Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-01 · Heft 18 (1.5.1891) · p. Seite 206

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 18 (1.5.1891)
Date
1891-05-01
Page
Seite 206 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227896--47899-3270389
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Und ein halbes Jahrtausend später brach eine neue Katastrophe mit Sturmesgewalt über Israel herein. Jerusalem wurde zerstört, der Tempel ging in Flammen auf und Judas Volk schickte sich zu seiner großen Exilswanderung durch die Jahrtausende und in alle Länder der Erde an. Mehr als 100,000 Juden sind durch die Rönier getödtet worden. Bei der Belagerung Jerusalems allein sind über 40,000 Juden umgekommen, mehr als 12,000 Menschen starben vor Hunger, mehr als 1,100,000 zogen als Gefangene nach Rom. Die Zahl der Menschen war eine so hohe, weil zu dem Passahfeste eine so große Anzahl Wallfahrer nach Jerusalem gekommen war, die nicht mehr aus der Stadt konnten. Da war alle Hoffnung vernichtet. Eine Tragödie ohne gleichen nahm ihren Anfang; mit einem Buche in der Hand trat Israel seine große Wanderung an. Es schien seinem Untergange entgegen zu gehen. Aber noch besteht der jüdische Stamm, er, der Held zugleich und der Dichter jenes weltgeschichtlichen Dramas fast ohne Beispiel in der Völkergeschichte. Und anderthalb Jahrtausende später erfolgte die dritte große Katastrophe in dem Leben Israels. In Spanien hatten sie eine neue Heimath gefunden. Eine Glanzperiode mitten im Exil war die Geschichte der Juden in Spanien drei Jahrhunderte hindurch. Der Jude war Spanier geworden, frei in seiner Stellung zu Andersgläubigen, in Wesen und Sprache, in Haltung und Sitte, in Litteratur und Leben, mit seinen andersgläubigen Mitbürgern wetteifernd, gebildet und bildend, freudig die Genüffe des Lebens ergreifend und die Sprache des Landes wie eine Muttersprache redend. Da bereitete sich die große Katastrophe vor. Immer trauriger wurde die Lage der Juden, ihre Rechte wurden gekürzt und schließlich aufgehoben, und trübe Tage brachen über sie herein, als die Inquisition ihr Ketzergericht begann. Mehrere hunderttausend Juden ließen sich damals taufen; es waren die unglücklichen Marannen, die von der Inquisition am meisten verfolgt wurden. Unter Torquemada allein wurden 8000 Marannen als unbußfertige Sünder verbrannt und am Trauertag des 9. Ab im Jahre 1492 verließen mehr als 300,000 Juden Spanien, -das ihnen so lieb und theuer geworden, und wandten sich nach Portugal und Italien, nach Afrika und der Türkei. Aber auch diese dritte große Katastrophe vermochte Israels Widerstandskraft nicht zu brechen und heute ist es der Zahl nach stärker als in den Tagen seiner höchsten nationalen Blüthe zur Zeit Salomos. Manches hat die Gegenwart mit jenen Tagen gemein. Wir haben zwar keine Inquisition zu fürchten und keinen Scheiterhaufen. Aber der Abfall ist darum nicht geringer und die Zweifel an der Zukunft des Judenthums vielleicht noch stärker. Da ist es denn vor Allem nöthig, einen Plick in unsere Geschichte zu werfen. Hier können wir uns Trost holen, wenn wir in allen Jrrnissen und Wirrungen unserer Zeit verzweifeln möchten an der Zukunft unseres Stammes. Nein, wer sich den Blick nicht hat trüben lassen für die Entwickelungen im Geschichtsleben, wer an das Walten sittlicher Gesetze in der Weltgeschichte, wer an die Macht einer göttlichen Vorsehung glaubt, wird nicht verzweifeln und nicht verzagen, dem wird in der Vision des Propheten die Zukunft des Judenthums in ungeahnter Herrlichkeit aufgehen. Hat sich doch das wunderbare Walten höherer Mächte in den Geschicken Israels in einer Weise bewährt, die selbst seinen Feinden Bewunderung abgerungen, die Dichtern und Staatsmännern