Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-17 · Heft 16 (17.4.1891) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 16 (17.4.1891)
Date
1891-04-17
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227894--47879-3270367
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

furften Michael (als Präsidenten des Rerchsrathes), den Ministern, Mitgliedern des Reichsraths und anderen einflußreichen Würdenträgern, zugesandt. Der „Grashdanin", der mittheilt, daß Herr Lsrop-Begulieu sein Werk vielen der höchsten Beamten unter Kreuzband zugeschickt habe^ fragt höhnisch,-wozu die Vertreter der russischen Bureaukratie sich milder neuesten Produktion des französischen Schriftstellers bekannt machen sollen? Das antisemitische Blatt läßt dabei außer Acht, daß in nächster Zeit im Reichsrathe Debatten über die Judenfrage beginnen werden, und . daß das Resultat dieser Verhandlungen für das Wohl und Wehe von fünf Millionen russischer Bürger eine entscheidende Bedeutung gewinnt. Es soll über ein aus zahlreichen Paragraphen bestehendes Gefetzprojekt eingehend berathen werden, dessen Bestimmungen drakonische sind, doch hofft man, daß der Reichsrath manche gar zu harten Bestimmungen mildern werde. Aste«. * Kattrrtta, im März. Ueber die Judenverfolgungen in Afghanistan wird von hier aus Folgendes berichtet: „Wie indische Blätter melden, haben die Afghanen, deren Emir Abdurrahman Khan schon seit Wochen auf demKrankenbette dahinsiecht, und der daher die Zügel btt Regierung nicht mehr so fest halten kann wie früher, plötzlich begonnen, die in der Provinz Herat angesiedelten Inden aus ihren Wotzrplätzen. zu vertreiben, indem sie dieselben fälschlich beschuldigen, daß sie mit Rußland in Verbindung stehen und das Vaterland an das Moskowiterreich verkaufen wollen. Die so plötzlich mit ihren Familien ins Elend getriebenen Juden sind nun gezwungen, die russische. Gastfreundschaft, die für die Juden nicht allzu verlockend ist, in Anspruch zu nehmen, welche ihnen mit mißvergnügter Miene auch gewährt wird. Nächstdem halten die Afghanen auch am Amu-Darja scharfe Wacht, damit aus Bokhara und Russisch Turkestan, wo die Juden, jetzt auch nicht auf Rosen gebettet sind, keiner derselben diesen Fluß überschreite, um so in Afghanistan Zuflucht zu suchen. So ist für die Juden Afghanistan plötzlich eine Hölle geworden, und steht leider zu befürchten, daß diese Judenverfolgung, wenn ihr nicht bald ein Halt zilgerufen wird, auch nach Persien binübergreifen und auch auf unsere dortigen Glaubensbrüder Jammer und Elend häufen werde. Nicht nur die mohammedanischen, sondern auch die indisch-heidnischen Blätter verdammen aufs Schärfste diese Judenverfolgung. So schreibt die per-: fische Zeitung „Farhan" wörtlich: „Die Jehud (Juden) stehen unsMoslims gegenüber nicht fremd, da sie doch Abkömmlinge Ibrahims (Abrahams) sind, den auch wir wie unseren Vater verehren, und dann waren sie es doch, denen Gott die Tawrat (Thora) gegeben, damit sie deren Lehren überall hin verkünden sollen. Wir müssen daher die Jehud als unsere Brüder betrachten und sie ruhig in unserer Mitte leben lasten." Der indische „Ranzat" schreibt hierüber: „Schon seit dreitausend Jahren leben Hudi (Juden) unter den hinduschen Völkerschaften und stets erfreuten sie sich daselbst der vollsten Ruhe. Dieselben sind ihrer Friedfertigkeit und großen Wohlthätigkeit wegen bekannt, und stören sk überhaupt kein Volk in der Verehrung seiner Götter. Und dieselbe Duldung, die wir Hindu für unseren Kultus und unsere Heiligthümer fordern, die gewährten wir auch stets den Hudi." Der indische „Getock" schreibt wieder: „Die Puschtu (Afghanen) mögen nur ihre Blicke auf unser Reich (Hindostan) richten und sie werden sehen, daß hier die verschiedensten Völker und die verschiedensten Kulten ruhig neben einander bestehen und sie alle gedeihen. Das sollten nun die Puschtu beherzigen und auch nachahmen." ■ 9 Van Nah und Fern. ---- Die Königl. Akademie der Wissenschaften in Berlin hat Herrn Dr. L. Cohn in Breslau ein Stipendium von 1000 Mk. überwiesen zu einer Reise nach England behufs Prüfung und Vergleichung von Handschriften des jüd.