Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1891)
- Date
- 1891-04-24
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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t»v ^—' i§4 - \ , / thümern zu entfernen. Äks jene läppische Blutfabel wieder hervorgeholt wurde aus dem Rüstzeug des Mittelalters, da gab es unter den Tausenden von Nichtjuden, die es wußten und die es beweisen konnten, daß es eine Lüge war, nur wenige, die ihre Schuldigkeit thaten gegenüber einer schuldlos angeklagten Minderheit, und diese Wenigen waren, wenigstens so weit das in unserem Vaterlande ntächtigste Bekenntniß in Betracht kommt, meist Judenmissionare, deren Absicht jedenfalls verdächtig war. Die Einen stehen auf, um uns zu verderben, indem sie brutal erklären: die Juden können wir nur los werden, indem wir sie todtschlagen oder aus dem Lande jagen; die Andern sagen: wir müssen sie ausschließen, dadurch zwingen wir sie, sich uns anzuschließen und den Preis zu zahlen, den wir dafür fordern; noch Andere meinen: wir müssen ihnen alle Rechte gewähren, wir müssen ihnen unsere Kreise öffnen, wir müssen sie wie die Unsrigen behandeln, dann werden sie die Unsrigen werden auch im Glauben; so ist auch die Liebe unecht, darauf berechnet, uns zu verderben, uns dem Judenthum zu entfremden. Sogar diejenigen, die über Lehre und Satzung ihres eigenen Bekenntnisses längst hinaus sind, wollen von uns, daß wir den Namen annehmen, dem nach ihrer eigenen Anschauung aller Inhalt fehlt; sie mögen dem Juden als einem Menschen Freund sein, aber dem Judenthum sind sie feind, und ihre Liebe ist nur eine Falle, um uns als Juden zu verderben. Ja, vielleicht sind diese unsere humanen Feinde die gefährlichsten; denn Israel hat einen harten Nacken, wir lassen uns eher von der rohen Gewalt zermalmen, als daß wir uns vor ihr beugen; wir fallen, aber wir weichen nicht; jedoch unser Ohr, ungewohnt des freundlichen Zurufs, horcht nur zu willig den Reden, die, so lieblich sie klingen, Viele von uns dennoch verderben. Da hören wir z. B. den trügerischen Ruf: ihr könnt ja eure jüdischen freien Gedanken innerhalb der neuen Gemeinschaft geltend machen und dadurch das religiöse Denken der Welt umwandeln. Nun, auf dieses Exempel haben wir die Probe; Unzählige sind von uns abgefallen: wo finden wir eine Spur davon, daß sie die alte jüdische Weisheit auf den neuen Boden verpflanzt haben? Die Abtrünnigen haben oft ihr jüdisches Herz, das sie anklagte, betäubt durch ein um so energischeres Betonen der neuen Glaubensformeln, oder sie haben gleichgiltig den materiellen Gewinn des Abfalls eingestrichen, ohne sich überhaupt um Religion zu kümmern. Aber die Sprossen gehören rückhaltlos dem neuen Bekenntniß; das ist ja auch der kluge Kalkül vieler, die solchem Bekehrungswerke sich widmen: haben wir die Alten auch nur dem Wort, der Form nach, die Kinder gehören uns völlig. So ist unser Geschlecht nicht sehr verschieden von den vorangegangenen; sie stehen auf, um uns zu verderben; wahre Duldung ohne Rückhalt und ohne Hinterhalt fft nicht gar zu häufig. Wir aber schöpfen allerdings aus diesen Tausenden von Jahren jüdischer Geschichte den Trost, daß es nicht zum Schlimmsten kommen wird, daß der Plag, uns zu verderben, dessen Ausführung in jedem Geschlecht unternommen und in jedem vergebens unternommen worden ist, auch in unserm Zeitalter nicht gelingen wird. Aber wenn Gott das Schlimmste verhütet, so sollten wir, soweit wir es vermögen, dafür sorgen, daß auch das Schlimme nicht eintritt, daß der Feindschaft gegen uns die Waffen entwunden werden. Die Ausgabe ist nicht leicht; wir sollen Zusammengehen mit den Landesgenoffen, und doch, auch nicht ausgehen und doch nicht verschwinden in dieser Gemeinschaft; gesellig und bürgerlich