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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-10 · Heft 15 (10.4.1891) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 15 (10.4.1891)
Date
1891-04-10
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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- ' —— 4 ——- ' ’’ ■ v ";V- ';,v:;\" ' V'-''■■- ■ ihnen werden die Reisekosten vergütet, um zu ermöglichen, daß sie sich i an Tlrbeit gewöhnen und nicht länger der Allgemeinheit zur Last fallen.'! In der vergangenen Woche wurden in allen hiesigen Synagogen hebräische Kundmachungen affichirt, des Inhalts, daß in der Kolonie Rechaboth. noch viele Arbeiter ausgenommen werden. In dieser Kundmachung wird auch hervorgehoben, daß die Kolonie weder auf die Unterstützung des' Barons von Rothschild noch auf die von Vereinen angewiesen ist, und eines Näheren mitgctheilt, welcher Art die zu leistende Feldarbeit ifti und daß dieselbe mit \a Medschidi bis 9 Groschen täglich belohnt wird, abgesehen davon, daß die Arbeiter freies Nachtquartier und billige Küche (Va Franc pro Tag) erhalten. Amerika. * New-Aork, 12. März. Herr William Blakestone wurde: am 5. d. M in Begleitung des Ministerpräsidenten Blaine vomPräfidenten der Vereinigten St aaten in dessen Palais zu Washington' empfangen und überreichte eine Petition in Angelegenheit der russischen Juden. Herr Blakestone erklärte dem Präsidenten Harrison, daß diese Petition die Ausführung einer Resolution sei, welche von christlichen und jüdischen Männern, die aus ganz Amerika in Chicago zur Berathung von Hilfsmaßregeln für die russischen Juden zusammengekommen waren, gefaßt worden sei, und daß dieselbe keine Beschwerde gegen Ruß-" land enthalte, vielmehr sich mit der Frage beschäftige, wie auf friedlichem Wege den Juden ihr Ahnen land wiedergegeben werden könnte. Der Präsident schenkte den Ausführungen des Herrn Blakestone freundlicheE Gehör und versprach, daß er der Petition sein Augenwerk zuwendenß und sein Möglichstes in dieser Angelegenheit zu thun bestrebt sein werde. Die Petition selbst ist höchst interessant, sie schließt mit den Worten: „Zu diesem Zwecke wenden wir uns an Sie, Herr Präsident, mit der Bitte,' Sie geruhen die kaiserlichen und königlichen Regierungen von Rußland, ' Oesterreich, Deutschland, Türkei, Großbritannien, Italien, Niederlande, - Belgien, Schweden, Dänemark, Griechenland, Spanien, Portugal und die Regierung der französischen Republik zu veranlassen, daß dieselben einen Kongreß beschicken, der die Frage der Ansiedlung der Juden in, Palästina zu erörtern hätte." . ' U Von Nah und Fern. ----- „Die Historische Kommission für Geschichte der Juden in Deutschland" hat am 3. April ihre diesjährige Plenarsitzung untetz dem Vorsitz des Herrn Professor Dr. Breßlau abgehalten. — Besch lag-f nahmt wurde in voriger Woche das Heft 34 der sozialdemokratische!? Bibliothek („Die Religion des Kapitals", von Paul Lafargue). Äe Behörde will in dem Heft eine Beschimpfung der christlichen und jüdischen Religion erblickt haben. — Der Geheime Hofrath und Bureau-t Vorsteher des Geheimen Civil-Kabinets Manche hatte gegen den Rektor ' Ahlw ardt wegen Beschuldigungen, die derselbe in seinem Buche: „Der; Verzweiflungskampf der arischen Völker mit dem Judenthnm" gegen ihn ausgesprochen hatte, den Strafantrag gestellt. Das Buch wurde mit Beschlag belegt und zu einer eingehenden Beweisaufnahme geschritten. Nach Mittheilung der