Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1891)
- Date
- 1891-04-24
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Versammlung, zu her hie Sozialdemokraten ein weiteres Drittel gestellt Hatten. Die Antisemiten waren in der ausgesprochenen Absicht gekommendie Versammlung zu stören. Namentlich int Beginn des Vortrages Unterbrachen sieben Redner mehrfach durchwilden Lärm. Herr Graebner ließ sich aber dadurch nicht beirren und wußte durch seine ruhigen, streng sachlich gehaltenen Ausführungen einen immer lebhafteren Beifallssturm zu entfesseln, -dem gegenüber der antisemitische Widerspruch allmälig vollständig verstummte. Für den Eindruck der Graebner'schen Rede ist es bezeichlrend, daß die AnWemiten, obwohl sie dazu ausdrücklich aufgefordert wurden, und obwohl sie sich den Mitgliedern des Vereins gegenüber in entschiedener Ueberzahl befanden, es nicht wagten, das Wort zu ergreifen und Herrn Graebner entgegenzutreten. Es erregte großes Gelächter, als die Herren dieser-Aufforderung gegenüber in kleinlautem Schweigen verharrten. In der Diskusston nahm nur ein Sozialdemokrat.das Wort, der die üblichen agitatorischen Redensarten vorbrachte, ohne auf die Ausführungen des Wortragenden näher einzugehen. Dem Dank, den der Vorsitzende Herrn Graebner im Namen der Versammlung aussprach, schloß sich aus der Mitte der letzteren ein Redner in warmen Worten an. Wir freuen uns dieses Erfolges; er zeigt, wie zeitgemäß und nothwendig die Gründung eines Vereins war , der es sich zum Ziele setzte, den antisemitischen ^Verhetzungen planmäßig entgegenzutreten. Atuttgotzt, 14. April. Seit gestern Abend —o glückselige Zeit! — fangen also die dummen Schwaben an weise zu werden. Null,' es war aber auch an der Zeit, daß der biederen Sueven, der reichstreuen Germanen blauen Aeugelein sich aufthaten und dem hellsehenden Hessischen Redakteur des „Reichsheroldes " zuwendeten, der die geknechteten Schwaben vom nahen Verderben zu befreien sich anschickte und sein heiliges Rettungswerk Hierselbst im Paul Weiß'schen Saale mit einem öffentlichen Vortrag über den Antisemitismus und die soziale Reform begann. Und sie kamen herbei, die deutschsozialen antisemitischen Parteibrüder und lauschten auf ihren „bewährtesten Führer", der. nachdem vom Vorsitzenden der Versammlung in gewiß vorsorglicher Absicht auf das Hausrecht hingewiesen wurde, nun eine Brandrede hielt, wie sie eben nur ein Böckel fertig bringt. Ach, es ist gar so ergreifend, wie tief die. Brust des gewissenhaften antisemitischen „Reichsboten" von Entrüstung über das herrschende Juda bewegt und von Mitleid mit dem geplagten seufzenden wehrlosen Ehristenkind des 19. Jahrhunderts durchdrungen ist!-O heiliger , pflichtbefliffener Böckel! Zu einer Zeit, da der Senioren-Konvent des deutschen Reichstags seine säumigen Mitglieder zur Theilnahme an den Verhandlungen mahnt, um die mißliche Beschluß Unfähigkeit zu beseitigen, erfüllst Du Deine Mandats-Aufgabe mit solch germanischer Gewissenhaftigkeit, daß Du, statt für des Vaterlandes Wohl mitzuberathen, im Reiche umherziehest und Haß \mb Zwietracht säest. Oder erfüllt Dich das Bewußtsein Deiner ErMehrkWeit? — Wir fragen nicht weiter. Hier zu Lande wird der Mann jedenfalls nicht vermißt werden, der die Störung des guten Einvernehmens friedlicher Bürger herbeizuführen versuchte, und an dem gefunden, redlichen Sinn der -biederen Schwaben müssen alle Böckel ihre Hörner.abstoßen. — Auf die Ausführungen Böckels im Einzelnen einzugehen, halten wir für überflüssig. Seichter Witz, haltlose Angriffe auf die Gesetzgebung, krasse Verleumdung und sonstige Widersprüche bildeten das A und das O des Vortrages. —Besonders erhebend wirkt es, hüllt sich Böckel in den Märtyrer-Mantel, -oder führt er Juden-Sünden als Beispiele auf, wobei er Nennung von Namen und Orten eigenthümlicher Weise nicht für erforderlich hält, und.gar schön hört sich das Kapitel über „ehrlich und unehrlich", über „solid und unsolid" aus des lieblichen Alimenten- Doktors Munde an. Der Schluß der Rede gipfelte etwa in der weisen Mahnung: Haltet den „Reichsherold" und wählt lauter Böckels! — Noch: fei bemerkt, daß der Vorsitzende das Wort, als es aus der Mitte der Anwesenden verlangt wurde, mit anerkennenswerthem Heldenmuth verweigerte, die Versammlung-schloß und seine Getreuen „Deutschland, Deutschland über Alles rc." anstimmen ließ. — Mögen sie nun nach Herzenslust agitiren, die Herren Antisemiten; in Schwaben harrt ihrer keine Ernte; dafür bürgen, wie wir oben bereits andeuteten, die furchtlosen schwäbischen Mannen und deren allezeit bethätigte Treue zur Wahrheit, zur Freiheit und zum Recht. Wweg' hie' gut Württemberg. Oesterreich - Ungarn. * Wien, 16. Äpril. Der Handelsminister empfing heute eine Deputation jüdischer Kaufleute Galiziens unter Führung des Abgeordneten Wyk. Der Minister