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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-17 · Heft 16 (17.4.1891) · p. Seite 189

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 16 (17.4.1891)
Date
1891-04-17
Page
Seite 189 (sequence 9)
Language
German
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maßen die Brücke hinter sich abgebrochen haben uitb nur noch vorwärts blicken und wandern können. Das fröhliche Studentenleben, dann der einjährige Militairdienst übten auf ihn einen belebenden Einfluß aus, ohne aber irgendwie sein innerliches Fühlen und Denken zu ändern. Seine Angehörigen und die Vaterstadt hatte er während der fünfjährigen Trennung nur zweimal wiedergesehen. Kurz nach dem Abiturientenexamen und kurz nach dem Doktorexamen. Die Eindrücke, welche er bei seinen kurzen Besuchen im elterlichen Hause empfangen, hatten ihn nicht wohlthuend berührt. Es war nicht Alles so, wie es sein sollte. Die finanziellen Verhälnisse hatten sich verschlechtert; sei» Vater vemachlässigte seine Geschäfte, um über religiöse und dogmatische Spitzfindigkeiten nachzugrübeln und seine Ansichten auch seinen Glaubensgenossen aufzudrängen; trotz der Mühe, welche sich die fleißige, selbstlose Mutter wie Doris gaben um das im Rollen begriffene Rad aufzuhalten, ging es mehr und mehr abwärts. Der alte Herzfeld wurde von jüngeren Kräften, welche andere Geschäftsprinzipien als er verfolgten, verdrängt, da er sich zu keiner Neuerung entschließen konnte. Finster vor sich hinbrütend oder in das Lesen der altjüdischen Schriften vertieft, saß er stundenlang da, ohne Interesse für etwas Anderes zu verrathen. Doris war infolge ihrer angestrengten Thätigkeit nicht mehr so heiter und frisch wie ehemals; wenigstens erschien es den besorgten Augen des angehenden jungen Arztes so, als er bei seinem letzten Besuch, die Überzarte Gestalt des sechsundzwanzigjährigen Mädchens betrachtete. Doris mußte hier und dort schaffen; in Gemeinschaft mit der alternden Mutter die immer schwerer werdende Aufgabe erfüllen, für die Bedürfnisse der Familie zu sorgen, ohne je ein Lob aus dem Munde des Vaters zu hören, dessen Laune immer finsterer, dessen Ansprüche in Bezug auf Pflege aber immer größer wurden, da sich mit dem mahnenden Alter auch körperliche Leiden einstellten. Der Wunsch, Doris vermählt, in einem für sie passenden Wirkungskreise zu sehen, wurde in Josef wach, und dennoch sah er die Möglichkeit nicht ein. Doris war weder mehr ganz jung, noch schön; an eine größere Mitgift war bei den bestehenden Verhältnissen nicht zu denken; wo also sollte sich der Phönix finden, der bei der Wahl einer Gattin nur auf die trefflichen inneren Eigenschaften sieht? Und dann war Doris, eben dieser vortrefflichen Eigenschaften halber, gar nicht im Hause zu entbehren, gesetzt den Fall, es fand sich eine paffende Partie. Josef Herzfeld betrachtete es als eine heilige Pflicht, für die Verheirathung erwachsener Töchter zu sorgen; der Einfluß, welchen diehäuslichen Verhältnisse nicht nur auf die ältere, sondern auch auf seine jüngere Schwester ausübten, that seinem brüderlichen Herzen weh. Was nützte es denn dem jungen, kaum einundzwanzigjährigen Mädchen, daß es sich zu einer blühenden Schönheit entfaltet hatte? Was konnte es Rosa helfen, daß sich schon mehrere wohlhabende Freier gefunden; welche das überaus reizende Mädchen, selbst ohne jede Mitgift, zum Weibe begehrten? Niemals hätte der alte Herzfeld seine Einwilligung zu der Heirath seiner Jüngsten gegeben, ehe er die Aeltere unter den Trauhimmel geführt, um sie einem Manne zu eigen zu geben. Wie Jakob um die Rahel geworben, so hätte der Mann, welcher Rosa heimführen wollte, werben müssen, und wie Laban dennoch an Rahels Stelle Lea geführt, -ohne den Betrug als solchen zu empfinden, ebenso hätte sich der alte Herzfeld dazu verpflichtet gefühlt, wenn