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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-10 · Heft 15 (10.4.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 15 (10.4.1891)
Date
1891-04-10
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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und Herr Kahenstein zum Vorsitzenden des Gemeindetages gewählt. Als erster Redner erhielt das Wort Herr Lehrer F. Co bl enz in Bielefeld. In einer einstündigen, meisterhaften Rede befürwortete Herr Coblenz die Annahme des Statuten-Entwurfs und legte in klaren Worten die Ziele und Zwecke dar, die der zu konstituirende Verband würde anzustreben haben. In unserm vorigen Bericht haben wir die Hauptziele, die sich der Verband gesteckt, bereits angeführt. Den Schwerpunkt der Verhandlung, der gleichzeitig den Anlaß zu einer längern Debatte gab, bildete jedoch der Passus: „Erstrebung eines möglichst einheitlichen Gottesdienstes unter Zugrundelegung eines einheitlichen Gebet- und Gesangbuches". Alle übrigen Punkte wurden als erstrebenswerth vom Gemeindetag anerkannt und ohne große Debatten genehmigt. Mit freudiger Genugthuung konstatiren wir die edle Gesinnung der westfälischen Gemeinde-Vorstände ihren Lehrern gegenüber. Tie Hebung und Erstarkung des Judenthums — hieß es allgemein — sei von der Hebung und Verbesserung der materiellen Lage der Lehrer abhängig; eine Ansicht, die von Allen, die Herz ititb Sinn für das Judenthum haben, bestätigt wird. — Ein gemeinschaftliches Mahl, gewürzt von ernsten und humoristischen Reden, schloß die konstituirende Versammlung. Da sämmtliche in den Ausschuß gewählte Herren von dem Ernst ihres Ehrenamtes durchdrungen sind, dürfen wir zuversichtlich hoffen, daß der Verband zum Segen und Heile des Judenthums und der Juden in Westfalen seine Thätigkeit entfalten werde. A. K. Bielefeld, 6. April. Dem neubegründeten Verbände der Synagogen-Ge mein den Westfalens sind bereits 25 Gemeinden definitiv beigetreten, während 14 andere Gemeinden ihre Beitrittserklärung in baldige Aussicht gestellt haben. Damit wäre schon die Hälfte der nennenswerthen Gemeinden Westfalens für das neue Werk gewonnen. 6. Ulm, 20. April. Herr Ober-Justizprokurator Heß, der Nestor der hiesiges! Anwälte, Vorstand des Anwaltvereins, Ehrenvorstand der Freimaurerloge, Gründer des hiesigen Israel. Lesevereins, feierte am Samstag im Kreise seiner Familie seinen 70. Geburtstag. Die drei Gesellschaften sandten Deputationen, zum Theil mit kunstvoll ausgearbeiteten Adressen, um dem Jubilar die herzlichen Glückwünsche zu überbringen. Die Adresse der hiesigen Anwälte lautet: „Die Unterzeichneten Rechtsanwälte Ulms entbieten anmit ihrem hochgeschätzten Kollegen, Herrn Ober-Justizprokurator Heß hier unter Anerkennung seiner langjährigen, hervorragenden und würdigen Vertretung der Rechtsuchenden, sowie des großen Alteresses, das derselbe für Hebung des Anwaltstandes allerorts bethätigt hat, die innigsten Glückwünsche zu seinem 70. Geburtstag, mit dem weiteren Wunsche, daß ihm noch ein langer, froher Lebensabend beschieden sein möge." Herr Prokurator Heß hat sich auch ein reges Interesse für feine Glaubensgenossen und ihre politische Stellung bewahrt; er ist der Sohn des verstorbenen Antiquars Isaak Heß in Ellwangen, des Verfassers der „Stunden der Andacht für Israeliten", eines Mannes, dem bei den württembergischen Israeliten ein dankbares Andenken erhalten bleibt. Derselbe war Mitbegründer des Vereins zur Versorgung israelitischer Waisen und hat durch verschiedene Petitionen für die ganze soziale Stellung der württembergischen Israeliten, besonders aber für die Einführung jüdischer Schulen sehr Ersprießliches gewirkt. Oesterreich - Ungarn. * Pest, 31. März. Der „Pester Lloyd" schreibt: „Ein Kongreß voll Vertretern der europäischeil Regierungen muß entscheiden, was mit den russischen Juden gethan werden, wo man ihnen einen Platz zum Wohnsitz anweisen und auf welchen Grundlagen und unter wessen Protektorat man ihre Existenz gründen soll. Der Erdkreis ist groß, und freien Platz giebt es auf ihm genug. Mittel für das Hinübertransportiren und Allsiedeln derselben am neuen Orte wird Europa llm so eher finden, als dieselben einerseits als eine f.