Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1891)
- Date
- 1891-04-17
- Page
- Seite 190 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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190 Damen den Hut respektvoll zu lüften, berührte es sie peinlich, obwohl auch sie sich sagte, wie unabhängig all' jene gefälligen Formen von dem inneren Werthe eines Mannes sind. 4 Der Bruder ihrer Freundin, Conrad Hochbaum, hatte sie gerade darin verwöhnt; sie war in Bezug auf ihn nicht mehr unparteiisch, denn — sie wagte es sich kaum einzugestehen — er flößte ihr ein weit größeres Interesse ein, als es für ihre Ruhe gut war. Dr. Leonhard lebte, als Josef mit dein Doktorhut geschmückt nach der Heimath, kam nicht mehr in M. Er war der vielen Streitigkeiten und Gehässigkeiten müde geworden. Man hatte in seinem Streben nach geistiger Emanzipation eine Abtrünnigkeit gesehen. Die Wenigen, welche sich gern seiner Führung anvertrauen wollten, warm von den Zeloten, zu denen der alte Herzfeld gehörte, überstimmt worden. Die Spannung war immer größer geworden, bis denn Dr. Leonhard, wenn auch schweren Herzens, seine Beziehungen in M. löste, um einem ehrenvollen Rufe nach Berlin zu folgen, wo er für seine Fähigkeiten wie für seine Denkweise eine paffende Stellung in der großen und an bedeutenden Menschen so reichen jüdischen Gemeinde fand. Hier hatte ihn auch Josef Herzfeld ausgesucht, und in dem gastfreundlichen Hause des ihm persönlich so wohlgesinnten Mannes, manchen geistigen Anknüpfungspunkt gefunden, obwohl die beiden Männer in religiösen Fragen auf ganz verschiedenen Standpunkte standen. Joses war infolge seines Studiums, infolge seines Umganges mit rationell denkenden Männern in einen schwer auszugleichenden Zwiespalt gerathen. Der kindliche Glaube, welcher mit den alten Traditionen so unauflöslich verknüpft ist, war ihm bei seinen medizinischen und naturwiffenschaftlichen Studien in etwas verloren gegangen. Die Weisheitslehren des Vaters ließen sich schwer vereinbaren mit den Gesetzen der oft so unbarmherzig waltenden Naturkraft. Er war infolge deffen skeptisch geworden, aber sonderbarer Weise hatte dieser Abfall vom Kinder glauben nichts mit seiner Liebe und Anhänglichkeit für das Judenthum zu schaffen. Inmitten seiner Studiengenoffen, inmitten des fröhlichen, oft sogar ein wenig übermüthigen Studenten- und Soldatenlebens, wobei sein feuriges, genußfähiges Temperament zu Tage trat, blieb er in des Wortes strengster Bedeutung: Jude. Sich in dieser Richtung hin zu modeln, wäre ihm wie Frevel an seinem Vater, als ein Vergehen gegen seine Ueberzeugung erschienen. Dr. Leonhard war in dieser Beziehung das Gegentheil von seinem junge Freunde. Mit Leib und Seele war er ein Verkünder des göttlichen Wortes, des göttlichen Wesens; ohne Fanatiker zu sein, ohne sich von Formen einengen zu lassen, ohne sich streng an das Wort zu halten, war er ein tüchtiger Streiter in dem Kampfe des Idealismus gegen den mehr und mehr um sich greifenden Materialismus geworden. Gerade für das jüdische Volk, welches mehr und schärfer denkt als es fühlt, welches größtentheils sich mit all' seinem Wünschen und Hoffen an die Erde mit ihren vergänglichen Gütern klammert, hielt er den Glauben an den einzigen wahren Gott, der liebt und vergiebt, straft und belohnt, der Alles und Jedes in seiner erhabenen Weisheit geschaffen hat, für eine absolute Notwendigkeit. Ohne den Glauben an Gott konnte nach seiner Ueberzeugung eine zum Frieden führende Gemeinschaft nicht erzielt werden. Die geschichtliche Tradition, das Dogma des Judenthums, all' jene Formen und Gesetze, welche nur in Aeußerlichkeiten bestehen, ohne das Herz des Menschen erwärmen