gab bie.gufage, er u>erbe mit Hilfe des Auswärtigen Amtes alles Mögliche thun, nur eine Milderung der russischen Paßmaßregeln zu erzielen. Eine ähnliche Antwort erhielt die Deputation vom Minister Zaleski. * Bndapest, 17. April. Die Budapester Gesellschaft beschäftigt sich lebhaft mit einer Affaire, deren Endresultat, wie der Budapesti Hirlap meldet, eine Hochzeit sein wird. Graf M. Zichy, der Bruder des General-Intendanten, hatte sich schon vor Jahren in ein Fräülein Adelheid Steinfeld, eine Jüdin, verliebt und wollte dieselbe heirathen, obschon er mit einer adeligen Dame verheirathet war, also eine Scheidung vorhergehen mußte. Der alte Steinfeld war jedoch nicht zu bewegen, hierzu seine Zustimmung zu geben, sondern veranlaßte seine Tochter, einen Budapester Bankier Zu heirathen. Erst auf dem Sterbebett auberte Steinfeld seine Gesinnung!! Er ließ seine Tochter, die dem Bankier bereits einen Sohn geboren hatte, rufen und gab seine Einwilligung zur Vereinigung der Liebenden. Gras Zichy hatte sich inzwischen von feiner Gattin scheiden lassen, und da Bankier kurz darauf starb, so wird jetzt der Graf die junge Wittwe, nachdem sie zum Katholizismus übergetreten ist, ehelichen. Nette Gesellschaft! * Prag, 16. April. Der Nächstenliebeverein zur Unterstützung verschämter israel. Hausarmen veröffentlicht anläßlich seines fünfzigjährigen Bestehens einen Jubilänmsbericht, dem wir folgende wichtigste Daten entnehmen: Mit dem 19. April 1891 feiert der Nächstenliebe- Verein zur Unterstützung verschämter israel. Hausarmen in Prag die Jubelfeier seines 50jährigen legalen Bestandes. Im Stillen wirkte derselbe aber bereits seit September des Jahres 1834, in welchem Jahre die Herren: Ignaz Gerstel, Simon Gerstel, Moritz Neustadtl, Ignaz Schütz und Herr MDr. Jakob Schütz die Gründung eines Vereins zur Unterstützung verschämter Armer unter der Devise: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" beschlossen haben. In der ersten General- Versammlung im Jahre 1841 zählte der Verein bereits 368 Mitglieder mit der Jahreseinnahme von 754 fl. 52 kr. Konv.-Münze, wovon 256 verschämte Hausarme unterstützt wurden. Der Verein legte im Jahre 1845 feine Feuerprobe ab und gewann sich in allen Bevölkerungskreisen die lebhaftesten Sympathien, was den beredtesten Ausdruck dadurch erhielt, daß auch hervorragende Prager Kirchenfürsten, wie der Erzbischof Alois Josef Freiherr v. Schrenk und später Se. Eminenz Kardinal- Erzbischof Friedrich Fürst zu Schwarzenberg, dem Vereine als Mitglieder angehörten. Seit dem Jahre 1850 glänzen in den Ausweisen des Nächstenliebe-Vereins die Namen Sr. Majestät Kaiser Ferdinands des Gütigen und Ihrer Majestät Maria Anna mit namenhaften Spenden. Im letzten Jahre 1890, in dem die große Katastrophe vom 4., 5. und 6. September, die furchtbare Ueberschwemmung, Prag heimsuchte, hatte der Verein abermals hervorragenden Antheil an der Linderung der allgemeinen Noth. Wenn man die Ergebnisse der 50jährigen Thätigkeit des Vereins in Ziffern zusammenfaßt, so ergiebt sich als Resultat, daß in den ersten 25 Jahren an Unterstützungen verausgabt wurden 44,192 fl. 12 kr., an unverzinslichen Darlehen 47,791 fl. und für religiöse Funktionen 1917 fl. 5 kr., zusammen 93,900 fl. 17 kr., und der Vermögensstand 9146 fl. 36 kr. betrug. In der zweiten Hälfte des Bestandes, in den 25 Jahren seit 1866 bis 1890 wurde verausgabt: an Unterstützungen 119,110 fl., an unverzinslichen Darlehen 90,064 fl. und für religiöse Funktionen 8260 fl. 7 kr. Zusammen 217,434 fl. 7 kr. Im Ganzen ist daher die Summe von 311,334 fl. 24 kr. wohlthätigen Zwecken zugeführt worden und schließt das Jubeljahr des Vereins mit einem Vermögensstande von 124,921 fl. 5 kr. ab, welcher beinahe ausschließlich aus Stiftungen zu Zwecken, die der Tendenz des Vereins entsprechen, entstanden ist. Die einzelnen Wohtthätigkeitsakte, die in den 50 Jahren ausgeübt wurden, entziehen sich einer öffentlichen Besprechung, nur soviel sei angedeutet, daß abgesehen von der Vertheilung von Geldbeträgen an Arme und Kranke, bei Feuer- und Wassergefahr so manche bedrängte Existenz durch den Verein vor dem Untergange gerettet, so Mancher Familie das Oberhaupt erwerbsfähig erhalten wurde. Großbritannien. * London, 11. April. Die englischen Juden theilen das allgemeine Bedauern über den Tod des Earl Granville, dessen so hervorragende Eigenschaften von allen Engländern ohne Unterschied der Religion und Partei ungemein hoch geschätzt wurden. Bei verschiedenen Gelegenheiten war er den Juden nützlich, und kein Minister des Auswärtigen war entgegenkommender auf die Hilferufe verfolgter Juden als er; unsere Brüder haben Ursache, sein Andenken zu segnen. Lord Granville war auf seinem Posten während der russischen Verfolgungen im Jahre 1882. Er empfing damals im Amtsgebäude eine Deputation der „Anglo