Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1891)
- Date
- 1891-04-17
- Page
- Seite 191 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227894--47874-3270362- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
191 machte aber auf den Knaben einen mehr pathologischen als künstlerischen Eindruck,, und die Folge davon , war, daß er in Ohnmacht fiel. Doch was ein Reif werden soll, krümmt sich bald. Der Knabe ließ sich durch den unglücklichen. Ausgang der ersten. Expedition nicht zurückschrecken. Am Tage seiner „Bar-Mizwah" erwirkte er sich die Erlaubniß, das Theater wieder besuchen zu dürfen; er scheint also dieses Vergnügen nicht für so ketzerisch gehalten zu haben, als man ihn vielleicht glauben machen wollte. Diesmal sah er „Wilhelm Tell" von Schiller, und von dieser Stunde angefangen war der junge Schauspieler fix und fertig. Alles gestaltete sich ihm zur Bühne, und er mag gar manchmal der Köchin mit seinen improvisirten Vorstellungen lästig gefallen sein, wenn er auf sie einen heldenhaften Angriff wagte, ihr die Waffe, den Bratspieß, zu entwinden. Bald jedoch mag sich ihm die Ueberzeugung aufgedrängt haben, daß es im Theater denn doch schöner gemacht werde, als er zu Hause es im Stande sei. und so gestaltete sich das große Weltenräthsel, das für jeden Menschen eine andere Form hat, für unfern, jungen Helden zu der Frage: „Wie kommt man ohne Geld ins Theater?" Die Art, wie er dies Räthsel löste, war zwar etwas gewagt und hätte ihn leicht mit der Polizei in Konflikt bringen können; er stahl sich nämlich da, wo das Gedränge am dichtesten war, hinein und machte dies so gut, daß er dem Billeteur glücklich durchrutschte; er ließ sich sogar, da er um 8 Uhr Abends zu Hause sein mußte, mit ganz ruhigem Gewissen eine Retourkarte geben, um diese an anderen Tagen wieder benutzen zu können. Es lag in dieser Manier aber unstreitig auch etwas Theatralisch-Abenteuerliches, und dies verzeiht man leicht; wenigstens scheint das heilige Vehmgericht in Kleist's „Käthchen von Heilbronn", vor welches der arme Verbrecher, in flagranti ertappt, gebracht worden war, sich zu dieser milden Anschauung geneigt gefühlt zu haben, und, — o welch' ein Glück! und wer kann die verschlungenen Wege der Zukunft vorher berechnen — der arme Sünder wurde nicht nur pardonnirt, sondern.erhielt von da an freien Eintritt ins Theater unter der Bedingung, daß er sich auch manchmal verwenden laffe.. So war der erste Schritt gethan, er ward Statist am deutschen Theater in Pest. Nicht lange sollte er in dieser Würde verbleiben. Sein Statistendienst brachte es mit sich, daß der Knabe, als Page verkleidet, einer Königin bei ihrem Krönungszuge das Diadem auf weichem Polster nachtrug, während Prinzessin Sabbath in das väterliche Haus einzog; der arme Junge hatte den „Kidusch" versäumt. Der Vater kam hinter die Schliche, und mit der Statistenherrlichkeit war es vorbei; ja der Knabe mußte „als Buße" eine gewiffe Zeit hindurch täglich früh und Abends die Synagoge besuchen. So pilgerte denn der arme Sünder anstatt in den Tempel der Kunst in den Tempel der Buße, wo er das Theater vergeffen sollte. Sein Gedächtniß schien sich aber nicht so schwach erwiesen zu haben, oder die Bußübungen waren nicht stark genug; denn kurze Zeit darauf finden wir den Jungen auf einem Privatball im Hause seines Onkels ganz korrekt Theater spielen, ja er empfand hier sogar zum ersten Mal den Kitzel des Beifalls, keinesfalls ein geeignetes Mittel, ihn von seiner leidenschaftlichen Neigung abzuziehen, wie der bedächtige Vater mit Recht meinte, während die Mutter, die Sache etwas leichter nehmend, nur Zeit hätte, sich über die Begabung des Knaben zu freuen. Der erste Versuch war richtig nicht ohne weitere Folgen geblieben. Im Hause des Herrn Ignaz Barnay, des damaligen Sekretairs der jüdischen Gemeinde in Pest, des Vaters von Ludwig Barnay, wurde jetzt ein förmliches Haustheater errichtet, welches der Schauplatz seiner Heldenthaten werden sollte. Um sich von dem Drang, der den Knaben