nur unsere staatlichen Verhältnisse die Vielweiberei gestatteten. Rosa war ihrem Bruder stets als das Ideal weiblicher Vollkommenheit erschienen, und auch jetzt noch betrachtete er die voll entfaltete Mädchenblume mit bewunderndem Entzücken, obwohl er im Laufe der Jahre viele Frauen und Mädchen kennen gelernt und nicht mehr wie ftüher die naive Anschauung hatte, daß das Weib aus ganz anderm Thone geformt sei, wie der Mann, und man es daher nur, wie ein Götterbild, von Ferne betrachten dürfe. Und dennoch erschien ihm Rosa trotz ihrer zärtlichen Liebe für ihn, die er im höchsten Maße erwiederte, etwas entftemdet. Ihre zarte, duftige Schönheit, eine gewisse Vornehmheit des Wesens, die ihm selbst vollständig fehlte, die Sprechweise des Mädchens muthete ihm sonderbar an; es war eine Veränderung mit Rosa vorgegangen, welche im täglichen Verkehr nicht auffallen konnte, aber dem Bruder viel zu denken gab. Das holde Mädchen mit dem Wüchse einer Nymphe und den Gäzellenaugen, mit dem feinen, leicht gebogenen Näschen und dem schwellenden Lippenpaar, war stets als etwas Absonderliches in der Familie betrachtet worden; selbst der Vater ließ sich seiner Jüngsten gegenüber nicht so gehen, wie er es sonst gewöhnt war; die Mutter blickte fast mit vergötternder Liebe zu ihrem „Röschen" auf, welches ihr in der That wie eine schöne, duftende Blume erschien, die aus dem eigenen Boden in fremdes, dürres Erdreich versetzt worden war. O, und erst Doris! Für diese gab es überhaupt nur ein Glück und das hieß Rosa! Für sie zu sorgen, sie vor jeder rauhen Berührung zu behüten, ihre Schönheit hegen und pflegen zu können und dabei das Wunder anzustaunen, welches für sie in der Art und Weise Rosa'S lag, ihren Gedanken und Empfindungen Worte zu leihen, war für die ältere Schwester die größte Freude. Rosa suchte sich im Hause nützlich zu machen; in ihrer etwas zurückhaltenden Weise ging sie der Mutter und Doris zur Hand, und durch kunstvolle Handarbeiten gelang es ihr, so viel zu verdienen, um eine kleine Beisteuer zu den Haushaltungsunkosten, wie auch ihre geringen Toilettenbedürfniffe bestreiten zu können. Wie sie selbst stets zierlich und geschmackvoll gekleidet war, durch eine frische Blume, eine Schleife wußte sie ihr Aeußeres zu heben, ebenso verstand sie es, der schlichten Einrichtung der Zimmer einen, eleganten, modernen Anstrich zu geben, und die „gute Stube" zeigte vielfache Spuren ihres Fleißes und ihrer Geschicklichkeit. ' So herzig und liebenswürdig Rosa im engen Kreise der Familie sich zeigte, so scharfsinnig, oft geistreich ihre Bemerkungen bei der Unterhaltung mit ihrem Bruder waren, ebenso schweigsam zeigte sie sich den männlichen Besuchern ihres Hauses. Sie war der Magnet, welcher manches junge Männerherz anzog; um es fest zu halten, fehlte ihr jede Lust, wie Josef zu bemerken Gelegenheit hatte. Rosa schreckte vor jeder gesellschaftlichen Rücksichtslosigkeit zurück; ein ausgeprägtes Zartgefühl, vielleicht auch der Umgang mit Menschen, denen gewisse Umgangsformen zum Gesetz gemacht worden waren, ließen sie jeden Mangel daran schmerzlich empfinden, obwohl sie darin im eigenen Hause nicht verwöhnt worden war; ja selbst Josefs Formlosigkeit, mit der er ihr und seinen Angehörigen begegnete, fiel ihr unangenehm auf. Auch der Diamant bekommt seinen größten Werth erst durch den Schliff, und ehe man dazu gelangt, den Kern zu prüfen, muß man die Schaale betrachten. Wenn Josef, der gebildete Mann, wie es ihm eben nicht besser gelehrt worden war, mit dem Hute auf dem Kopfe in der Stube stand; wenn einer der Besucher, ohne die Hand vor den Mund zu halten, gähnte, oder ohne ihr oder einer anderen Dame den Vortritt zu lassen, aus der Thür ging; wenn sie Bekannten auf der Straße begegnete, denen es kaum der Mühe verlohnte, vor ihr oder anderen

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