-alexandrinischen Philosophen Philo. — Der Kantor der Brüdergemeinde in Posen, Herr Schönfeld, ist in Folge feiner angegriffenen Gesundheit in den Ruhestand getreten. — Antisemitische Blätter bringen die Miltheilung, daß sich in einem Erlasse der Brest aller Regierung nachfolgende Stelle finde: „Es:ist deshalb auch fernerhin darauf zu achten, daß in der Regel die jüdische Einwanderung aus Rußiand und Galizien, welche ersahrungsrnätzig nicht in Deutschland eindringt-um Arbeit der in Rede stehenden Art aufzüsüchen, sondern tut* Handel oder andere Geschäfte zu betreiben, abgehalten wird." Angesichts des Ursprungs dieser Nachricht muß die Bestätigung etst abgewartet werden. — An Glerwitz ist der aus dem Schöoße der StadtverotzduetenveisaMmlung gestellte Antrag auf Umwandlung der dortigen Simultan schulen in konfessionelle Schulen mit großer Mehrheit übgelehnt; die unterlegenen Katholiken aber haben beschlossen, von dem Minister die Anordnung zur Beseitigung der Simultanschulen zu erbitten. Der neue Kultusminister, Graf Zedlitz, wird nunmehr Gelegenheit erhalten, feine Stellung zur Simultaufchulfrage kundzügeberi. — Zum Rabbiner in G ö t t i n g e n ist Herr Dr. Jacob, ein Zögling des Breslauer Seminars, gewählt worden. Derselbe hat die Wahl angenommen. — Dem Innungs- Ausschuß in Köln wurde von einer Berliner Firma eine größere Anzahl antisemitischer, Flugblätter zum weitern Vertreiben übersandt. Der Ausschuß beschloß in feiner Sitzung, sich auf solche Dinge überhaupt nicht.einzulassen. — Die israelitische Privatfchule in Neumagen an der Mosel wurde durch Verfügung der königlichen Negierung in Trier in eine öffentliche Elementarschule umgewandelt. — In Münster ist neuerdings ein „Verein zur Beförderung der Selbstständigkeit armer jüdischer Knaben und Mädchen" ins Leben gerufen worden. Als Vorsitzender zeichnet Herr A. Löwen st ein. — Herr Professor Karl Biedermann in Leipzig hat hie Redaktionen der ^Leipziger Zeitung", des „Leipziger Tageblatt" und der „Leipziger Nachrichten" ersucht, die Wahrheitsentstellung betreffend die dem Gödsche'schen Roman entnommene Rede eines Oberrabbiners, welche wir jüngst beleuchtet haben, richtig zu stellen. In bekannter antisemitischer Wahrheitsliebe haben die genannten Redaktionen die Richtigstellung abgelehnt. — Zum Landrabbiner von Oldenburg ist Herr Dr. Mannheimer, bisher in Lauenburg, einstimmig gewählt worden. — Dem Uankvirektor und Rittmeister der Landwehrkavallerie A. K a u l la in Stuttgart wurde vom König von'Italien das Großöffizierskreuz des Ordens der italienischen Krone verliehen. — Die Wiener G emeinderat hswahlen haben den Antisemiten nun doch nicht zum erhofften Siege verholfem Es muß also auf ein anderes Versuchsfeld gewartet werden. — Der älteste Rabbiner Ungarns, der Äjährige Josef Aron Ko H ut in Damony ist unter großer Theilnahme zu Grabe getragen worden. An feiner Bahre hielten der Aßoder und der Hatvaner Rabbiner Trauerreden. — Frau Eh. Rosen in Rad im na (Ungarn) ist am 3. v. M. im Alter von 103 Jahren gestorben. Dieselbe hat den letzten Versöhnungstag noch betend und fastend in der Synagoge verbracht. Sie hinterläßt 57 Enkel, Ur- und Ururenkel. — Aus Eisenst a dt, 4. d., wird geschrieben: In der verflossenen Nacht drallgen einige unbekannte Personen in den hiesigen neuen jüdischen Friedhof und schändeten die Ruhestätten von mehr als zwanzig Längst Dahingefchiedenen; sie warfen die Grabsteine um, zertrümmerten viele derselben, raubten von einigen messingene Embleme, die sie wahrscheinlich für Gold hielten, endlich rissen sie einige Gräber auf und warfen die Knochen umher. Die Gendarmerie wurde von dem Vorgefallenen verständigt. — Bei der Volkszählung in London leisteten zahlreiche Israeliten des Armen Viertels Widerstand. Es bedurfte des beschwichtigenden Einschreitens des Oberrabbiners Dr. Adler, um die alt eingewurzelte Furcht vor dem „Zählen" zu überwinden. — Drumonds Buch: „Testament eines Antisemiten", soll ' wegen der darin enthaltenen Angriffe auf den Papst und wegen der gegen kirchliche^ Institutionen gerichteten allgemeinen Tendenz aus den Index gesetzt werden. — Im Tempel der Rue de la Victoire in Paris, in welchem bisher die portugiesische Aussprache des Hebräischen angewandt wurde, ist nunmehr durch Beschluß des Konsistoriums die auch in den anderen Pariser Bethäusern übliche traditionelle Aussprache Angeführt worden. —l Wie aus Odessa gemeldet wird, dauert die massenhafte südruf fische Juden-Auswanderung fort. Gegen 1500 Personen wunderten in der vergangenen Woche nach England und Amerika aus. Neuerdings wurden wiederum 3000 Juden aus dem Go uv e r n e - .ment Kiew ausgewiesen. — Dem Belgrader „Widelo" zufolge hat die Belgrader Garnison mehrere Nächte in vollständigerGefechtsbereitschas 1 zugebracht. Kavallerie-Abtheilungen hätten die Straßen durchzogen. Der Befehl dazu sei ohne Wissen und Gegenzeichnung des Kriegsministers unmittelbar von der Regentschaft ertheilt worden, welche einen antisemitischen Anschlag befürchtet habe. Druck und Verlag von Rudolf Moste in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.