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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-24 · Heft 17 (24.4.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 17 (24.4.1891)
Date
1891-04-24
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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55. Jahrgang. Nr. 17. iöerlm, 24. April 1891 Weilage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Dentschlaud. Berlin, 19. April. Seit Jahrhunderten erneuert sich mit einer Regelmäßigkeit, die einer besseren Sache würdig wäre, alljährlich zum Passahfeste das uralte Schandmärchen, daß die Juden zu ihrem Osterfeste das Blut christlicher Kinder brauchten. Ja noch heute kann man in Rußland, Rumänien, Galizien, Ungarn unter diesem Vorwände die Juden verfolgen. Der Blutprozeß von Tisza-Eslar ist noch in traurigster Erinnerung. Da klingt es denn freilich wie eines der Wunder aus alter Zeit, wenn der Telegraph heute aus der südtirölischen Stadt Trient die folgende Depesche bringt: „In Rom, Mailand, Wien, Innsbruck und hier in Trient sind die gesummten umfangreichen Akten, Protokolle und Korrespondenzen' ans dem bekannten Trientiner Judenprozeß, die Blutbeschuldigung betreffend, mit den vollständigen Beweisen für die Unschuld der Juden aufgefunden worden." Dieser Trientiner Judenprozeß ist eine der schauerlichsten Tragödien des Mittelalters; er spielt im 15. Jahrhundert und sein Urheber war einer der schlimmsten Judenfeinde, der Franziskanermönch Bernardinus von Feltre, der von Stadt zu Stadt zog, um gegen die Juden zu predigen. Als er in Trient war, bemerkte er zu seinem Verdruß, daß zwischen Juden uub Christen dort ein gemüthlicher Verkehr herrschte. Er predigte also, auch dort gegen die Juden in feindseligster Weise. Ein seltsamer Zufall spielte ihm eine Waffe in die Hand. In der Osterwoche des Jahres 1475 ertrank nämlich in Trient ein 3 jähriges Christenkind, ein Sohn armer Eltern, Namens Simon, in der Etsch und wurde gerade beim Hause eines Juden an einem Rechen feslgehalten. Dieser eilte, um Mißdeutungen zuvorzukommen, zum Bischof, um ihm Anzeige davon zu machen. Der Bischof ließ das tobte Kind in die Kirche bringen. Sobald sich die Nachricht hiervon in der Stadt verbreitete, erhoben Bernardinus und die andern Pfaffen ein wüthendes Geschrei gegen die Juden, daß sie das Kind gemartert, getödtet und ins Wasser geworfen hätten. Sie stellten die Leiche des Kindes aus, um die Wuth des Volkes gegen die Juden zu stacheln. Der Bischof ließ darauf sämmtliche Juden von Trient in Fesseln werfen. Ein getaufter Jude aus Regensburg trat mit den infamsten Beschuldigungen gegen feine früheren Glaubensgenossen auf, die um so eher Glauben fanden, als die gefangenen Juden — unter entsetzlichen Folterqualen — bekannten, den Knaben getödtet und dessen Blut am Passahabend getrunken zu haben. Das Ende war, daß sämmtliche Juden aus Trient verbannt und der Beschluß gefaßt wurde, 'daß kein Jude sich daselbst niederlassen dürfe. Der Bischof, Bernardinus und die Mönche, machten aber weiter noch alle Anstrengungen um den Vorfall auszubeuten. Die Leiche des Kindes wurde einbalsamirt und als heilige Reliquie ausgestellt. Tausende wallfahrteten zu seinen Gebeinen. Von allen Kanzeln wurde das neue Martyrium verkündet und verbreitete sich mit Blitzesschnelle durch Italien und Deutschland. Als Papst Sixtus IV. angegangen wurde, den kleinen Simon heilig zu sprechen, erließ er ein Rundschreiben, in dem er ausdrücklich verbot, Simon als einen Heiligen zu verehren, bevor er die Sachen habe untersuchen lassen. Nichts desto weniger ließen die Mönche die Gebeine des Simon anbeten und große Wallfahrten zu der eigens für sie erbauten Kirche veranstalten. Der Judenhaß in Deutschland erhielt dadurch neue Nahrung. Die Bürger von Frankfurt a. M. ließen ein Schandbild auf der Mainbrücke anbringen, auf dem ein gemartertes Kind und die Juden in einer scheußlichen Stellung neben dem Teufel dargestellt wurden; darunter standen die Verse: „So lang Trient' und das Kind wird genannt, Der Juden Schelmstück bleibt bekannt." Die lügenhafte Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch ganz Deutschland und brachte den Juden in Regensburg und anderen Städten viel Unglück. Bis in unsere Zeit hat sich dies entsetzliche Märchen erhalteil, und auch die Blutlügner von Tisza-Eslar haben das Martyrium „sancli Simonis paivi“ als Zeugniß wider die Juden anzurufen gewagt. Ja, wo Menschen schweigen, reden Steine und Blätter! Die Geschichte ist das Weltgericht, und wir begrüßen es als einen Akt ausgleichender Gerechtigkeit, daß es einem jungen begabten Historiker gelungen, die Akten des Tridentiner Judenprozesses und mit ihnen zugleich die Beweise der Unschuld der Märtyrer von Trient aufzufinden. Wir werden nicht verfehlen, sobald näher Mittheilungen über diese interessante und bedeutsame historische Entdeckung vorliegen, dieselben zur Kenntniß unserer Leser zu bringen. 