Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1891)
- Date
- 1891-04-24
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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197 wöchentlichen Stunde vermag? Wo findet sich der große Meister, der durch die Theorie allein alle jene genannten Kenntnisse der Jugend vermittelt? Und glaubt man wirklich, daß man Kunde von alledem, was ein . religiöses Leben verlangt, nur auf dem Wege der Lehre allein erlangen kann? Ist nicht in religiösen Dingen mehr als anderswo die Praxis, die That das Beispiel, das in die Erscheinung tretende, das Belehrende und -Entscheidende? Und nehmen wir nun an, der gewandte und erfahrene Lehrer wäre im Stande, die Lücken, welche die häusliche religiöse Erziehung in so großer Menge gelassen, auszufüllen, wem ist es nicht bekannt, daß die Arbeit des Lehrers, die redliche Mühe, die er sich genommen, dadurch illusorisch gemacht wird, daß das Kind zu Hause gerade das Entgegengesetzte von dem hört und sieht, was der Lehrer in der Schule lehrt? Da wird im Herzen der Jugend ein unausfüllbarer Zwiespalt geschaffen, welcher nirgends so gefährlich ist, als in religiösen Dingen. Dieser Zwiespalt ist die eigentliche Quelle des religiösen Nihilismus unserer Zeit. Dazu kommt noch etwas Anderes. Auf der Wechselwirkung zwischen Schule und Haus beruht das Heil und der Erfolg jeglicher Erziehung, besonders aber der religiösen. Diese Wechselwirkung wird aber nicht am wenigsten gefördert durch regen Verkehr zwischen Eltern und Lehrern. Ist dies nun in Bezug auf Eltern und Religionslehrer wirklich der Fall? Wir müffen dies leider verneinen. Noch immer hält man in vielen, und gerade in den sogenannten vornehmen Kreisen, den Religionslehrer als einen Menschen niederen Grades; es permeint gar mancher seiner Würde etwas zu vergeben, wenn er sich wegen der religiösen Erziehung seines Kindes mit dem Religionslehrer in Verbindung setzte. Und doch kann hier nur durch kräftiges Zusammenwirken aller Faktoren Ersprießliches erziehlt werden. Soll also der Religionsunterricht in den meisten Fällen nicht ad absurdum geführt werden, so wird er sich auf Geschichte unseres Volkes, auf die Pflichtenlehre, und soweit es die Zeit gestattet, auf Lektüre der Gebete und der Bibel beschränken müssen, Rituelles und Liturgisches wird er aus Gründen, die man aus dem Gesagten entnehmen mag, kaum berühren können. Es muß eben immer und immer wieder gesagt werden: Der religiöse Unterricht gehört ins Haus, hier ist es das Beispiel, welches wirkt, die That, welche aufmuntert, das Gesehene, das zur Nacheiferung mahnt. In vielen Städten Oesterreichs, und wie ich höre, auch Deutschlands, ist ein Jugendgottesdienst eingeführt. So löblich diese Einrichtung ist, so hat sie sich dennoch nicht ganz bewährt. Denn was nützt der Jugend ein Gottesdienst, wenn ihr die Vorgänge bei demselben, die einzelnen Theile deffelben etwas ganz Unbekanntes sind? Da ist es wieder nöthig, daß von Seite der Gemeinden darauf gesehen wird, die Jugend im Tempelgesang zu unterrichten, die jungen Leute darüber zu belehren, welche Gebetstücke rezitirt werden sollen; es muß immer die leitende Hand sichtbar sein, welche andeutet, erklärt, hinweist. Daß dies der Lehrer allein nicht vermag, daß ihm von Seite des Hauses diese Last theilweise abgenommen werden muß, wer kann dies bestreiten? Innerhalb der Mauern des Hauses, sowie in den Schulen, muß das religiöse Gefühl der Jugend geweckt und gehoben werden. Es ist die Achtung, die Verehrung für die Größe, für die Erhabenheit unseres Glaubens, unserer Geschichte, unserer Litteratur, welche stets im Auge gehalten werden muß, sowohl von Eltern, wie von den Lehrern. Die Religion muß den ersten