Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1891)
- Date
- 1891-04-24
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
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260 Wie wir sehen, ist die Frage der Ehen unter Blutsverwandten nichts weniger als einfach, und wenn man von verschiedenen Gesichtspunkten an eine Betrachtung' derselben herangeht, kann man zü scheinbar ganz entgegengesetzten und doch berechtigten Schlüffen gelangen. Wenn wir den Standpunkt, den die heutige Wiffenschaft, speziell mit Rücksicht auf das praktische Leben, der Sache gegenüber einnimmt, kurz bezeichnen sollen, so ist es folgender: Die Blutsverwandtschaft in der Ehe ist aller Wahrscheinlichkeit nach an sich für die Nachkommenschaft nicht schädlich. Sie wirkt hauptsächlich dadurch nachtheilig, daß sie die Entwickelung anomaler erblicher Anlagen begünstigt. Wo also dergleichen in einer Familie vorhanden, wäre eine Verwandtschaftsehe von unheilvollem Einflüsse auf die Descendenz, während im entgegengesetzten Falle dem Abschluß einer solchen Ehe nichts entgegenzusetzen wäre. Leider ist dabei noch ein Faktor in Rechnung zu ziehen, der von unendlicher Bedeutung ist und für die Praxis die Wage zu Ungunsten dieser Ehen bedeutend herabdrückt. Es ist dies der Umstand, daß die Arbeiten, die Schicksale, die Leidenschaften des Menschen in ihm, mehr oder weniger ausgeprägt, die Neigung zu gewiffen körperlichen und geistigen Leiden begründen, so daß man beinahe behaupten kann, daß selbst die scheinbar Gesundesten eine, wenn auch noch so geringe Anlage zu irgend einem organischen Leiden mit sich herumtragen. In den Familien, wo die äußeren Lebensverhältniffe, die Gewohnheiten und Sitten oft genug dieselben sind, pflegt oftmals auch derselbe Keim zu gewiffen Anomalien der Konstitution bei den einzelnen Individuen vorhanden zu sein. Bei einer ehelichen Verbindung zweier Familienglieder sind daher, die Unschädlichkeit der Blutsverwandtschaft an sich für diese Ehe vorausgesetzt, die Chancen, daß dieser Keim einen für seine Ausbildung günstigen Boden finden werde, viel größer als bei einer Ehe zwischen Fremden. Sodann ist es Thatsache und in den Gesetze des Atavismus begründet, daß vererbungsfähige Krankheiten oft ganze Geschlechter überspringen, erst im Urenkel und in noch späteren Generationen wieder auftauchen, sich in Seitenzweige flüchten und nach langem Schlummern plötzlich wieder in einer Linie zum Vorschein kommen könnest. Und da es nun unmöglich ist, immer zu einer so genauen Kenntniß der Familiengeschichte zu gelangen, um das Vorhandensein eines konstitutionellen Fehlers in der Reihe der Ahnen und Seitenwandten vollkommen auszuschließen, so ist es leicht einzusehen, wie bedenklich dadurch im Allgemeinen der Abschluß einer Verbindung zwischen Blutsverwandten wird. Einen wie hohen Prozentsatz nun gerade die jüdische Bevölkerung Deutschlands und anderer Länder zu diesen Ehen zwischen Blutsverwandten stellt, ist bekannt und statistisch nachgewiesen. Desgleichen , daß die im Gefolge blutsverwandter Ehest so häufig austretenden krankhaften Erscheinungen, wie Nerven- und Geistesaffektionen, Taubstummheit, Veränderungen in der Sehnervenhaut u. a., besonders in jüdischen Familien angetroffen werden, wo die Eltern einen höheren oder geringeren Grad von Blutsverwandtschaft zeigen. < Es läßt sich nun nicht leugnen, daß die oben angegebenen Bedingungen und Voraussetzungen für die Entwickelung jener Leiden, also krankhafte Anlagen verbunden mit Häufigkeit blutsverwandter Ehen, bei keinem anderen Theile der Bevölkerung in dem