als eines der größten weltgeschichtlichen Räthsel erscheinen mußte: „So etwas läßt sich nicht dichten," sagt Herder. „Solche Geschichte mit Allem, was daran hängt und davon abhängt, kurz, solch ein Volk läßt sich nicht erlügen. Seine noch unvollendete Führung ist das größte Poem der Zeiten und geht wahrscheinlich bis zur letzten Entwickelung des großen noch unberührten Knotens aller Erdnationen hinaus." Wohl ist das Thal wieder, voll von Gebeinen und sie sind sehr dürre. Aber wir hören schon im Geiste das Wort des Propheten, das den Gebeinen neues Leben einhaucht und neuen Geist — und sie leben und stehen, auf ihren Füßen, eine große mächtige Schaar — sieh da, mein Freund, das Judenthum der Zukunft! Israels Gemeinschaftsleben mit Andersgläubigen. Von Dr. Tobias Cohn, Rabbiner in Potsdam. (Fortsetzung.) Es liegt nahe, den Voraussetzungen und Bedingungen nachzuforschen, welche in dem israelitischen Stamm von jeher den Zug der Gemeinschaft und Verbindung mit denen, die nicht zu ihm gehören, begründet haben, eine Formel zu suchen, welche die Empfindungen und Gedanken, die Sehnsucht und den Glauben in bestimmtester Weise ausdrückt. Wir finden diese in der Religion, in der geheiligten Urkunde der Gotteslehre, welche ihm aus der Hand der Vorsehung als ein theures Vermüchtniß am Sinai eingehändigt wurde, an deren Verständniß und Vertiefung zugleich auch die Geschichte, Schicksale und Erlebniffe ihren vollen Antheil haben. Wie in der Natur jede Erscheinung ein eigenartiges Lebensgesetz offenbart und eigenartige Bedingungen die Grundlage jeder Gattung bilden, so ist auch jede Völkergruppe eigenartig an geistiger Begabung und sittlichem Charakter, verschieden in Anschauung und Auffassung der Dinge. Und so bleibt es ein Geheimnis; der Vorsehung, daß sie unter den Völkern des Alterthums das eine zur Meisterschaft in Kunst und Wiffenschaft, das andere zum Dienst der Waffen und zur Begründung des Rechtswesens, das dritte zum Lehrer und Verkünder des Gottesglaubens ersehen hat. Zwei organische Grundgedanken aber liegen in der Religion Israels fest, um welche diese sich dauernd bewegt, wiewohl die politischen und sozialen Zustände des Volkes sich vielfach verändert haben. Diese sind: der Monotheismus und das Reinmenschliche, die beide aufs Innigste mit einander verbunden das Gemeinschaftsleben mit Andersgläubigen zur Folge haben, das sich durch die Geschichte Israels wie eine bewegende Kraft hinzieht. Welche mächtig ergreifende und die Seele in ihrem innersten Wesen durchwaltende Lehre spricht sich schon in den ersten Anfangsworten der heiligen Schrift ans ): „Im Anfänge schuf Gott den Himmel und die Erde"! Der Gott, für dessen Dasein nicht erst Beweise gesucht werden, sondern der mit Gewißheit überall erkannt wird, hat das gesummte Sein in den Höhen und Tiefen in's Leben gerufen und die gestimmte Menschenwelt durch sein Schöpferwort zu einem Reich der Verbrüderung bestimmt. Wo hat in dieser Lehre die Vorstellung von einem Nationalgotte Raum, den die Bekenner Israels nur für sich in Anspruch nehmen? Aus allen Theilen der Schöpfung, aus allem Raum der Welten dringt hier vielmehr nur der Ruf von dem Einen, dem Einzigen, der aller Menschen liebender Vater ist, — und im Herzen derer, welche diesen Ruf zuerst vernommen und unter allen Völkern zuerst in Worte gefaßt und in dem geheiligten Buche niedergeschrieben haben: tönt es nach von Geschlecht zu Geschlecht, daß die, welche denselben Schöpfer und Vater anbeten, in treuer Gemeinschaft geeint sein muffen in ihrem Denken und Handeln. Das ist der Samen, aus welchem nothwendig neben dem Gottglauben in seiner ungetrübten Reinheit zugleich auch das Sittengesetz -) I. B. M. 1, 1.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.