Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1891)
- Date
- 1891-04-24
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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bezeichnet, auf welche alle ihre Nachfolger bis auf den heutigen Tag ihre Angriffe richten, um Ausschließung von Nichtjuden, Scheidung von ihnen als das charakteristische Merkmal in Israel festzustellen und den Trieb zur Gemeinschaft mit ihnen zu leugnen. Von Manetho bis Tacitus, in einem Zeitraum von 400 Jahren, ließ vielleicht kein einziger griechischer oder römischer Schriftsteller sich die Gelegenheit entgehen, seine Giftpfeile gegen das Judenthum zu schleudern. Jeder hat seine Feder in ätzende Galle getaucht und einen Beitrag zur Geschichte des Haffes und der Feindseligkeit gegen daffelbe geliefert, zu deren Fortsetzung in allen folgenden Jahrhunderten, und auch jetzt noch, gelehrige Schüler sich finden. Und doch! Dienten nicht alle jene religiösen Uebungen und Erfüllungen, deren Israel bis zur Entstehung des Christenthums angeklagt wurde, dazu, es in seinem höchsten Besitze zu schützen, ihm den Gottglauben in seiner Reinheit und Größe zu bewahren, den es berufen war, durch die Welt zu tragen und der gesammten Menschheit als heiliges Erbe zu hinterlaffen, — die Gottesflamme hehr und lauter zu erhalten, an welcher der jüngere Glaube sich erzeugen und seine höchsten Wahrheiten gewinnen konnte! Gewiß; in dieser Hinsicht war der jüdische Stamm unbeugsam, stets ablehnend und zurückweisend. Und ob auch die Strabo und Diodor, Plutarch und Sueton, Horaz und Quintilian, Cicero, Tacitus und Juvenal und mit ihnen andere Autoritäten des klastischen Alterthums ihn verlästerten, daß seine Angehörigen ein von barbarischem Aberglauben erfülltes Volk x) seien, und diese verspotteten, daß sie „eine Gottheit des Himmels anbeten"2): so hielten sie sich dennoch in religiösem Betracht vom Heidenthum entfernt und vermischten ihre Religion nicht mit den Anschauungen des heidnischen Glaubens.3) Allein eben so entschieden, wie inmitten von Drangsal und Gefahr Israels Abneigung gegen Alles war, was den Glauben an den einzigen und einigen Gott erschüttern und den reinen Monotheismus irgendwie trüben könnte: so groß und willig erwies sich im Allgemeinen andererseits seine Hinneigung zur Gemeinschaft mit Anders? gläubigen in dem, was das Dogma des Monotheismus nicht berührte. In den Ausstrahlungen des Gottglaubens, welche erst im Laufe .der Jahrhunderte entstanden sind und seitdem den Umkreis der religiösen Vorstellungen im Judenthum gegen ftüher erweitert und neue Gebiete metaphysischen Denkens erschlossen haben; in vielfachen Bildungen und Erscheinungen, welche erst spätere Perioden am Baum der jüdischen Religion gezeitigt und die sich seitdem wie, mit ureigener Kraft in den Vorstellungskreis des Judenthums eingelebt haben, ruht das unwiderlegliche Zeugniß seiner freudige« Aneignung deffen, was es in andern Bekenntniffen fand, insoweit, ihm dies geeignet schien, sein eigenes Glaubensleben zu vertiefen. Vollgiltige Beweise ergeben sich daraus für die Erkenntniß, daß das Judenthum, das anderen Bekenntniffen ewige Heilsgaben aus dem unerschöpflichen Hort seiner Glaubenswahrheiten mit auf den Weg gab, doch andererseits in hohem Grade der Anschließung und der Gemeinschaft mit jenen Bekennern zuneigte, um nicht nur diesen zu geben und zu reichen, sondern auch.von ihnen zu nehmen und zu empfangen, was der eigenen Gottverehrung Förderung und Festigung zu bringen vermöchte. Vollends war Israel bestrebt, ein y Lieero, oratio pro Flacoo c. 28; Tac. Hist. V, 13. Juvenal Sat. XIV, 98. — 3) In den ersten Jahrhunderten des jüdischen Volkslebens — von Moscheh bis zur Zerstörung des zweiten Tempels — fehlt es allerdings nicht an Götzendienst, zu welchem, abgesehen von politischen Beweggründen, ein besonderer Reiz geführt haben mag. Allein "immer wieder wird dieser Abfall ebenso wohl