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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-24 · Heft 17 (24.4.1891) · p. Seite 203

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 17 (24.4.1891)
Date
1891-04-24
Page
Seite 203 (sequence 11)
Language
German
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Indiskrete Briefe aus der Gemeinde Schermeisel. Von v. Kaßriel Peßachsohn. Mein lieber Herr Doktor! Wenn ich heut mein Herz und meine Feder vor Ihnen ausströmen laste Eid Ihnen meine Wenigkeit als Originalkorrespondenten anbiete, wahrlich — nicht materielle Gewinnsucht oder Ruhmgeiz ist es, sondern weil mir die Liebe und das Wohl des Judenthums an der Seele liegt. So eint sich mein Streben mit Ihrem Beruf. Um kurz zu sein, mein lieber Herr Doktor, so kann es so nicht weiter gehen. Mah soth ossitha! Sie richten, wenn Sie so fortfahren, nicht nur das Judenthum, sondern auch Ihre Zeitung zu Grunde. Noch eine Nummer so, und Sie verlieren hier am Orte.Jhre sämmtlichen Abonnenten. Wie können Sie aber auch nur solche Artikel, wie die von Dr. Maybaum und Dr. Minden aufnehmen? Unsere Gemeinde ist außer sich, in allen Häusern spricht man davon, unser Rabbiner, der vorigen Sonnabend gegen Dr. Maybaum geredet hat, wird nächstens auch noch gegen Dr. Minden schreiben. Ich bitte Sie aber, nehmen Sie den Artikel nicht auf, denn gerade in Bezug auf unseren Rabbiner hat der Herr Minden Recht. Die Maybaum'sche Predigt aber ist sogar in der Sitzung unserer Repräsentanten-Versammlung zur Sprache gebracht worden; und das ist ein Theil des Grundes, aus welchem ich Ihnen schreibe. Als nämlich die Sache verhandelt wurde, verlangte ein Rechtsanwalt — die Laien glauben ja heute auch schon, über jüdische Angelegenheiten mitsprechen zu dürfen —, daß, ehe man zu einem Beschluffe käme, der Artikel verlesen würde, und da war Polen in Noth! Es stellte sich heraus, daß zur Zeit leider Ihr geschätztes Blatt hier noch nicht gehalten wird, und daß die Kenntniß über diese Sache allein der Lektüre eines anderen Blattes, von dem unser Rabbiner ein Freiexemplar hält, entsprungen ist. Ein Unterantrag, die betreffenden Nummern Ihres geschätzten Blattes auf Gemeindekosten anzukaufen, wurde, ebenso ein Antrag auf künftiges Abonnement einer gemischten Kommission übergeben, fand aber nicht den gehörigen Nachdruck, wurde vielmehr unter Hinweis auf den Nachdruck als unnöthig abgelehnt. Denn man sagte sich: wozu brauchen wir die Sachen schon heute zu lesen, wenn wir sie über acht Tage doch wörtlich in anderen Zeitungen nachgedruckt finden. Auch privatim wollte Keiner abonniren. Vorste^r und Repräsentanten sagten: „Wir haben überhaupt nicht nöthig, jüdische Zeitschriften zu lesen," und die Andern sprachen: „Sollen wir den Abonnementspreis bezahlen, damit dann die ganze Gemeinde unser Exemplar liest?" Nun nehme ich an, mein lieber Herr Doktor, daß Ihre Mitarbeiter Freiexemplare bekommen, und erlaube mir daher, mich Ihnen als Originalkorrespondenten anzubieten. Es passirt hier gar viel Wichtiges, wovon die Leser in weitesten Kreisen unbedingt Kenntniß erhalten müffen, mein heutiger Artikel wird Ihnen den Beweis dafür liefern. Was meine Person anbetrifft, so glaube ich' annehmen zu dürfen, daß ich Ihnen nicht ganz unbekannt sein werde; habe ich doch vor zehn Jahren den ersten Theil einer Broschüre,- durch welche ich den Antisemitismus zu vernichten versuchte, herausgegeben. Leider wollte mein Verleger die Mittel zur Herausgabe der folgenden Lieferungen nicht mehr hergeben, und so besteht der Antisemitismus heute noch. Auch Herrn Rudolf Moste werde ich bekannt sein, da der Schwager eines Vetters einer Tante von mir in seiner Heimathsstadt gebürtig ist. Im Uebrigen bin ich hier Kultusbeamter , das heißt, ich habe die rituellen Funktionen beim Geflügelschneiden zu vollziehen und auch sonst