zu können , erschienen ihm allerdings als ein Band, welches selbst lose geknüpft, einzelne Theile, die ein Ganzes vorstellen sollen, zusammenhält, allein es durste nicht gleichbedeutend mit dem Glauben hingestellt werden, nicht an Stelle des schönen, reinen Gottesgedankens treten. Er sah die Notwendigkeit gewisser Reformen ein, wie er es vor Jahren dem alten Herzfeld gegenüber schon ausgesprochen wie er es auch Josef gegenüber wiederholte, der ihm in seinem Zwitterwesen als ein Problem erschien, deffen Lösung ihm immer interessanter wurde, je weiter die wissenschaftliche und universelle Bildung des angehenden Arztes vorwärtsschritt. ‘ In der Heimath wurde Josef als ein Wunder an Gelehrsamkeit angestaunt; seine Mutter, seine Schwestern sahen zu ihm voll Liebe und Verehrung auf, wenn er von seinem Leben in der Großstadt, von seinen Studien, von den wissenschaftlichen Errungenschaften der Neuzeit sprach, aber merkwürdiger Weise empfand Rosa nicht mehr die reine Freude bei dem näheren Umgang mit dem einst so überschwänglich geliebten Bruder, wie ehemals. Seine oft herbe Weltanschauung, die positive Abneigung gegen alle, die nicht Juden waren, verletzte sie. aber dennoch wagte sie es nicht, ihm zu widersprechen, da sie befürchtete, sich und ihr Empfinden dabei zu verrathen. So lange Josefs Besuch dauerte, es waren kaum acht Tage, vermied es Rosa, ihre Freundin Else Hochbaum aufzusuchen. Sie wußte, daß er Bruder dieselbe Abneigung gegen die Familie Hochbaum er hatte wie ihr Vater, welcher nie den Namen aussprach, ohne sich davor zu schütteln. (Fortsetzung folgt.) Adolf Sonnenthal. Kaum ein moderner Schauspieler hat in den letzten Jahren in Deutschland so viele und so hohe Ehren genossen als Adolf Sonnenthal während seines jüngsten Gastspiels in Breslau, Frankfurt a.M., Hamburg und Berlin. Sicher wird es deshalb für unsere Leser von Interesse sein, etwas von den Lebensschicksalen des genialen Künstlers zu hören. Er wurde in Pest am 21. Dezember 1832 geboren. Der erste Unterricht, den der Knabe genoß, beschränkte sich, wie dies bei jüdischen Kindern nicht selten der Fall war, fast ganz allein auf die Bibel. Die Mutter war es, welche in dem Kinde mehr als gewöhnliche Anlagen wahrzunehmen glaubte, die denn auch wirklich früher, als , man vermuthen möchte, zum Vorschein kamen. Als Schüler der Pester israelitischen Normalhauptschule hatte er Gelegenheit, der Aufführung kleiner Stücke beizuwohnen, , welche von den erwachsenen Schülern bei den in Ungarn üblichen Maifesten (Majales) im Hain des „Eisenbades" zur Darstellung gelangten, und wenn etwas im Stande war, seine Freude an dieser Kinderspielerei zu trüben, so war es der Umstand, daß er nicht selbst groß genug befunden worden, um mit einer Rolle bedacht zu werden, denn er hatte es nicht verabsäumt, sich unter allen Umständen mit den verschiedenen Rollen vertraut zu machen und sie auswendig zu lernen. So steckte dem Knaben bereits die Schauspielerei in den Gliedern, und wenn so etwas in den Gliedern steckt, so muß es heraus, mag es noch so viel Hindernisse geben, und Hindernisse gab es allerdings in Waffe. Vor Allem durfte er kein wirkliches Theater besuchen. Der Besuch eines Schauspielhauses wurde ihm von seinen Eltern untersagt. Um diese Zwangsmaßregel zu begreifen, muß man wissen, daß den orthodox-jüdischen Anschauungen in Ungarn gemäß der Besuch-eines Theaters streng verpönt war. Endlich gelang es einem Hausfreund, den Widerwillen der frommen Eltern zu überwinden, und der Knabe konnte von der dritten Galerie des deutschen Theaters herab dm Zauberkünsten des. Eskamoteurs Philipp! seine volle Aufmerksamkeit schenken. Die Nasenahschneiderei - dieses Zauberers