bckenntniffes, in welchem derselbe zu allen Zeiten — ausgenommen unter David — bestand, vornehmlich aber in den Jahrhunderten der Monarchie in beiden Reichen herrschte und mit energischem Bewußtsein geübt wurde. Man wird zunächst kaum fehlgehen, dafür einen gewissen Zwiespalt der Volksseele, den Wankelmuth, verantwortlich zu machen, der aus den Eindrücken der Umgebung entstand. Bei unsicherer Erkenntniß der tiefsten Gründe, — der unerreichbaren Macht, ') Jes. 44, 28; 45, 1; Jerem. 25, 9; 43, 10. -) S. weiter unten.