ür lange Zeit zu gewährende Anleihe, andererseits als eine unabwendbare Ausgabe zur Zeit irgelld eines allgemein menschlichen Unglücks angesehen werden müssen. Von Rußland, als dem Lande, welches die Juden los werden will, muß natürlich die Initiative in dieser Beziehllng ausgehen. An anderer Stelle haben wir auf die Nutz- und Zwecklosigkeit der Einzel- Emigration hillgewiesen, welche jetzt praktizirt und sogar von der Regierung gefördert wird. Wenn jedoch die Emigration nach, irgend einem Orte auf breiter Grundlage mit einem, streng berechneten jährlichen Maximum nitb Minimum der Auswandernden orgauisirt, gleichsam durch Reglements geordlret werden wird, wenn die Auswanderer der vom Kongreß festgestellten Disziplin sich unterwerfen nnb mit den nöthigeu Mitteln versehen, vor sich ein bestimmtes Ziel schauen werden, so darf man kühn behaupten, daß innerhalb einer bestimmten Frist (entsprechend den Dimensionen der Emigration itnb der Menge der Mittel kann die Zeit genau berechnet werden, welche für eine solche Uebersiedlung nothwendig ist) Rußland von den Jndell befreit werden wird und die Letzteren endlich einen Zuflllchtsort ftiibeu und anfhören werden, Ausländer zu sein." * Prag, 2. April. Der Vorstand des israelitischen Lehrervereills in Böhmen hielt am 22. März eine Sitzung ab, in welcher bei Anwesenheit des Gesammtausschusses folgende wesentliche Beschlüsse gefaßt wurden: Um das Interesse an dem Verein rege zll erhalten imb zu heben, sei die Herausgabe von pädagogischen Lehrmitteln anzustreben, ferner haben an die Herren Lehrer von Zeit zu Zeit Mittheilungen über die Thätigkeit des Vereins direkt gesendet zu werden; die Durchführungsnormen find in kürzester Zeit sestzusetzen. Der Vereinsvorstaild habe die geeigneten Schritte zu thun, damit in den Ferialmonaten Fortbildungskurse für Religionslehrer ins Leben gerufen werden, und es sei attäiiftrefceu, daß die den betreffenden Lehrern dadurch erwachsenden Kosten von den löblichen Knltusgemeinden getragen werden. Die Vorarbeiten für die geplanten Lehrerkonferenzen sind derart zu Ende zu führen, daß diese mit Beginn des nächsten Schuljahres ins Leben gerufen werden können. — Für den Religionsunterricht und die damit zusammenhängenden Unterrichtszweige an ein- bis vierklassigen konfessionellen Volksschulen sind Lehrpläne auszuarbeiten. M Raudnrtz a. E., im April. Am 31. März begrüßte der Vorstand und zahlreiche Mitglieder unserer Kultusgemeinde ihren nengewählten Prediger Dr. PH. Mor. Klotz am Bahnhof. Von dort in den Tempel geleitet, wo aus Anlaß der Installation ein Festgottesdienst stattfand, wurde der Rabbiner durch den Herrn Kultusvorsteher Doktor Ad. Eisler mit der Versicherung vollster Zuneigung und Verehrung seitens der Gemeinde, von deren Vertrauen und Sympathie die seiner Zeit einstimmig erfolgte Wahl zeigte, begrüßt. Am Sabbath Schaninih, am 4. April, hielt vor überfülltem Tempel Herr Dr. Klotz die Antrittsrede auf der seit fast 20 Jahren verwaisten Kanzel. Rußland. * Petersburg, 28. März. Die Nr. 10 der „Wochenchronik des Woschod" vom 21. d. M., bei deren Erscheinen das Verbot erfolgte, enthält in der Hauptsache einen Leitartikel, in welchem das Gesetz betreffend die Ausweisung der Juden ans den Grenzbezirken auf eine Entfernnng von 50 Werst eingehend besprochen wird. Unter dem Strich befindet sich eine feuilletonistische Abhandlung über Haman, wöbet Letzterer als die Karikatur eines modernen Staatsmannes dargestellt wird. Dieses humoristische Feuilleton gehört der Feder des berühmten Dichters Frug an. Da der übrige Inhalt der betreffenden Zeitungsnummer durchaus unverfänglicher Natur ist, so bleibt es nur übrig, in einem dieser beiden Artikel die Veranlassung zu dem Verbot zu vermuthen. Tie erfolgte Maßregelung verwundert allgemein um so mehr, als das betroffene Journal von keiner politischen oder sonstigen Bedeutung war und sich nur mit den inneren Verhältnissen der Juden beschäftigt hat. Palästina. * Jerusalem, 20 März. Inder neu gegründeten Kolonie Rechaboth werden dreihundert Arbeiter gebraucht, und sind diesbezügliche Kundmachungen an allen Synagogen Jerusalems affichirt. Das ausführende Comita des russisch-jüdischen - „Vereins zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina", bestehend aus den Herren: Ingenieur W. Temkin, I. M. Pines und I. Bentowim, hat jüngsthin in Jaffa sein Bureau eröffnet. Das Comite veröffentlicht nun einen Aufruf, worin es namentlich dazn auffordert, beim Kaufe von Grundstücken seine Intervention in Anspruch zu nehmen. Bekanntlich bildet der Bodenankauf große Schwierigkeiten bei der Ansiedelung im heiligen Lande. * Jerusalem, 15.-März. Der Zweigverein „Jerusalem" des Ordens B'ne b'rith hat in Gemeinschaft mit dem Jaffaer Zweigvereiu dieses Ordens Schritte unternommen, um den Jerusalemer Juden Arbeit in den Kolonien zu verschaffen. Den besonders Armen unter

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