8 Berlin, 18. April. Der Bericht über die Thätigkeit des Rabbiner-Verbandes in Deutschland ist erschienen. Derselbe weist eine eifrige und umfassende Thätigkeit sowohl des Centralausschusses als auch der Kommissionen auf. Obwohl wir über Einzelnes sofort nach dem Bekanntwerden berichtet haben, so halten wir es doch für geboten, hier noch einmal an der Hand des Berichtes die wesentlichsten Abschnitte der Thätigkeit des Verbandes den Lesern vorzuführen. Der Bericht beginnt mit dem Breslauer Verbandstag, der noch unter des seligen Joöl Vorsitz im Jahre 1887 stattfand. Der treffliche Einleitungsvortrag des verewigten Gelehrten hat unverkürzt Aufnahme gefunden. Er kennzeichnet mit kurzen und klaren Worten Ziel und Aufgabe des Verbandes. Die Verhandlungen wurden von zwei Gegenständen beherrscht, der eine hat einen internen, der andere einen mehrexternen Charakter. Die religiöse Erziehung der Jugend und der Talmud waren die Centren der Debatten. Natürlich traten hierin Gemäßheit der verschiedenen religiösen Anschauungen Differenzen zu Tage, die indeß das Zustandekommen praktischer positiver Beschlüsse nicht hinderten. Besonders anregend war die Debatte über den Talmud, welche von Joel, Graetz, Gaster-Rawitsch geführt wurde. Es wurde folgender von Joöl und Rippner sormulirter Antrag angenommen: „In Erwägung der außerordentlichen Wichtigkeit, welche der Talmud für die Gestaltung des jüdischen Lebens viele Jahrhunderte hindurch gehabt hat und noch heute besitzt, in Erwägung der Verkennung und der vielfachen Angriffe, welche der Talmud in Folge der Eigentümlichkeit seiner Komposition und in Folge seiner vielfach rätselhaften Ausdrucksweise erfährtin Erwägung ferner, daß der Talmud ein glänzendes Denkmal jüdischen Geistes und werth ist, von der modernen Welt studirt zu werden, beschließt der Rabbiner-Verband, durch geeignete Kräfte in feiner Mitte und mit Hinzuziehung von Gelehrten außerhalb des Verbandes ein euch klopädisches Werk anzulegen, in welchem der Inhalt des Talmud nach allen wissenschaftlichen Richtungen, besonders aber nach seiner ethischen Seite, klargelegt wird." Zwei Mitglieder der Versammlung, Bloch und Rippner, hatten es unternommen, durch Vortrüge weitere Kreise der Bevölkerung für den Verband zu interessiren. Diese Vorträge „Akiba Eger, seine Aufnahme als Rabbiner in Posen und seine dortige Amtsverwaltung", sowie „David Friedlaender und Probst Teller" sind später dem Druck übergeben worden. Inzwischen hat auch der Centralausschuß einige Konferenzen abgehalten. Es kam in einer in den ersten Januartagen des Jahres 1889 abgehaltenen Konferenz, die Stellung des Verbandes zu der damals von anderer Seite auf die Tagesordnung gebrachten Frage, betreffs des Schreibens der jüdischen Gymnasiasten an Sabbathen und Festen, zur Sprache. Sodann wurde die Gründung einer Wittwen- und Waisen lasse für die Mitglieder des Verbandes sorgfältig ventilirt; schon in Breslau bei der Generalversammlung hatte Bäck (Lissa) für eine solche Kasse mit Eifer plaidirt. Folgender Antrag wurde angenommen: „Der Centralausschuß beschließt, dem nächsten Verbandstage als Gegenstand der Tagesordnung einen Antrag zu unterbreiten betr. die Fürsorge für dienstunfähige Verbandsmitglieder und für Wittwen und Waisen von Verbandsmitgliedern, sei es durch Gründung einer selbständigen Kasse, sei es durch Anlehnung an eine bereits bestehende." Ferner wurde auf Mittel und Wege gesonnen, die Stellung'des Rabbiners zu befestigen. Auch diese Frage soll einen künftigen Verbandstag beschäftigen'. Am 30. unb 31. Dezember 1890 war der Centralausschuß wiederum in Berlin vereinigt. Ueber diese Berathungen ist in unserem Blatte seiner Zeit ein ausführlicher Bericht

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