den Rabbiner, sowie den Kantor in Behinderungsfällen zu vertreten. Als Beweis meiner Qualifikation für die Schriftstellerei wird das genügen — und ich hoffe, daher, daß Sie mich der mitarbeitenden Zahl von Kollegen, gegen das übliche Honorar und, wohlgemerkt! Freiexemplar, einreihen werden. Als Probe meiner Befähigung füge ich heute den ersten Bericht bei. Ich bemerke zu demselben: Mit Bedauern habe ich wahrgenommen, wie sehr Ihr „Gemeindebote" manchmal hinter den Ereignissen hinterherhinkt. Ich beabsichtige daher stets, wie auch heute, meine Berichte schon vor stattgefundenem Ereigniß zu schreiben. Sie werden sich überzeugen, daß sie trotzdem auf ein Haar nicht nur mit dem betreffenden Faktum am hiesigen, sondern auch mit den gleichartigen an andern Orten übereinstimmen. Oder glauben Sie, daß das Stiftungsfest der Chewra Kadischa in Schermeisel anders gefeiert wird, als in Schöppenstädt? — Heute also berichte ich Ihnen über das 25jährige Amtsjubiläum unseres Lehrers, eines sehr bedeutenden und würdigen Mannes. Nehmen Sie, bitte, den Artikel unverkürzt und mit meinem Namen auf, da der Mann es wirklich verdient. Zum Schluffe wage ich noch eine Bitte, die Sie mir hoffentlich nicht verübeln werden. Ich habe gelesen, daß an der Berliner Reformgemeinde die Stelle eines Predigers ausgeschrieben ist. Vielleicht haben Sie die Freundlichkeit, bei Ihrem bekannten Einfluß, für mich ein gutes Wort einzulegen. Allerdings scheine ich heut noch nicht auf dem Standpunkt dieser Gemeinde zu stehen, aber das ist eben nur Schein und rührt daher, daß mein jetziger Wirkungskreis für meine Anschauungen noch nicht reif ist. Aber lasten Sie um Gottes willen nichts von meiner Bemerkung verlauten; es könnte mir hier schaden! Ich werde Ihnen ewig dankbar sein. Ihr ergebenster David Kaßriel Peßachsohn. Nachschrift: Vielleicht können Sie die folgende Notiz in „Von Nah und Fern" bringen. Der genannte Herr Cohn ist ein wohlhabender Mann und abonnirt vielleicht auf unsere Zeitung. „Am letzten Sabbath feierte der Sohn des ersten. Vorstehers, Herrn Cohn in Schermeisel, in dem Tempel der genannten Gemeinde seine Barmitzwa. Als Thoravorleser fungirte mit großem Geschick Herr Peßachsohn." Und nun lasse ich den Bericht folgen: Schermeisel, den (das Datum lasse ich offen). Am 2. Mai d. I. beging der in den weitesten Kreisen angesehene und beliebte Lehrer und Kantor Herr Löwenfreund das überaus seltene Fest des 25jährigen Amtsjubiläums. Es waren nämlich an diesem Tage gerade 25 Jahre verflosien, seit Löwenfreund zum ersten Male vor den Altar des Herrn getreten war. Schon am ftühen Morgen waren dem Jubilar von den Mitgliedern des Gesangvereins „Polihymnia", dessen langjähriges Mitglied Löwenfreund ist, ein prächtiges Ständchen dargebracht. Um 9 Uhr erschienen die nächsten Angehörigen des Jubilars, um ihre Glückwünsche auszusprechen. Punkt 12 Uhr begannen die Deputationen. Zuerst überreichte der Gemeindevorstand, von Herrn Cohn geführt, eine kalligraphisch ausgeführte Adresse nebst einem ansehnlichen Ehrengeschenk von fünf Thalern, alsdann folgten die Kollegen des Jubilars, geführt von dem stellvertretenden Kantor Herrn v. Kaßriel Peßachsohn. Letzterer hielt eine treffliche alle Anwesenden bis zu Thränen rührende Ansprache, welche folgendermaßen lautete: (Wir haben den Wortlaut der Rede unseren Lesern vorenthalten zu dürfen geglaubt. Red.) Als sich die Rührung der Zuhörer kaum gelegt hatte, trat schon eine neue Deputation ein, der Rektor der hiesigen (nichtjüdischen) Elementarschule überbrachte die Glückwünsche der christlichen Kollegen. Welch glänzendes Zeugniß für die Einmüthigkeit der Konfessionen. Jedem Einzelnen der Beglückwünschenden dankte der Jubilar in wohlgesetzter Rede und mit Rührung. Am Abend vereinigte ein gemeinsames Mahl fast alle

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