Grade zutreffen, wie bei den Juden. Worauf dies beruht, daß gerade bei den Juden die Anlagen zur Ausbildung jener Uebel so unverhältnißmäßig scharf hervortretest, das ist eine Frage, die nicht leicht zu beantworten ist, und die schon zu vielem Streit und Widerstreit Veranlaffung gegeben hat. Jedenfalls ist diese Frage nur auf Grund objektiver historischer Forschungen zu entscheiden, und in dieser Beziehung werden dann die sozialen Verhältnisse der Juden, wie sie sich im Laufe der Jahrhunderte unter den verschiedenartigsten Einwirkungen gestaltet haben, vornehmlich ins Auge zu faffen sein: die vorwiegende geistige Beschäftigung, das aufregende Leben in den Städten u. s. w. Damit ist denn auch die Häufigkeit der Erblindung unter den Juden in Zusammenhang zu bringen. Dieselbe ist wohl ebenfalls auf deren Berufsthätigkeit zurückzuführen, welche einerseits die Entwickelung nervöser Störungen, also auch die Veränderungen im Sehnerven begünstigt, andererseits das Sehorgan in verhältnißmüßig hohem Grade in Anspruch nimmt. Daß die Blutsverwandtschaftsehen mit ihrer Gefolgschaft von Netzhaut- (Sehnervenhaut-) Leiden dazu nicht wenig beitragen, ist zweifellos. Die Annahme, als ob hier eine Raffeneigenthümlichkeit vorliege, die in fortschreitender Entwickelung zur endlichen Entartung führe, oder daß das Religionsbekenntniß der Juden eine der Hauptursachen bilde für jene Anlagen und für die Zunahme körperlicher und geistiger Gebrechen unter den Juden, ist lediglich ein Produkt des Vorurtheils. Es scheint nun, als ob die Erkenntniß der Gefahren, die hier drohen, in den letzten Jahren zugenommen hat, denn wie die Statistik erfreulicher Weise lehrt, ist die Zahl der Verwandtschaftsehen im Abnehmen begriffen, was um so bedeutsamer erscheint, wenn man die erhebliche Vermehrung der Bevölkerung in Betracht zieht. Während nach der „Zeitschrift des Königl. preußischen statistischen Bureaus" noch im Jahre 1883 die Anzahl der Ehen zwischen Blutsverwandten in Preußen 1702 betrug, verminderte sie sich im Jahre 1884 auf 1685, im Jahre 1887 weiter auf 1549 und im Jahre 1889 auf 1513. Von diesen letzteren (1513) sind. 1375 Ehen zwischen Cousins und Cousinen, 116 zwischen Onkel und Nichte, 28 zwischen Tante und Neffe. Hoffen wir im allgemeinen jüdischen Interesse und mit Rücksicht auf die Gefahren, die hier drohen, daß in dieser Beziehung auch fernerhin günstige Ergebnisse zu verzeichnest sein werden. U —^ FEUILLETON . Gstt ist die Liede. Novelle von O. B a ch. (Fortsetzung.) Als Knabe hatte Josef Herzfeld mit Conrad Hochbaum auf einer Schulbank geseffen; sie hatten, wie dies die kleine Stadt mit sich bringt, zusammen gespielt, gerauft und gearbeitet; von Zeit zu Zeit hatte Conrad Josef Herzfeld einen „dummen Judenjungen" genannt, wofür ihm Josef die Antwort nicht schuldig geblieben war; — aber mit dem Augenblick, wo die Kindheit aufgehört, waren sich die beiden jungen Leute aus dem Wege gegangen, was ihnen dadurch erleichtert wurde, daß Conrad Hochbaum ein Jahr ftüher als Josef die Universität besuchte. Es kümmerte Josef sehr wenig, als er hörte, Conrad arbeite als Referendar an dem Landgericht in M.; er interessirte sich gar nicht für jene Leute, welche stets mit souveräner Nichtachtung auf alle fremden Elemente des Städtchens herabsahen und nur mit Rosa Herzfeld eine Ausnahme machten, — eine, in Josefs Augen, sehr zweifelhafte Ehre. Der alte Herzfeld hatte für seinen Sohn wenig freundliche Worte. Die stattliche, jugendlich kräftige Gestalt mit dem üppig wuchernden, hellbraunen Vollbarte, — mit den hellblauen Augen, die so