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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-17 · Heft 16 (17.4.1891) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 16 (17.4.1891)
Date
1891-04-17
Page
Seite 188 (sequence 8)
Language
German
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bereiten will. Je schroffer aber die Extreme sind, die sich hier durch die Macht der Dichtkunst in Verbindung setzen sollen, desto poetischer, wird die Gestalt des Juden sein, und auf die Tiefe des Bewußtseins! wird es ankommen, ob die Erscheinung ein größeres oder geringeres Pathos in stch trägt. Hierbei können nun freilich die Sittenschilderungen einen Hebel mehr abgeben, aber fie können den eigentlichen Inhalt der Dichtung nicht ausmachen. Sie stnd die Schnörkel W' dem gothischen Münster, die höchstens seinen erhabenen Linien einige Abwechselung verleihen. Ein Gleiches ist es selbst, wenn der Humor, sich der Gestalt des Juden bemächtigt; denn auch da können die Sitten und Gebräuche nur den Hintergrund bilden, aus welchem die. Gestalten des Dichters hervortauchen. In neuerer Zeit hat man den Weltschmerz des modernen Juden" öfters lächerlich zu machen gesucht. Allerdings hat man Grunds dazu, denn es ist unbegreiflich, was bei dem modemen Juden, der' sich nicht mehr als Jude fühlt und nur dem Namen nach ein solcher^ ist, einen solchen Weltschmerz hervormfen kann. Nur bei dem Juden^ früherer Zeiten, dem sein Volk und sein Glauben wahre Lebens-!- elemente sind, und bei den wenigen versteinerten Ueberresten, wie bei der prächtig gezeichneten altpätriarchalischen Gestalt des Elijah in' „Daniel Deronda", ist ein derartiger Weltschmerz angebracht. Sobald! sich aber der Jude derartig modernisirt hat, daß seine Volks-' eigenthümlichkeit verflüchtigt und sein Glaube zu einigen abstrakten! Sätzen eingeschrumpft ist, entbehrt dieser Weltschmerz jeder Begründung. ' Denn die bürgerliche Emanzipation und das Streiten um einige das! flache Leben betreffende Rechte ist, so wesentlich sie auch die materiellen Interessen des Betreffenden berühren mögen, doch immerhin, eine so prosaische Wirklichkeit, daß sie der Poesie ganz baar ist. Mit Recht hat man daher oft gesagt, daß das jüdische Volk von einer tiefen Poesie, die Individuen desselben meist fcon einer., gewöhnlichen Prosa sind. Gestalten, in denen sich der ganze iZehalt des Judenthums verkörpert, sind der Poesie eine willkommene Gabe.! Die Zerstreuung über das ganze Erdenrund, die Jsolirung von der.' ganzen Gesellschaft, die Zurückstoßung von der gesummten Menschheit, der ganze Inhalt dagegenwühlender Gefühle, das Leiden und Tragen., der Schmach und des Druckes, dieses Alles um geistige Prinzipien,^ um den Glauben, mit dem intensivsten Bewußtsein als ein erkorenes. Volk, als ein von Gott selbst bevorzugter Stamm, ein Bewußtsein,! das in den jetzigen Juden allerdings meistentheils verblichen ist, ivohl aber in den ehemaligen Juden kräftig pulsirte, ein himmlisches^ Königreich im irdischen Bettlergewande, eine verstoßene, mit Füßen. getretene Königsfamilie, alles dies giebt die fruchtbarsten Elemente der Poesie ab, deren wahrhafte Vereinigung und Lösung noch immer ,, der Hand des Genius harrt. Gestalten, die den politischen Tod des, jüdischen Volkes, die ganze Schmach des jüdischen Lebens, zugleich aber die ganze Herrlichkeit und Innerlichkeit des alten jüdischen.; Glaubens, und unter diesem Gewicht das ganze Ringen eines^ menschlichen Genius nach oben trügen, überträfen an dichterischer Tiefe alle Gestalten der alten und neueren Geschichte, weil stch eben diese (j Vereinigung nirgends wiederfindet. Dahinein ließen fich alle Kämpfe, des Menschen und des Lebens, des Himmels und der Erde, alle Gluth ' der Empfindungen, alle Ueberspannungen der geistigen Kräfte bis an die' Grenzen des Wahnsinns und des Bereichs menschlicher Möglichkeit trägem. Man verwechsele diese Gestalten aber durchaus nicht mit