Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1891)
- Date
- 1891-04-24
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
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19s daß dadurch int andern Lager aus manchen Saulussen sich Paulufse entwickeln könnten. Dabei lag die Gefahr nahe, daß im selben Maße, als die platte Mittelmäßigkeit von unserer Seite Vertretungen erhält, auch das Niveau der Ansprüche an die Mandatfähigkeit der nichtjüdischen Bewerber niedrigergestellt wird. Was vermag aber ein solcher Heerbann gegenüber einem mit allen Geschützen rücksichtsloser Angriffsmittel versehenen Feinde? Mit der bisher beliebten Methode der Plänkelei sollte doch endlich gebrochen werden. Plänkeleien reizen, provoziren; zu einem Erfolge führen sie nie und nimmer. Der längst gehegte Plan, einen Verein zur Bekämpfung des Antisemitismus zu gründen, geht seiner Ausführung entgegen. Die hervorragendsten Namen nichtjüdischer Kreise stehen an dessen Spitze. Man kann füglich fragen, ob denn der Antisemitismus hat so lange geduldet werden müssen, daß es jetzt der Kraftanstengung so mächtiger Kreise nöthig hat, um ihn aus seiner Position allmälig zu drängen? Es war eine arge Täuschung gewisser Kreise, auf den Juden schlagen zu lassen und die ihnen unbequem gewordenen politischen Antipoden zu meinen, wie es von diesen eine tiefe Verblendung war, dieses Spiel nicht sofort zu erkennen. Beiderseits war der Wahn kurz; um so länger dauert die Reue. Wenn ich auch, wie ich dies durch das Wörtchen „allmälig" bereits angedeutet habe, nicht im Entferntesten dem Glauben mich hingebe, daß es den vielseitigsten und vielfachsten Anstrengungen gelingen wird, den Baum des Antisemitismus so leicht zu fällen, so ist doch die Gründung dieses Vereins mit großer Freude und Genugthuung zu begrüßen. Auch in maßgebenden Sphären erkennt man bereits den Antisemitismus in seiner staatlichen Gefährlichkeit, und es ist keinem Zweifel unterlegen, daß die hieraus sich ergebenden Konsequenzen nicht ausbleiben werden. Als solche sind die in den letzten Tagen erfolgten Beförderungen jüdischer Staatsbeamten zu verzeichnen. Inzwischen erwächst für die berufenen Kreise in unserer Mitte die Aufgabe, auch das zu thun, was ihres Amtes ist. Der „Gegner sagt uns, was wir sollen." Wenn dem Antisemitismus der Lebensnerv entzogen werden soll, so muß ihm Alles entzogen werden, was ihm Nahrung zu geben geeignet erscheint. Es wird wohl vergebliches Bemühen sein, uns des Menschthums mit allen seinen Mängeln und Fehlern zu entkleiden und zu reinen, engelgleichen Wesen zu gestalten; das kann nicht aber ein Motiv sein, das Läuterungswerk zu unterlassen: hierin ist den Männern auf der Kanzel und am grünen Tisch der Gemeindeverwaltungen die Gelegenheit geboten, segensreich zu wirken. Wesentlich erleichtert wird die Erfüllung dieser Aufgaben durch das Beispiel. Ein solches gab dieser Tage Freiherr Albert v. Rothschild. Nicht daß er, wie voriges Jahr seinen ältesten, so diesmal seinen zweiten Sohn vor die heilige Thora treten ließ, um denselben als Sohn der Pflicht alle in solchen Fällen üblichen Bräuche, wie die Vorlesung der Hasthora u. s. w., erfüllen zu lassen, sondern daß dies Alles in anspruchsloser und schlichter Weise sich vollzog, wirst wohlthuend und mustergebend. Baron Albert Rothschild zeichnet sich darin eben aus, daß sein Interesse am Judenthum und dessen Angelegenheiten ein wahrhaftes, kein aufdringliches, für das Ansehen berechnetes ist. Er fühlt sich als Jude und ist mit Herz und Seele Jude. VIII. Die Legende erzählt von einem Wurme, dessen Berührung schon genügt, um Marmorblöcke und Granitfelsen zu sprengen. Ein solcher Wurm ist die Lüge. Besseres Wissen, gereifte Uederzeugung, stefwurzelndes Vertrauen, sie alle