Platz im Erziehungsplane einnehmen. Ich denke doch, es sei für unsere Söhne zum mindesten ebenso wichtig zu wissen, wer Jesaias und Esra waren, wie wer Achilles und Sophokles. Und dann, wem hat die ganze Entwicklung der Menschheitsgeschichte mehr zu danken, Aeschylos etwa und Cicero, oder Moses und David? Sind cs die homerischen Gedichte oder die Psalmen, welche Millionen zur heiligen Andacht ermuntern? Steht etwa der Gesang der Deborah den thrtüischen Schlachtgesängen an Kraft und Schwung nach? Man möchte heute gern das ganze sogenannte „Alte Testament" mit all' dem Großen und Heilsamen, das es zum Wohle des Menschengeschlechtes geschaffen, von seinem hohen Piedestal stürzen, — vergebliches Beginnen, ihr müßtet denn die ganze menschheitliche Entwicklung auf den Kopf stellen. Und diese ganze Größe unserer Vergangenheit müffen wir vor lenserer Jugend aufrollen, damit sie sich an derselben erhebe und erfreue. Lasset sie Einblick nehmen in all' die Wunder unserer Geschichte, sie erkennen die Größe und Allmacht Gottes in derselben, dann wird auf ihr mit Recht unsere Hoffnllng beruhen köllncn, ja, „ein Segen Gottes werden dann sein unsere Kinder". U Israels Gemeinschaftsleben mit Andersgläubigen. Von Dr. Tobias Cohn, Rabbiner in Potsdam. j. Bis zur Lntstebunz des Lbristcnlhnms. Aus den Anfängen der Völker werden oft Vorgänge berichtet, die der Larve gleichen, ans welcher das spätere Leben sich entwickelt. Schattenhaft tauchen jene Vorgänge an dem späteren Tageshinnnel der Nation auf, der ein reich eiltwickeltes Dasein, eine Fülle von Bildungen und Erscheinungen beleuchtet, des Volkes Neigungen und Leidenschaften, seinen geistigen und sittlichen Lebensinhalt umspannt. Aber in Wahrheit öffnen sie die Pforte der Geschichte, weihen die Bahn, welche Völker ziehen, umschreiben den Beruf, dem diese später obliegen, und sind frühzeitig Künder ihrer Thaten und Werke, ihres Geistes und Charakters. Am Eingänge zur Geschichte des römischen Volkes werden zwei Söhne des Kriegsgoites von einer Wölfin gesäugt; in den Grund und Boden, auf welchem später Athen sich erhebt, pflanzt die Göttin der Weisheit unV Kunst den Oelbaum. Das sind Wahrzeichen der Kraft und Wissenschaft, an der Wiege zweier Völker aufgesteckt, die deren Werden und Wesen im Voraus ahnen lassen. Auch Israels Geschichte kennt solche Vorgänge und Wahrzeichen, und wiederholt drückt sich diese Wahrnehmung in dem Satze der Alten aus: „Was den Vätern begegnet ist, begegnet auch den Nachkommen". Unter diesen jedoch ragt Eines hervor, das in verschiedener Gestalt und Form wiederkehrt und an den Stellen unsere Aufmerksamkeit fesselt, welche den Beginn eurer neuen Periode bezeichnen: es ist die Hinneigung zur Gemeinschaft und zum Zusammenwirken mit den Angehörigen fremder Bekenntnisse. Man hat sich daran gewöhnt, dem Judcnthum Glaubensregeln zum Vorwurf zu rnachen, welche seinen Bekennern anscheinend Trennung und Zurückhaltung von Andersgläubigen vorschreibcn, und thatsachlich bieten manche religiöse Anordnungen dazu einen gewissen Anhalt. Jener persische Große, welcher seine Gegnerschaft gegen das Judcnthrnn und dessen Bekenner in die Formel faßte: „Ihre Gesetze und Sitten sind andere als die eines jeden Volkes"'); dann der in Vcrfolgungssncht gegen Israel schwelgende Syrerkönig, an welchen das Chanukahfest erinnert; endlich der Alexandriner Apion, der wenige Jahrzehnte vor der Zerstörung des zweiten Tempels durch seine litterarische Hetze gegen das Judenthum mustergiltig für alle Folgezeit wurde: sie haben dem Glaubensleben Israels ihre ganze Spürkraft zugewendet, es in seinen Höhen und Tiefen verdächtigt und verwundet und mit übermüthigem Hohn die Stellen seiner Lehre ') Esther 3, 8.