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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-01 · Heft 18 (1.5.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 18 (1.5.1891)
Date
1891-05-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 1. Mai 180 J. 4>5, Jahrgang. Ur. 18. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Nedacteur: Gustav Kcrrpeles. Begrinidet von Nabtrrner Ludwig PHMppson- Vertags-Cxpedition: GerUn, Jerufalemerftr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition siud an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SWM Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. 3f II l) ll 11« Leitartikel: Die Zukunft des Judenthums.—Wissenschaft nnd Litteratur: Israels Gemeürschaftsleben mit Andersgläubigen. Von Dr. Tobias Cohn. — Pädagogische Briefe über Erziehung und Unterricht. V. Von A. Treu. Zur Erholung. Von Prof. Dr. H. Steinthal. — Die Thierwelt im Pentateuch. Von Dr. L u d w i g Karpeles. — Feuilleton r Gott ist die Liebe. Von O. B a ch. (Fortsetzung.) — Baron Hirsch — ein Traum. Von Dr. Adolf Jellinek. — Litterarische Mittheilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Pinne, Lörrach, Eßlingen, Kassel, Dresden. Stuttgart, Wien. Triest, Paris. Petersburg. Odessa. — Bon Nay und Fern. — Sprechsaal. — Miscellen. Vre Zukunft des Iudenthums. Berlin, 26. April. „Und die Hand des Herrn kam über mich. Und im Geiste führte mich der Herr hinaus und setzte mich nieder in einem weiten Thal, das voll war von Gebeinen. Er führte mich dann hin über sie, weit, weit umher; und siehe, es waren ihrer sehr viele auf der Fläche des Thales, und sie waren sehr dürre. Und er sprach zu mir: Menschensohn, werden diese Gebeine wohl wieder aufleben?' Und ich antwortete: Du, Herr, weißt es allein. Und er sprach zu mir: »Weissage diesen Gebeinen und sprich zu ihnen: so spricht der Herr euer Gott zu diesen Gebeinen: Siehe, mein Hauch zieht über euch hin, und ihr lebet wieder auf und erkennet, daß ich es bin, der Herr! .. Und ich weissagte, wie mir befohlen worden. Und es ward laut, als ich weissagte, und siehe, ein Leben war's, und die Gebeine näherten sich, Gebein zu Gebein. Und ich schaute, und siehe da: Sehnen und Fleisch zog sich über sie, und Haut umschloß sie, aber Geist war noch nicht in ihnen. Und der Herr sprach zu mir: »Weissage dem Geiste, Menschensohn, und sprich zu ihm: Bon allen vier Winden komme her, o Geist, und hauche sie an, die gemordeten, daß sie leben!' Und ich weissagte, wie mir geboten worden: da kam der Geist in sie, und sie lebten und standen aus ihren Füßen, eine große, mächtige Schaar. . . . Und der Herr sprach zu mir: »Menschensohn, siehe, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel!'" Ist es uns nicht, als stände die ganze Geschichte der Juden, ihre glorreiche Vergangenheit, ihre traurige Gegenwart, ihre gottverheißene Zukunft vor unfern Augen, da wir diese kühne Vision des Propheten Ezechiel in der gestrigen Sabbath-Haftara noch einmal lasen und in ihrer symbolischen Bedeutung als eine Weissagung über die Zukunft seines Stammes auffaffen? Eine weise Anordnung hat gerade dieses Stück des Propheten zur Tempelvorlesung am Sabbath des Passahfestes bestimmt. Das Passah ist ein Frühlingsfest, der Frühling aber ist ein Auferstehungsfest der Natur nach langem Winterschlaf. Und so sollte Israel in -dieser poetischen Vision seine eigene große Auferstehung ahnen und feiern. Aber nicht nur diese allein , auch alle andern Reden und Visionen der hebräischen Propheten gewinnen Farbe und Leben und eine kaum geahnte Bedeutung, wenn wir sie in Verbindung bringen mit der wunderbaren wechselvollen Geschichte des jüdischen Stammes, in der mehr als zwei Jahrtausende hindurch die Klage des Propheten gehört wurde: „Verdorrt sind unsere Gebeine, und unsere Hoffnung geschwunden; wir sind vernichtet!" So oft aber diese Klage ertönte, so oft kam auch neue Hoffnung und mit ihr neue Erlösung. Dlirch Wolken und Nebel bricht die Sonne einer neuen Zeit, und das Morgengrauen eines Tages dämmert herauf, der ihre Gräber öffnet und sie aus diesen Gräbern steigen läßt, die verachteten, verspotteten, verhaßten Söhne des uralten israelitischen Stammes! Niemals war aber die Klage so laut und wohl auch so berechtigt, als in unseren Tagen. Niemals war der Abfall so groß, niemals — so scheint es — der Ansturm so gewaltig, der die alte Eiche in ihren Grundfesten zu erschüttern droht. Sehr diele sind auf der Fläche des Thales, aber sie sind sehr dürre. Feigheit und Verrath, Gleichgiltigkeit und Niederträchtigkeit führen Tausende aus den Reihen der Kämpfer für die Gotteslehre. Da wendet sich der gläubige Blick zu den alten Quellen des Trostes: Von wannen wird unsere Hilfe kommen? Und wie wird die Zukunft des Iudenthums sein? so lautet die bange Frage. Die Vision des Propheten aber, sie gewährtuns in diesen Festtagen reichen Trost und wahre Erhebung. Wir blicken zurück in die Geschichte Israels, und aus der glorreichen Vergangenheit schöpfen wir Trost für die traurige Gegenwart und Hoffnung für die glückliche Zukunft. Drei große Katastrophen hat Israel glücklich überstanden, und aus jeder dieser Katastrophen ist es neu gekräftigt erstanden. Mehr als acht Jahrhunderte war es im Besitz des heiligen Landes. Die Theilung des Reiches, dann die Zerstörung des Reiches Israel nach dritthalbhundertjährigem Bestände durch Assyrien und hierauf die Zerstörung des Reiches Juda nach fast vierhundertjährigem Bestände durch Nebukadnezar vernichtete Alles. Trostlos schien das Schicksal des Volkes. „Wir sind unseren Nachbarn geworden eine Schmach, ein Spott und Hohn denen, die um uns sind." So klagten sie und .weinten an den Wassern zu Babel, wenn sie an Zion dachten. Da kam der Prophet zu ihnen und verhieß ihnen: „Die Erlöseten des Herrn werden wiederkehren und gen Zion kommen mit Ruhm, und ewige Freude wird auf ihrem Haupte sein." Und so war es. Der Druck des babylonischen Exils hatte die Kraft Israels nicht gebrochen, und kaum ein Jahrhundert später zogen mehr als vierzigtausend Männer wieder nach der Heimath, errichteten den Tempel und feierten die Feste des Herrn.

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