Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1891)
- Date
- 1891-04-24
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
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zu haben, erhob ihn in seinen eigenen Augen, ja, gab ihm ein gewisses Seldstbewußtsein, ohne welches er wohl nur schwer den Spott der jungen Welt ertragen hätte. Sowie er sich auf der Straße zeigte, gravitätisch, das spanische Rohr mit dem dicken silbernen Knopf unter dem Arm, einherschritt, klang es ihm aus unartigem Kindermunde nach: „Heimchen, mach uns ein Reimchen," worauf er, mit echt philosophischer Ruhe den Stock schwingend, entgegnete: „Ungezogene Rangen müßte man fangen, zügeln und prügeln." Die beiden Herzfeld'schen Mädchen beschäftigten sein Herz lebhaft; nicht etwa, als ob er selbst sich mit kühnen Heirathsplänen getragen oder seine Augen gar zu Rosa erhoben hätte, Gott bewahre, — Heimchen war Gatte und Vater zweier hoffnungsvoller Söhne, welche aber in Betreff einer Heirath noch nicht in Betracht gezogen werden konnten, da Beide noch die Schulbänke drückten. Aber es that ihm weh, für die Töchter seines alten Bekannten Herzfeld noch keine paffende Partie gefunden zu haben; besonders wenn er Rosa begegnete und sie ihm seinen Gruß mit einem schelmischen Lächeln erwiederte, ließ er all' seine männlichen Bekannten vor seinem geistigen Auge vorüberziehen, in der Hoffnung, einen reichen darunter zu finden, welcher eben nur auf Jugend, Schönheit und andere treffliche Eigenschaften eines Mädchens sehen konnte, ohne den elenden, — aber von Heimchen trotzdem nicht unterschätzten Mammon in Betracht ziehen zu müssen. „Wenn ein reicher Mann wird kommen," reflektirte er, „wird es auch dem Alten frommen; für Dorchen findet sich bald ein Mann, wenn der Schwager mit Gelde helfen kann." (Fortsetzung folgt.) P Iiim KeLer-Abend. Von Emil Lehmann. Heut freue sich Jeder Im Hause beim Seder, Er künde den Seinen, Den Großen, den Kleinen, Was Peßach bedeute, Wie einstens, so heute. In jedem Jahrhundert Sei's preisend bewundert, Ob wechselt die Mode. Stets bleibt die Hagode. 9 Sie kündet von alten vergangenen Tagen, Wie man einst die Ahnen in Fesseln geschlagen. Wie schwer sie gekettet im knechtischen Loose, Bis daß sie errettet der herrliche Mose. Sie kündet Erlösung aus Elend und Knechtschaft, Sie preiset den Helden, der Freiheit und Recht schafft, Sie lehret von Gottes gerechtem Gerichte, Das Herrschsucht und Bosheit stets machte zu Nichte. d Sie mahnet — es mahnet der Juden Geschichte: Ihr Dasein ist Streben zur Freiheit, zum Lichte! Dies älteste Fest ist der Freiheit geweiht! Deß denken, deß freu'n sich die Juden allezeit! 9 Nicht in den Wundern, nicht in den Plagen. Nicht in den uralten rührenden Sagen Liegt das Geheimniß des herrlichen Festes: „Liebe zur Freiheit", das ist sein Bestes. 9 Mahnung, nimmer und nimmer zu weichen Von Ueberzeugung, des Mannesmüths Zeichen, Tüchtig wie Moses sür's Recht sich ermannen, Treu den Bedrängten, kühn den Tyrannen. 9 Webigadto lebincho, das künde dem Sohne, Wie Moses die Ahnen aus leiblicher Frohne, Aus Knechtschaft gerettet zu Freiheit und Licht: Das dankend zu preisen bleibt freudige Pflicht. Awodira hojinu — einst waren wir Knechte, Einst fehlten uns Freiheit und jegliche Rechte, Einst wurden die Juden gedrückt und gehaßt, Einst seufzten sie schwer unter bitterster Last. Da hat gottbegeifiert uns Moses befreit — - Uwechol daur wodaur — und zu jeglicher Zeit Sind neu Pharaonen den Juden erstanden, Und sannen aufs Neue auf Ketten und Banden — Doch jener erhabene göttliche Geist, Der Strebende fördert und Fesseln zerreißt: Die Lehre, das Vvrbild, das Moses uns gab, Erhielt uns aufrecht, ward Stützt uns und Stab, Und führt, wie die Vater ins Land, das gelobte, Zur Freiheit Israel, das leidenerprobte. Jahrhunderte nicht, kaum Jahrzehnte vergingen, Da waren die Juden in Fesseln und Schlingen, Da wurden verfolgt sie, gehetzt und vertrieben, Da war ihnen nichts als das Eine verblieben: Als diese Hagada, die köstliche Kunde Vom Siege der Freiheit, vom göttlichen Bunde. 9 Und wenn sich die Armen, die Müdegehetzten Am Peßachfeste zum Seder hinsetzten — Da waren sie nicht mehr die Kammerknechte, Da fühlten sie ihre untilgbaren Rechte, Sie jubelten auf und wähnten sich frei Und glaubten das Ende der Leiden herbei! Leschono habo — schon für's nächste Jahr Winkte Freiheit der hoffenden Vaterschaar. Und mitten drin in der herrlichen Feier, Da die Knechte sich freier fühlten und freier, Da sie schwärmten von besseren, glücklichen Tagen, Wie oft hat da Tücke sWfchmählich erschlagen, Wie oft ward durch Bosheit und Uebermuth Der Rothrvein vom Seder verwandelt in Blut!- Und lichtere Tage sind endlich gekommen, Die Brände des Hasses sind mählig verglommen. Wir sind dem Aegypten Europas entronnen, Wir dürfen zumeist uns im Freiheitsstrahl sonnen. Die bittersten Judenverfolger — sie modern Ob hie und da Fackeln des Hasses noch ledern. Des Vaterlands freie und glückliche Söhne Erglühen wir ihm — in harmonischer Schöne, Zugleich auch dem Glauben, dem tröstlichen, alten, Der durch die Jahrtausend' uns herrlich erhalten. Kein Sche’ene jaadea lischaul soll fürder sich zeigen, Kein'Indifferenter, der gern möcht' verschweigen, Daß selber er Jude, der's nimmer will wagen, Nach dem Wohl seiner Brüder, der Juden, zu fragen. Kein Tarn auch, der geistlos und ohne zu denken In alte Gebräuche nur sich kann versenken. Kein Rosche, der höhnisch den Bruder begeifert, Weil jüdisches Wissen und Sein ihn ereifert — Nein, Chochom, der Weise, zum Wohl und zum Preise Des Judenthums Walt' er im jeglichen Kreise, Er lehre, daß Judenthum — sittliche Reinheit, Er lehre der Freiheit, des Jüdenthunrs Einheit, Er lehre, daß Leben erglüht aus dem Tode, Begeisterung kommt aus uralter Hagvde! 9