büßen ihren Halt ein, wenn sie die Lüge mit ihrem feingesponnenen Netze umstrickt. Nichts macht daher den Antisemitismus so gefährlich, als dessen Verlogenheit. Wohl ist es anfangs nur eine gar enge Spalte, „Span dran" genannt, durch welche die Lüge in das gläubige Gemüth des Hörers dringt, aber sie usurpirt die volle Herrschaft in dem Momente,, als sie diesen Engpaß hinter sich hat. Der Antisemitismus beherrscht auch thatsächlich durch das Medium der Lüge Territorien, die ihm sonst regelmäßig vermöge ihrer Beschaffenheit sicher unzugänglich geblieben wären. So sehr auch die menschliche Natur die Neigung hat, Alles auf sich wirken zu lassen, was außergewöhnlich, aMorm und paradox ist, so hätte doch die Herrschaft des Antisemitismus nie und nimmer eine solche Macht erlangt, wenn ihm nicht die Lüge aus deren Schooß er hervorgegangen, auch als Nährmutter dienen würde. Ist dieses Urtheil zutreffend, dann kann man nicht in Zweifel sein über die Art, wie dem Antisemitismus beizukommen ist. Gegen die Lüge kann nur die Wahrheit ins Feld geschickt werden. Es müßten die Katheder in den Volks-, Bürger- und Mittel- Schulen, die Lehrstühle an den Fakultäten, die Kanzeln in den Kirchen und Bethäusern, die Podien in den Vereins- und Volksversammlungen, die Redaktionstische der verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, sie alle müßten die Stätten sein, von denen aus unter dem Zeichen der Wahrheit der Kampf gegen den Antisemitismus geführt wird; auf welche Seite der Sieg sich Hinneigen wird, kann mit apodiktischer Gewißheit vorhergesagt werden. Gegenüber Ormuzd muß Ahriman weichen. Der Verein zur Bekämpfung des Antisemitismus konnte sonach in diesem Augenblick nichts Besseres thun, als seinen Einfluß dahin geltend zu machen, daß von den gesammten Stätten aus nichts als die Wahrheit und immer wieder die Wahrheit einfach und schlicht verkündet werde. Das Zauberwort der Wahrheit wirst eben überwältigend durch seine Einfachheit und Schlichtheit. Wir hatten Gelegenheit, dies anläßlich der Wahlen für den zweiten Wahlkörper in unzweideutiger Weise wahrzunehmen. Die ernsten, der innersten Ueberzeugung entstammenden Worte eines P len er und seiner Parteigenossen wirsten ernüchternd auf einen großen Theil der vom Sirenengesang schön klingender Schlagworte und verheißender Redensarten verblendeten Wähler. Die Folge davon war eine totale Mederlage der bereits im Vollbesitz aller kommunalen Macht sich wähnenden Antisemiten, mit Lueger, dem politischen Chamäleon an der Spitze. Der liebe Gott hat uns, Wien und Oesterröich, vor diesem schweren Unglück behütet. Den jüdischen Mandatsinhabern im Gemeinderathe wird nun die Aufgabe zufallen, durch Takt und Klugheit Alles zu vermeiden, was den antisemitischen Mitgliedern dieser Körperschaft die willkommene Gelegenheit bieten könnte, die Rohheit ihrer Gesinnung an den Juden zu bethätigen. Denn leider ist es eine nicht wegzuleugnende Thatsache, daß die Heimsuchung, welche uns durch gewisse „Freunde" auferlegt wird, nicht minder peinlich ist, als das Martyrium, dem wir durch unsere „Feinde" preisgegeben sind. Takt und Klugheit empfehlen sich um so dringender, als die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, daß manche unter der Flagge des Antisemitismus Gewählte hierdurch bestimmt werden könnten, in das Lager der Liberalen überzugehen. Die Erwartung, daß die Thronrede anläßlich der Eröffnung des Reichsrathes einen die antisemitische Bewegung verurtheilenden Passus enthalten werde, hat sich nicht erfüllt. Die Kontrahirung des russischen 500 Mllionen-Anlehens durch das Welthaus hat auch nicht unsere Hoffnungen auf eine Besserung der uns solidarisch berührenden unerträglichen Verhältnisse unserer nordischen Glaubensgenossen gesteigert.