Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-17 · Heft 16 (17.4.1891) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 16 (17.4.1891)
Date
1891-04-17
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227894--47878-3270366
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3 dieses Jahres stattfinden, „zu dem auch die Mitglieder..verwandter Parteirichtungen, sowie.hervorragende Antisemiten, des Auslandes (!). als (Käste Einladungen erhalten sollen. Schon jetzt scheint eine sehr starke Betheiligung aus allen Theilen Deutschlands gesichert. Dem Vernehmen nach haben auch schon ausländische Antisemiten ihr Erscheinen angemeldet. Den hauptsächlichsten. Punkt der Tagesordnung wird die Ausgestaltung des Bochumer Programms bilden. Für Unterbringung der Besucher werden die umfassendsten Vorbereitungen getroffen werden.. - Ein im Mittelpunkte der Stadt gelegenes Garten-Etablissement ist für . den Parteitag und das sich anschließende Parteifest gemiethet worden s. w. u. w." Nmr muß sich Herr Fritsch aber hübsch vorsehen, damit er aus. dem Parteitage nicht zu fehlen brauche. Oesterreich-Angarn. * Wien, 13. April. Bei den heutigen Gemeinderalhswahlen siegten im 1. Wahlkörper in 18 Bezirken 44 Liberale, in einem (Hernals) wurde ein Antisemit gewählt. Hiernach werden die Antisernitenim künftigen Gemeinderathe im günstigsten Falle 42 Mitglieder zählen gegen 96 Liberale. 3ü dem bisherigen Gemeinderath zählten die Antisemiten 42, die Liberalen 78 Mitglieder. — Eine Deputation jüdischer Kaufleute Galiziens ist hier eingetroffen, um den Handelsminister um Abhilfe gegen die russischen Paßquälereien zu bitten. * Brody, 14. April. Ein Ukas des Zaren bewilligt wesentliche Erleichterungen im Grenzverkehr. Das Visum, welches der Konsul nach freiem Ermessen ertheilt, enthält für Juden keine beschränkende Anmerkung mehr, wie ehedemnicht eingetragene Kauflente jedoch müssen zür Reise nab Rußland die Bewilligung des Ministeriums einholen. Italien.; W Rom, April. Durch nachstehende Zeilen möchte ich auf die traurige Lage unserer Glauberlsgenossen in Italien, namentlich in Rom, aufmerksam machen und berufene Männer hierdurch veranlassen, Vorschläge zur Besserung und Hebung dieser Lage zu machen. Im-vorigen Monat führte mich eine traurige Mission nach Rom, wo ich mich mehrere ^Tage aufhalien mußte. Da ich mich schon seit Jahren für meine Glaubensgenossen, gleichviel welcher Nation sie angehören, interesstre, so lag für mich nichts mäher, als Erkundigungen über die römischen Juden einzuziehen und allerlei Beobachtungen, soweit dies in so kurzer Zeit möglich war, anzustellen. ich aber hörte und sah war, so traurig, daß dies jeden Menschen erbarmen müßte. In Rom wohnen nämlich 6000 Juden, von denen 3000 notorische Bettler sind, unter der anderen Hälfte befinden sich die meisten in sehr schlechten Verhältnissen. Als ich Freitag Abends aus der Synagoge kam, staunte ich über eine große Menge Menschen, die sich vor der Synagoge ausgestellt hatten, es waren dies Männer, Frauen und Kinder. Auf meine Frage, weshalb diese Leute hier stehen, erhielt ich zur Antwort, daß sie betteln, weil sie nichts zu essen haben. Ein solches Elend habe ich bei Juden noch nicht gesehen, am Freitag Abend sind nur jüdische. Bettler nur sehr vereinzelt vorgekommen. Nun müßte allerdings zugegeben werden, daß das Ghetto solche Zustände hervorgebracht hat, man hätte jedoch glauben sollen, daß 20 Jahre nach dem Falle der Ghetto-Mauern man an der jungen Generation auch schon äußerlich eine Besserung hätte erkennen müssen. In die Synagoge kommen diese Leute so, wie sie.sich auf der Straße bewegen, schmutzig und in unsauberen Kleidern und ohne zu bedenken, daß sie sich in einem Gotteshause befinden. Hier ist im allgemeinen Jlrterefle Abhilfe dringend nothwendig, dieselbe ist meiner Ansicht nach nur durch die Schule und mit Hilfe der Rabbinen zu erreichen. Es ist mir nicht bekannt, ob in Italien der Schulzwang gesetzlich eingeführt ist und streng durchgeführt wird; ist dies nicht der Fall, so müßte durch die Rabbiner darauf hingewirkt werden, daß die Eltern ihre Kinder regelmäßig in die Schule schicken, dann, müßten Handwerkerschulen, errichtet werden, um die aus der Schule entlassenen Kinder ein Handwerk erlernen zu lassen-, der den Südländern, man könnte sagen, angeborenen Trägheit müßte in den Predigten als unmoralisch.und gegen die Gebote Gottes verstoßend entgegen getreten werden. Hierbei kann ich nicht unterlassen zu erwähnen, daß mir aus. ganz zuverlässigem Munde mitgetheilt wurde, daß die Trägheit dieser Leute so groß ist, daß, wenn ein solcher Mensch Vormittag 50 Cent. (40 