jenem.!! zwischen Christenthum und Judenthüm hin und her schwankenden Ahasver; denn wo das Leben auf einem Fluche, das Dasein auf, einer Sünde beruht, kann die wahre Poesie nicht hasten. Die Wahrheit nur, nicht die Lüge des Daseins kann der Poesie einen festen Gehalt geben. Das Judenthum muß Judenthum bleiben, wenn es poetisch,, sein soll, sonst läuft es auf eine Bekehrungsgeschichte aus.den.Missionsberichten hinaus. Moses, Josua, Jeremia, Eleazar, Abarbanel, das sind poetische Gestalten aus dem jüdischen Bereiche, weil sie Juden sind und bleiben. Jeder andere Griff in die Urne der Poesie ist hier ein Fehlgriff. . Und doch hat Balzac in seiner bereits oben erwähnten Schöpfung die Emanzipation des Judenthums im Roman vollzogen/ohne daß der Hauptheld wirklich ein Jude wäre. Als Hintergrund dient der Liebesbund eines Juden und einer Prinzessin. Zwar verwandelt sich die Erscheinung des Israeliten zuletzt in die Person eines Prinzen, mit dem die Prinzessin ohne Scham und Reue Hand in Hand durch's Leben ziehen kann; die Liebe zwischen zwei so verschiedenen Gesellschaftsschichten angehörenden Wesen wird, anstatt ein heroischer Wurf des Schicksals, eine erdrückende Bestimmung des antisozialen Verhängnisses zu sein, die närrische Laune eines nach wahrhafter Liebe umherirrenden Ritters — aber nehmen wir dem Dichter diese im selbstvernichtenden Humor gewählte Narrenkappe ab, denken wir, um irgend einen anderen Schluß uns gar nicht bekümmernd, nur an den eigentlichen Gegenstand, an die steigende Entwickelung der Liebe im Herzen der zarten Clotilde, so haben wir es mit kurzen Worten: die Liebe einer Prinzessin zu einem Juden. Nun haben uns zwar, von Zschokke's „Jonathan Frock" an, eine Menge Novellen- und Romanschreiber mit herzbrechenden Liebesgeschichten zwischen einem Juden und einem toleranten Christenmädchen oder einem liberal gesinnten Christen und einem, liebesüchtigen Judenmädchen — ich erinnere nur an Spindlers „Der Jude" — versorgt, aber bis dahin hatte es noch Keiner gebracht — ein« Prinzessin und ein Jude! Daß ferner ein solches Ereigniß nicht in unsere nivellirende Zeit, nicht in unsere blasirte Gesellschaft, wo die Langweiligkeit aller gegebenen Gefühle gerade die Züsammenfügung der heterogensten Atome erzeugt, sondem in das lehnsherrliche Mittelalter, wo die Menschheit in tausend streng von einander geschiedene Beete getrennt war, versetzt wird, ist sehr eigenthümlich. Dem Dichter ist es eben nur um das rein Menschliche zu thun, kein gründliches Charaktergemälde mittelalterlichen Judenlebens will er aufstellen, sondern uns die Allgewalt der Liebe vorführen, und daher konnte er keinen packenderen Gegensatz finden, als eine auf den Höhen der Menschheit thronende Königstochter und den Paria der damaligen Gesellschaft, den Juden. Dieser Paria ist der Jude im gewissen Sinne noch heute; wenn auch die Formen, in denen ihm dies klar gemacht wird, sich mittlerweile ihm Laufe der Jahrhunderte ein wenig verändert bezw. verfeinert haben, dafür, daß das Bewußtsein seiner Minderwerthigkeit nicht ganz schwindet, sorgt schon unsere sog. „gute Gesellschaft". Der Widerstreitder Empfindungen, die dadurch in einem gebildeten, von dem Geiste seiner Zeit getragenen Juden hervorgerufen werden, bildet den Kernpunkt der das moderne Judenthum behandelnden dichterischen Schöpfungen, speziell der Romane. -^FEUILLETON d- Gott ist die Liede. Novelle von O. Bach. (Fortsetzung.) II. , Die Studienzeit Josefs war schnell vorübergegangen, wenigstens erschien es dem Jüngling so, als habe die Zeit Flügel. Er hatte rastlos gearbeitet, aber trotzdem die Muße gewonnen, einen Blick in das ihm vorher verhüllt gebliebene volle Leben zu werfen. Von der Natur mit einem angenehmen und lebhaften Geiste ausgestattet, fand er seinen Weg leichter, wie viele seines Gleichen, , welche wie er, durch einen raschen, entscheidenden Schritt gewisser-

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