in der Lehre Moscheh's wie in den Reden der Propheten als die schwerste Sünde bezeichnet, und alle Leiden des Volkes werden auf ihn als Folge zurückgeführt. treues Zusammenwirken mit Andersgläubigen auf sittlichem Boden zu pflegen, und in den unzähligen Richtungen des Verkehrs, in welchen die Leidenschaften sich tummeln und in heißem Wettbewerb die Menschen um den Preis in Wissen und Erwerb ringen, in aufrichtiger Gemeinschaft mit Jenen zusammenzustehen, an den großen Zielen der Gesammtheit mitzuarbeiten und im Dienste seiner Sittenlehre, die unzertrennlich mit seiner Glaubenslehre verbunden ist, Wahrheit, Gerechtigkeit und Treue gegen Alle zu üben. Blicken wir nun an dieser Stelle auf die Anfänge des jüdischen Stammes zurück —, auf die Wahrzeichen, welche dort bereits auf die Hinneigung des später» Israel zur Gemeinschaft und zum Zusammenwirken mit Andern Hinweisen, auf die Geschichte seines gesammten Lebens, auf deren Blättern abwechselnd seine Gaben an Andersgläubige und seine Dankbarkeit gegen diese für empfangene Wohlthaten verzeichnet stehen: so fesseln uns vor Allem drei Erscheinungen. Zunächst der alte Patriarch. Auf Gottes Geheiß verläßt Abraham Land und Heimath, zieht über den Euphrat und kommt nach Kanaan.') Es ist von kulturgeschichtlichem Interesse, die Wanderungen zu lesen, welche Abraham gemacht, — Land und Leute kennen zu lernen, wo er gewirkt, wie die Vorgänge, in die er verwickelt war; und unwiderstehlich drängt sich uns dabei die Ueberzeugung auf, daß diese Erlebnisse und Berührungen erziehend, bildend und befteiend auf Geist und Seele des Patriarchen eingewirkt haben. Denn mit heiligen Gottahnungen in der Brust überschritt er bereits den großen Strom; zur größeren Weite des Glaubens jedoch, zur Befteiung von engen und einseitigen Anschauungen, die er von „jenseits des Stromes" mitgebracht hatte, gelangte er erst in Kanaan, in lebendiger Wechselwirkung mit den Volksstämmen, die ihn umgaben. So war der Zuruf Gottes an den ersten „Hebräer" vorbedeutend für die Hebräer, seine Nachkommen, für deren Besfimmung, in treuer Gemeinschaft mit Andersgläubigen zu arbeiten und in liebendem Austausch der Kräfte Gutes zu stiften. Auf Abraham folgt vier Jahrhunderte später Moscheh. Es kommt vor, daß um Vaterland und Abstammung großer Männer lebhaft gestritten wird und selbst ihr bloßer Name Gelegenheit bietet , die Persönlichkeit des Umstrittenen in Zweifel zu ziehen. Dieses Schicksal theilt auch Moscheh, den die Aegypter als einen Sohn ihres Volkes bezeichnen, der in Heliopolis geboren, nach dem dort verehrten Gotte Osiris den Namen Osarsiph getragen habe, bis er als Abtrünniger seines Volkes und Glaubens sich den Namen Moscheh beigelegt habe?) Und doch sind dies Unterstellungen, welche nach den klaren Ausführungen des Josephus den Stempel der Unwahrheit und Gehässigkeit an der Stirn tragen, während der Bericht der Heiligen Schrift3), dem auch Josephus und Philo*) folgen, vermöge seiner inneren Wahrscheinlichkeit und der Autorität, die ihm nun einmal zukommt, die Sprache der Wahrheit und Treue redet. Danach ist Moscheh ein Sohn des unterdrückten israeütischen Stammes, aber er verdankt seine Lebensrettung und was er durch Erziehung und Bildung geworden ist, der ägyptischen Königstochter und dem Einflüsse der Aegypter. Ja, der Name, den ihm die geheiligte Urkunde beilegt, ist ägyptischund deutet auf die Errettung hin, welche durch die Aegypten» ihm zu Theil wurde. Man bezeichnet gemeinhin Vieles als Zufall, was ohne unser Hinzuthun zu einem entscheidende« Wendepunkte in unserem Leben geworden ist. Dem Denker jMch, der von einer höheren Weltordnung, einem waltenden Weltgesetz überzeugt ist, steigt der Zufall aus den tiefsten Gründen empor, und er nennt ihn mit der Sprache des Glaubens: „Walten der Vor- 0 I. B. Moscheh 12, 5. s) Jos. c. Ap. I. 2«. 3) II. B. M. 2,1-16. 4) Philo, vita Mos. p. 83. ®) Philo, das.; Jos. e. Ap. I. 31.