Pfg.) verdient, er eine Arbeit, die ihm an demselben Tage 10 Frcs. einbringen würde, unter keinen Umständen ausführen möchte,, weil er an diesen 50 Cent, für diesen Tag genug hat und für. den nächsten Tag nicht sorgen will. Wahrend' bei uns die Predigt einen wichtigen Bestandtheil des Gottesdienstes: ausmacht, wurde bisher in Italien, selbst m den hohen Festtagen, nicht gepredigt. Ich bin der Anficht, daß öftere volksthümlich gehaltene Predigten die Leute sittlich heben und zu brauchbaren Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft erziehen würden. Unser Landsmann, Herr Rabbiner Dr< Margylies in Florenz, hat, wie ich zu meiner großen Freude gehört habe, in seiner Gemeinde bereits eine solche Einrichtung getroffen, und wäre es zu wünschen, daß dieselbe recht bald in den anderen Gemeinden Italiens Nachahmung fände. Ich bin überzeugt, daß dieser Mahnrllf nicht ungehört verhallen wird, und daß von verschiedenen Seiten Vorschläge zur Hebung unserer dortigen Glaubensgenossen gemacht werden, die zu einer glücklichen Lösung dieser Frage führen. Theodor Oschinsky. Frankreich. X Paris, 10. April. Wie man von hier berichtet, hat Herr Oberrabbiner Dreyfuß aus Brüssel das Oberrabbinat von Paris erhalten. Ueber den Lebensgang des designirten Oberräbbiuers veröffentlichen die hiesigen Blätter folgende Notizen: Jacob Dreyfuß stammt aus dem Elsaß, wo sein Vater noch jetzt als Rabbiner von Zabern wirkt. Er ist 1845 geboren. 1873, kurz nach seiner Entlassung aus dem Seminar, wurde er Rabbinerin Sedan, und 1880 wurde ihm das Oberrabbinat von Belgien nach dem Tode Astrucs übertragen. Dreyfuß ist ein hervorragender Redner und hat als Mensch sich in weiten Kreisen Sympathie zu erwerben verstanden. Fast wäre die Wahl dieses verdienten Mannes an dem unverbesserlichen Chauvinismus der Pariser gescheitert. Vor einigeil Tagen tauchte in den Blättern eine Notiz auf, welche von patriotischen Bedenken eines großen Theiles der Gemeinde zu melden wußte. Herr Dreyfuß, so hieß es, habe allerdings für die französische Nationalität optirt, sein Vater dagegen sei nach der Annexion, um bei seiner Gemeinde zu bleiben, deutscher Unterthan geworden, lind es erscheine vielen israelitischen Franzosen unzulässig, den Sohn eines im deutschen Reichsdienst ängestellten Kultusbeamten als Oberrabbiner in Paris wirken zu sehen. Natürlich hat das Konsistorium sich durch diesen Hetzversnch nicht beirren lassen. Die Wahl des Herrn Dreyfuß fand sämmtliche zwölf Vertreter des Rabbinatsbezirks einig, imb es darf als zweifellos betrachtet werden, daß auch die im Laufe der llächsten Woche nachzusuchende Bestätigung durch das Ober-Landesrabbinat und die Regierung nicht ausbleibt. Großbritannien. □ Bradford, 5. April. Letzten Freitag haben wir hier eine besondere Feier gehabt. Die Synagoge, eine Zierde der Stadtwar mit Pflanzen und Blumen verziert. Es waren nämlich zehn Jahre seit der Einweihung derselben. Der Rabbiner Reverend Tr. Strauß .hielt eine dem Ereigniß angemessene Predigt, die so allgemeinen Beifall fand, daß viele der Anwesenden nach dem Gottesdienst in die Vestry kamen, um ihm für die ihnen gewährte Erbauung zu danken. Die Juden, welche diese Synagoge mit der größten Freiwilligkeit errichtet haben, nehmen hier alle sehr geachtete Stellungen ein; ben Antisemitismzis kennt man hier Gott sei Dank kaum dem Namen nach. Möge auch ein Hauch solch wahrhafter Toleranz bald in Deutschland wehen! . Rußland. * Petersburg, 12. April. Bei polizeilichen Untersuchungen hat es sich heransgestellt, daß in Sr. Petersburg bei sehr zahlreichen jüdischen Kaufleuten als Kommis und Dienstboten Juden leben, die de facto gar nicht,diese Stellen bekleiden, sondern selbständig allerhand Geschäfte betreiben: Sie leben auf diese Weise nur unter dem Schutz der Firma solcher Juden, die das Recht haben, in der Residenz zu wohnen, besitzen jedoch dieses Recht selbst nicht. Um dem ein. Ende zu machen, sandte, der Stadthauptmann an sämmtliche Stadttheils- Verwaltungen Listen solcher jüdischer Pseudo-Kommis und Dienstboten mit der Ordre an die Pristaws: 1, den angeführten Juden einen monatlichen Termin zur Liquidirung ihrer Geschäfte anzukündigeu und 2*- nach Ablauf des Termins die betreffenden Juden sammt. ihren Familien ausSt. Petersburg.auszuweisen.— Der bekannte französische Publizist und Akademiker Anatole Leroy-Beanlieu, Verfasser, des Werkes „L'Empire des Tzars", welcher sich selbst hier in den höchsten Kreiserr großer Anerkennung erfreut, hat eine Denkschrift über die.russischen Inden veröffentlicht und dieselbe dem Kaiser,, dem Groß-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.