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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-24 · Heft 17 (24.4.1891) · p. Seite 201

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 17 (24.4.1891)
Date
1891-04-24
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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20 t klug unter der hohen, schön geformten Stirn hervorleuchteten, imponirte ihm; sein Vaterauge mußte sich an der Erscheinung des Sohnes erfreuen, aber eingestehen wollte und konnte er es Niemanden, wie sehr es seinem Ehrgeiz schmeichelte, als er.Sonnabends an der Seite des jungen Mannes die Synagoge, wohin ihn Josef begleitet hatte, verließ und die Männer, dem jungen Manne die Hände schüttelnd, ihn Herr Doktor nannten und die Frauen und Mädchen verstohlen zu ihm herüberschielten, in dem sie kaum mehr den „Herzfeld Josef", wie sie ihn ehemals genannt, wiedererkenncn konnten. Für den nächsten Tag war die Abreise Josefs bestimmt; seine Zeit war ihm kurz bemessen, da er, während er sich zum Staatsexamen vorbereitete, noch eine Assistenzarzt-Stelle angenommen hatte, um seine geringen Einnahmen zu vermehren. Er trennte sich recht schwer von den Seinen, obgleich er sich nicht mehr gut in die kleinstädtischen Verhältnisse, noch weniger in das Leben im Elternhause zurechtzufinden vermochte. Die geistige Schwüle, welche im Hause herrschte und von dem Vater ausging, bedrückte ihn; jeden Augenblick konnte man den Ausbruch eines Gewitters erwarten, das sich über den Häuptern der drei Frauen entladen konnte; die Mutter hatte den geliebten Sohn nicht mit den drückenden finanziellen Sorgen beschweren wollen, aber es war trotzdem Josef nicht entgangen, wie groß sie gegen früher geworden waren; er konnte ja jetzt noch nicht helfend eintreten, aber der Wunsch, die Eltern und die beiden Mädchen in eine günstigere Lage versetzen zu können, war übermächtig in ihm geworden, und während er dem von der elterlichen Wohnung recht weit entfernten Bahnhof zuschritt, — von der Mutter und Rosa begleitet, gelobte er sich heilig und fest, all' seine Kräfte, sein Wollen und Können in den Dienst seiner Familie zu stellen. Wie schön Rosa war! Seine Äugen ruhten voll Stolz an der schlanken Mädchengestalt, deren reizende, weiche Formen durch das einfache, selbstgearbeitete dunkelblaue Wollkleid vortheilhaft gehoben wurden. Das weiche, dunkle Haar hing in schweren Zöpfen unter dem kleinen Hütchen herab; um den vollen, kirschrothen Mund spielte ein wehmüthiges Lächeln, galt es doch, von dem geliebten Bruder zu scheiden; die großen, mandelförmig geschnittenen, braunen Augen schimmerten feucht, als Josef, die Mutter und sie zum Abschied küssend, sagte: „Geduld! Was an mir. liegt, wird geschehen, um Euch Alle noch glücklich zu machen. Nehmt doch das Leben leichter, grämt Euch nicht um Dinge, die nicht zu ändern sind; jede Minute, die wir uns verkümmern, ist verloren, denn das Leben ist nur ein kurzer Traum. — Wenn die Menschen nur mehr Talent zum Glücke hätten, — es könnte gar nicht so viel Elend auf der Erde, die so viel Schönes in sich schließt, geben. — Komm' mit mir, Rosel," fuhr er hastig fort, während er einen liebevollen Blick auf sie warf, „es ist ein wahrer Jammer, daß Du hier in dem elenden Neste versauern mußt. Eine solche liebliche Menschenblume," flüsterte er der Mutterzu, „darf rnan nicht verstecken, sie muß bewundert werden können." Die Mutter zuckte die Achseln. „Ehe nicht Doris versorgt ist, diirfen wir an Röschen nicht denken," erwiederte sie leise; „sie wird verblühen, wie Doris verblüht ist; — sie war auch, ein hübsches Mädchen, und brav und gut ist sie auch. . Laß mich gehen, Josef — ohne Geld und Gutgiebt es kein Glück aus Erden; die Reichen können lachen; wir können uns plagen, daß der