Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1891)
- Date
- 1891-04-24
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich war bis hierher in »reinem Briefe gelangt, als mir der Schluß des vortrefflichen Artikels: „Die Wissenschaft des Judenthums" aus der Feder des gelehrten, geistvollen, der Wissenschaft und den Interessen des Judenthums mit Enthusiasmus ergebenen Professors Dr. D. Kaufmann zu Gesichte kam. Es sind goldene Worte, die er betreffs des Aufstellens von Lehrstühlen für die Geschichte und Litteratur der Juden air den Universitäten spricht. Mir gewährten sie eine um so größere Genugthuung, als d«r ihnen zu Grunde liegende Gedanke nicht der Kongruenz entbehrte mit demjenigen, den ich in diesen Briefen entwickelte. Jawohl, aus den Gelehrten zu den Gebildeten, aus den Gebildeten zu den Massen, das ist der große Kreislauf, den die menschliche Entwickelungsgeschichte lehrt. Nicht oft genug kann aber auch wiederholt werden, daß in solchen Zeitkäufen, wie die jetzigen es sind, die Juden untereinander einig sein müssen. Gemeinsam marschiren und gemeinsam schlagen muß jetzt das Losungswort sein. Sollen jetzt alle religiösen Differenzen schweigen, so ist dies um so mehr zu verlangen, wenn es sich lediglich um Befriedigung eitler, ehrgeiziger Ambitionen handelt. In Erkenntnis; der heutigen Lage müßte sich jeder Jude sagen: „Nur der Beste ist gut genug, um die Juden nach außen zu vertreten." Ist dem aber so? d lieber -ie häusliche Erziehung unserer Jugend zur Religion. Von Dr. Max Grünseld. „Belehret in den Geboten Gottes eure Kinder", „wenn dich dein Sohn fragen wird", „frage deinen Vater und er wird es dir künden", „mein Sohn höre auf meine Worte" — diese und ähnliche Aussprüche unserer Bibel deuten genugsam darauf hin, wie sehr in Israel immer das Haus als die wahre Schule galt, die Eltern als die natürlichen und besten Lehrer ihrer Kinder betrachtet wurden. Wer auch nur oberflächlich vertraut ist mit der biblischen und rabbinischen Litteratur, wer nur ein wenig Einblick genommen in die Geschichte unseres Volkes, der wird sich der Erscheinung nicht verschließen können, die sich ihm hier arifdrängt, wie nämlich in der Familie, in den innigen Beziehungen des Vaters und der Mutter zu ihren Kindern die Hoffnung Israels erblickt wird für alle Zukunft. Wird doch das Verhältnis; Gottes zu seinem Volke am innigsten dargestellt dadurch, daß er mit einem Vater verglichen wird, der seine Kinder beschützt, sie trägt, wie der Adler seine Jungen, sie behütet, wie der Wärter den ihm anvertrauten Säugling, sind wie wird wieder den Kindern Ehrfurcht vor den Eltern, wie wird ihnen Gehorsam, Aufmerken auf die Zucht und Ermahnung der Eltern eingeschürft! — So beruht unser ganzes Wesen, unser ganzes' Sein und Nichtsein auf der Familie und der erzieherischen Thätigkeit in derselben. Es ist das Beispiel, das von den Eltern gegeben wird, die Aufmunterung von Seite des Vaters und der Mutter, welche allein die Liebe zum Glauben, das religiöse Gefühl in unserer Jugend zu befestigen vermögen. Mit einem Worte: Mehr als auf anderen Gebieten ist es auf dem Gebiete der Religion nothwendig, daß das Haus erziehlich cinwirkt. Das Familienhaus muß wirklich zum Gotteshause werden und andererseits wieder zum fruchttragenden Felde, auf welchem der ausgestreute Samen zum herrlichen Ertrage aufgeht. Fragen wir nun, wie ist es mit der häuslichen Erziehung unserer Jugend bestellt? Die Antwort auf diese Frage wird leider so ausfallen müssen, daß in dem Erziehungsplan unserer meisten Familien für die Religion ein sehr geringer oder gar kein Raum übrig bleibt. Unsere Religion geht mehr als alle anderen von bestimmten Quellen aus, es sind dies unsere biblischen Schriften. Um diese lesen und sie später verstehen zu können, dazu gehört