erfüllte, eine richtige Vorstellung zu machen, muß man bedenken, daß alle die geschilderten Vorgänge uoch ganz, in seine Schulzeit fallenaus welcher er im T‘‘,- v . - > ' - September 1846 austrat, um in die neueröffnete Josef-Industrieschule (Jöszef-Ipartanoda) ausgenommen zu werden. Hier trieb er Geschichte und Mathematik mit vielem Eifer, und fast hätte man meinen können, daß diese neue Liebe die frühere Leidenschaft verdrängen tverde; aber ein gewisser abenteuerlich - ritterlicher Sinn machte sich selbst in seiner Handlungsweise geltend, der man es anmerken konnte, daß der junge Student die Tell-Vorstellung, der er an seinem Bar- Mizwah-Tage beigewohnt hatte, noch nicht vergeffen habe. Bei dem am 19. April 1846 in Pest stattgehabten Judenkrawall konnte man den jungen Helden mit -einem blanken Beil in der Hand an der Spitze einer kleinen Schaar vor das Thor stürzen sehen, und Heldenstellen aus „Tell" citirend war er entschlossen, der andringenden Bewegung Widerstand zu leisten. Es verfloffen weitere zwei Jahre; die Vermögensverhältnisse der bis dahin wohlhabenden Eltern zeigten eine bedenkliche Zerrüttung, und es mußte über die Zukunft des Jünglings ernstlich entschieden werden. Zu weiteren Studien fehlten die Mittel, zum Kaufmannsstande die Neigung und das Geschick; so blieb denn nichts Anderes übrig, als das Handwerk! Der Student sollte nach dem Beschluß des Familienraths Schneider werden. Mit stiller Ergebung, aber auch mit der unbestimmten Hoffnung auf Erlösung fügte er sich dem Schicksal und trat nach einer wehmüthig verbrachten Nacht schon am nächsten Morgen an der Hand seines Vaters in die Schneiderwerkstätte, den Ort seiner Bestimmung. Der Lehrjunge, welcher Stellen aus Shakespeare und Schiller deklamirte, während er am Bügelbrett stand, mag sich unter seiner Umgebung komisch genug ausgenommen haben; allein wenn aus einer Glasschleiferei ein Geist hervorging, der die Welt mit dem theologisch-politischen Traktat und der Ethik beschenkte, warum sollte uns um den armen Schneiderlehrling bange sein? Ist er zu etwas Größerem berufen, so wird es sich auch erfüllen. Vielleicht hatte die Meisterin eine dunkle Ahnung dieses Gedankens, da sie den deklamirenden Helden einmal mit den Worten überraschte: „Ich wette darauf, aus Dir wird noch ein Schauspieler!" Nach zwei Jahren war seine Lehrzeit vollendet. Er lieferte eine seidene Weste als Gesellenstück, und die Zunft sprach ihn frei. Am 16. Oktober 1850 bestieg er, mit einem Wanderbuch versehen, das Dampfboot, das ihn nach Wien führen sollte, und hier angelangt, suchte er — Arbeit bei einem ehrsamen Schneidermeisters Nein — aber das Burgtheater, um der Aufführung von Otto Ludwigs „Erbförster" beizuwohnen. Dieser Abend war der eigentliche Wendepunkt seines Lebens. Die Erscheinung Dawisons rief auf der obersten Galerie, wo der kunstsehnsüchtige Schneidergeselle seinen Platz genommen hatte, ein Flüstern hervor, aus dem die Worte: Ein Jude! ein Jude! vernehmlich sein Ohr erreichten. Ueber die Kämpfe, welche Dawison durchzumachen hatte, ehe er sich so emporgeschwungen, durch die Mittheilung eines Nebensitzenden unterrichtet, faßte er den Einschluß, den Rath dieses Künstlers einzuholen. Schon am nächsten Tage finden wir ihn auf dem Wege zu Dawison; hier aber erging es ihm, wie es demjenigen, der zum Arzt eilt, um sich einen Zahn ziehen zu lassen, nicht selten zu ergehen pflegt. An der Thür angelangt, hatte er nicht den Muth, dieselbe zu öffnen, und rasch kehrte er wieder in seine Stube zurück. Aber wozu es ihm an persönlichem Muth fehlte, das vertraute er dem Papier an, und das Schreiben gelangte an seine Adreffe. Zwei Tage später stand er vor Dawison und deklamirte ihm-den berühmten Monolog: „Menschen, Menschen, Krokodilenbrut" ans Schillers „Räubern". Dawison wünschte nur etwas mehr Feuer. Diesen Wunsch sollte er büßen, denn der junge Deklamator legte allnrählich die Schüchternheit ab und donnerte ihm den. Monolog-zum zweiten Mal mit einer effcktreichen Schlußkanonade ins Ohr, und als