sollen wir uns nicht sondern, und dennoch unsere religiöse Sonderung wahren. Nicht Alles, was vor Zeiten unter Juden Brauch war, ist darum jüdischer Brauch; nicht Alles, was Nicht-Juden thun, ist darum unjüdisch; nichtjüdisch mag es sein, aber wenn es gut ist, so soll es jüdisch werden. Die Religion ist eine Herrscherin in unserm Leben, aber sie ist nicht Alleinherrscherin, und selbst das Machtgebiet, das das Judenthum für sich in Anspruch nimmt, gehört ihm nicht ausschließlich; viele Gebiete sind den religiösen Bekenntnissen aller zivilisirten Nationen gemeinsam. Der Talmud selbst will keineswegs alles Fremde von Israel fernhalten; ein weiser Lehrer sagt: „Einmal tadelt der Prophet Hesekiel an seinen Zeitgenossen, daß sie die Sitte der Nachbarvölker einführen, ein anderes Mal wirst er ihnen vor, daß sie diese Sitten nicht nachahmen, wie ist das zu erklären?" Und der Talmudlehrer löst den Widerspruch wie folgt: die Zeitgenoffen des Propheten ahmten nur das Schlechte und die Schlechten nach, das Gute und die Guten ahmten sie nicht nach. Diejenigen unter uns, die jeden Vorschlag zur Hebung des religiösen Lebens nur deswegen ablehnen, weil er sich an fremde Vorbilder anlehnt, sind jedenfalls frömmer als der Talmud, als R. Josua, der nichts dagegen eiiizuwenden hat, daß wir von Fremden das Gute lernen. Weise ist, der von Jedem lernt; > der kundige Gärtner sieht es als einen Triumph seiner Kunst an, wenn er eine Pflanze des Südens in den nordischen Boden setzt und sie dort sich gedeihlich entfaltet; wie armselig wären unsere Aecker und Gärten, wenn dort nur Anpflanzungen wüchsen, die von jeher dort angebaut worden sind; und in unfern Geist, und in unser Herz, und in unsere Religion sollten wir nicht alles Gute und Schöne aufnehmen, wenn es unserm Boden gemäß ist? Nicht abschlietzen, sondern anschließen ist unsere Losung. Werden sie darum fürder nicht mehr aufstehen, uns zu verderben? Wer kann dies verbürgen! Der Landmann thut seine Pflicht; Thau und Regen und Sonnenstrahl müssen vollenden, was er begonnen hat. So wollen wir unsere Schuldigkeit thun und hoffen, daß Gott Thau und Wärme senden wird für jede Pflanzung des Geistes in unserer Mitte. Auch in diesem Sinne beten wir am Passah um den Thau Gottes für unsere Fluren und preisen Gott, der, ob auch in jedem Zeitalter sie sich erhoben haben, uns zu verderben, sich immer wieder erwiesen hat als unser Erretter und Erlöser. U Wiener Briefe. VH. T. An dem Mandate hängt, nach dem Mandate drängt doch Alles. Dies ist die Signatur unseres öffentlichen Lebens, insoweit dasselbe in den Vertretungskörpern zur Manifestation gelangt. Nicht der unüberwindliche Drang nach Vethätigung idealen Strebens. gewonnener Ueberzeugung, gesammelter Erfahrung, präponderirenden Wissens und Könnens, lediglich und ausschließlich die Sucht nach Reklame, Befriedigung kleinlichen Ehrgeizes, kindlicher Eitelkeit bildet zumeist die Triebfeder für das Haschen nach einem Mandate. In der vollsten Kläglichkeit trat dies bei dm gegenwärtigen Gemeinderathswahlen hervor. Man kann es nur als einen Akt natürlicher berechtigter Nothwehr bezeichnen, wenn bei diesem Anlaß alle Anstrengungen gemacht wurden, dem Gemeindeschädling, dem Antisemitismus, das Feld seiner unheilvollen Wirksamkeit streitig zu machen. Und es kann nicht genug Würdigung erfahren, daß in nichtjüdischen Kreisen bereits die Erkenntniß sich Bahn bricht, daß es nur das eigene, bedrohte Interesse vertheidjgen heißt, wenn der Kampf gegen diesen gefährlichsten aller gesellschaMchen, wirthschastlichen und staatlichen Feinde schonungslos unternommen wird. Anstatt mm willig und freudig diesen dm Platz zu räumen, beharrten mandatlustige, ehrsüchtige Leute auf ihrer Bewerbung ohne Rücksicht darauf,