eine ziemlich ausreichende Kenntniß der hebräischen Sprache. Während in früheren Jahren mit dem Studium dieser Sprache schon sehr früh begonnen wurde, indem man die jungen Knaben sofort in die Lektüre der Bibel einführte, sieht man jetzt in dieser Kenntniß einen unnöthigen Ballast, welcher die ohnehin überbürdete Jugend nur noch mehr zu belästigen und beschweren vermag. Wird aber unseren Kindern die Kenntniß der heiligen Schriften entzogen, dann verstopft man ihnen gleichsam den Quell, aus welchem unsere ganze Religion fließt, dann verschüttet man ihnen den Brunnen des lebendigen Waffers, das unsere Vorfahren erquickte, aus dem sie Trost und glaubensstarke Gesinnung, Erhebung im Leid, und Wonne und Freude im Glücke schöpfen. Die ganze Poesie der Religion geht unserer Jugend verloren; das Schöne und Herrliche, was die Religion bietet, kennt sie nicht. Unsere Ceremonien und Feste sind ihr tobte Schemen, abgestorbene Einrichtungen, deren historische Entstehung ihr gaüz verhüllt ist. Die wahrhaft menschliche Sittenlehre Mosis und der Propheten bleibt ihr ganz verborgen, hat sie doch nie Einsicht genommen in jene heiligen Urkunden, deren Ideale von wahrhafter Gerechtigkeit, wahrem Menschenfrieden und beglückender Barmherzigkeit, von uns Kindern eines aus seine Bildung so stolzen Geschlechtes bei weitem noch nicht erreicht wurden. Und was hat man dafür unserer Jugend geboten? Im Hause eine, fast möchte ich sagen, absichtliche Abneigung gegen Alles, was mit unserer Religion nur im Entferntesten im Zusammenhänge steht. Werke, die über unsere Litteratur handeln, Bücher, welche geeignet wären, der Jugend einen Begriff beizubringen von dem Reichthum der Schönheit, der Gedankentiefe unseres Schrifthtums, finden keinen Platz in den Bücherreihen jüdischer Häuser, in denselben Büchersammlungen, in welchen „die nie gelesenen Klassiker" aller Völker und Zeiten gesehen werden. Wie viele Mühe kostet es oft, Eltern zu veranlassen. daß sie ihren Kindern eine Schulbibel anschaffen, dieselben Eltern, welche zu Weihnachten Unsummen für bemalte Bücher aller Art, für bedrucktes Velinpapier in den so beliebten Prachtbänden ausgeben. Was kann dann unserer Jugend das Judenthum sein? Was kann sie an demselben anziehen? Im Hause herrscht vollständige Gleichgiltigkeit dem Judenthum gegenüber, Alles muß ihr hier wichtiger erscheinen, als die Religion, moderne Sprachen und Turnen, die Klavierseuche unserer Zeit und der Tanzunterricht; draußen hört sie nichts als Verunglimpfung, Spott und Hohn über ihren Glauben, immer und immer wieder wird ihr seine Inferiorität vorgehalten von Groß und Klein, Vornehm und Niedrig. Da kann es wahrlich Niemand wundern, wenn die Kinder, die Hoffnung Israels, das ersehnte Glück der Mütter, der Segen Gottes, die Freude der Väter, zum Kummer und Unglück werden, da wir sie auf der absschüssigen Bahn der Abtrünnigkeit vorwärts eilen, alles verleugnen sehen, was die Ahnen für heilig und ehrwürdig gehalten haben. Wir hören nun einwenden, die religiöse Erziehung habe der Religionsunterricht zu übernehmen und zu bewerkstelligen. Gewiß, dieser Einwand ist ein triftiger, und wir wollen ihn hier beleuchten. Der Religionsunterricht in unseren Schulen hat sicherlich mehr denn je eine heilige und wichtige Aufgabe zu voüführen. Er hat die Jugend in unsere Geschichte einzuführen, ihr die Quellen unseres Glaubens, unser Schriftthum zugänglich zu machen, er soll ihr die Kenntniß der äußeren Formen unseres Bekenntniffes, des Ritus und der Liturgie erschließen, soll ihr den sittlichen Gehalt unseres Glaubens öffnen. Das Alles soll der Religionsunterricht. Dazu aber gehört: erstens Zeit, zweitens wieder Zeit und drittens abermals Zeit. Wo aber ist der pädagogische Künstler, der das Alles in zwei oder manchmal gar nur einer