Schweiß von der Stirn läuft, es nützt uns auch nichts. Aber mach' Dir nur keinen Kummer um uns, Josef-Leben; hast gevug mit Dir zu thun. Gott hat bisher für uns gesorgt, er wird es auch weiter thun." Ueber das lebensfrische Antlitz des jungen Mannes flog ein etwas spöttisches Lächeln. „Hilf Dir selber, dann hilft Dir Gott," meinte er, , indem er seine Gestalt noch höher reckte. „So wie es jetzt bei Euch ist, kann es nicht bleiben. Die Stimmung des Vaters übt auf Euch, wie auf die Verhältnisse einen Druck aus. Früher war er anders," setzte er nachdenklich hinzu. Die Mutter hing sich fester an seinen Arm; ihr kummervolles Antlitz zu ihm neigend, bat sie leise: „Versündige Dich nicht an Gott, mein Kind- Baue nicht auf die eigene Kraft, — sie erlahmt, wenn er es will." Sie hatten den Bahnhof erreicht; der Zug, welcher Josef fortsühren sollte, war bereits signalisirt. Es blieb nur wenig Zeit zum Abschiediiehmen von Mutter und Schwester. Erst als er bereits im Wagen saß und noch einmal auf die beiden ihm so theuren Gestalten blickte, fiel ihm der todttraurige Ausdruck in dem holden Antlitz Rosa's auf, welche ihre Hand nach ihm ausstreckte, als bedürfe sie seiner zur Rettung aus drohender Gefahr. Der Zug brauste, ohne längeren Aufenthalt zu nehmen, vorüber; der braungelockte Kopf Josefs verschwand hinter den Scheiben, — langsam, bedrückt traten Mutter Und Tochter den Heimweg an. III. Herr Heimchen Lewy bekleidete in M. verschiedene Aemter. Erstens fuugirte er als Gcmeindediencr, zweitens war er Mazzebäcker, und drittens hatte er die angenehme Verpflichtung, die Einladungen zu besorgen, wenn ein frohes Ereigniß dazu Veranlassung bot. Die eleganten, goldgeränderten, mit Monogramm verzierten Karten, die jetzt frohe Kunde bringen, hatten sich in M. noch nicht eingebürgert. Die „Kille" war weder groß noch reich, und Herr Heimchen Lewy erfüllte seine Aufgabe mit bewunderungswürdiger Grazie. Außer diesen ganz einträglichen Geschäften, welche ihn mit allen Familien der Stadt in enge Beziehungen brachten, betrieb er noch ein viertes, wobei ihm die genaue Kenntniß allen Familienverhältnisse zu statten kann. Er vermittelte nämlich Heirathen, lind wenn Heimchen Lewy fand, dieses oder jenes Paar sei passend für einander, dann konnte man zehn gegen eins verwetten, daß er recht hatte. In den töchterreichen Familien war „Heimchen," wie er kurzweg genannt wurde, ein gern gesehener Gast. Er beschränkte sich bei seiner -schwierigen Aufgabe nicht allein auf M., o nein, in der ganzen Umgegend, wo es jüdische Jungfrauen und Jünglinge gab, war er heimisch, und Cupido konnte sich über diese» irdischen Vertreter nicht beklagen, wenn er auch äußerlich durchaus nicht dem kleinen heidnischen Schelme glich. Heimchen war ein wenig verwachsen, das breite Gesicht mit den funkelnden schwarzen Aeugelchen, die buschigen, rothbraunen Augenbrauen, der große Mund mit dem lückenhaften Gebiß, die scharfgebogene Nase und das hervorquellendc Kinn konnte man nicht gerade reizend nennen, aber ein gewisser Humor, der sich niit einem scharfen Verstand verband, söhnte mit .dem unschönen Aeußcrn ans. Heimchen liebte es, in Reimen zu sprechen; cs wirkte komisch, verhinderte aber jeden ernstlichen Streit mit ihm, obwohl er manchmal recht bissig werden konnte. Manches Mädchen wäre ohne ihn nicht unter die erwünschte Haube gekommen; so mancher Jüngling, dem die Schulden wie Feuer auf den Sohlen brannten und durch ein paar Tausend Mark Mitgift wieder flügge geworden war und jetzt in Wonne rind Seligkeit an der Seite seines Weibes schwamm, sah in Heimchen seinen Helfer und Erretter. Das Gefühl, Großes geleistet, Ehen, die sonst nur im Himmel geschlossen werden, durch die Kunst seiner. Rede zu Stande gebracht

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