Staatsanwaltschaft an den Rektor Ahlwardt vom 30. März d. I. hat diese es nunmehr abgelehnt, dem Strafantrag des' Geh. Hofraths Manchö durch eine öffentliche Anklage Folge zu gebend weil dies nicht im öffentlichen Interesse liege. — Ueber die' Verurtheitung des Görlitzer „deutsch-sozialen Vereins" wegeit Verbreitung der antisemitischen Hetzflugblätter aus der Fritsch'schen Fabrik in Leipzig ist die „Kreuzztg." außer sich und lamentirt, daß die Inden „Bürger erster Klasse" seien. Wir sind stolz hierauf. — Dem Stöcker'schen „Volk" ist wieder einmal ein kleines Malheurs passirt. Es hatte einen geistreichen Artikel über die „neueste Bacillentheorie" gebracht, in dem ausgeführt war, daß die Juden an unserer gesundheitsgefährlichen Kleidung und Kost schuld seien. Die Kochbücher seien meist von Jüdinnen, z. B. Henriette Davidis u. A., versaßt. Jetzt? muß das gute Blatt aus Grund einer Berichtigung einsehen, daß Henriette Davidis keine Jüdin ist, sondern einer alten lutherischen Pastorenfamilie der Grafschaft Mark entstammt. Jedenfalls zeigt der Vorfall'? aufs Neue die Thatsache, daß der Antisemitismus vor der koscheren Küche^ nicht Halt macht, wie dies israelitische Blätter in Süddeutschland melden wollten. — Die königliche Staatsanwalt schuft Leipzig ist dem Vorgänge der Görlitzer gefolgt und hat Herrn Theodor Fritsch,x alias Thomas Frey, wegen Verbreitung antisemitischer Flugblätter, bezw. wegen deren Inhalts unter Anklage gestellt. Dieselbe ist erhoben auf Grund des Uufugsparagraphen, und wird demnächst die Verhandlung stattfinden. Jetzt scheint's Ernst zu lverden. — Fräulein Rosa Olitzki, die ausgezeichnete junge Artistin, welche im Laufe dieses Winters in der Berliner Singakademie mehrmals Gelegenheit hatte, ihre prachtvolle Stimme vor der Oeffentlichkeit hören zu lassen, giebt am 8. April in Frankfurt a. M. ein Konzert im Saale des Dr. Hoch'schen Konservatoriums, und zwar im Verein mit dem bekannten Pianisten Herrn Direktor Max Schwarz. — Der gemaßregelte Kapellmeister Gustav Mahler wird den Antisemitismus als die Kraft preisen, die das Böse will und das Gute schafft. Bei seiner ersten Direktion in Hamburg wurde Mahler nach jedem Akte stürmisch gerufen und nach Schluß der Oper erhoben sich die Zuschauer wie auf Verabredung von ihren Plätzen, aber Niemand verließ den Saal, und es wurde so stürmisch und andauernd nach Mahler gerufen, daß derselbe dreimal auf der Bühne erscheinen mußte. Die größte Ueberraschung aber harrte des neuen Dirigenten auf der Bühne selbst; Pollini bot Herrn Mahler im Angesicht des durchschlagenden Erfolges beim Publikum aus freien Stücken um 2000 M. Jahresgehalt mehr, als vertragsmäßig vereinbart war. — Bei den Wi euer Gemeinderathswahlen haben die Antisemiten im dritten Wahlkörper einen glänzenden Sieg erfochten. Damit ist das, was vor wenigen Jahren noch wie ein wüster Traum erschien, in den allernächsten Bereich der Möglichkeit gerückt: eine antisemitische Mehrheit im Wiener Gemeinderath, die zugleich auch einen antisemitischen Stadtrath und einen --antisemitischen Bürgermeister bedeutet. Wir freuen uns dieser Thatsache. Wird sie ja Gelegenheit geben, endlich einmal die Antisemiten eine Probe ihrer Fähigkeit (oder Unfähigkeit) zu positivem Schaffen ablegen zu lassen. Allerdings bedauern wir das arme Versuchsobjekt, die Stadt Wien. — Am Freitag den 27. Mürz wurde der als Gelehrter wie als Mensch gleich ausgezeichnete Rabbiner Herr Emanuel Friedlander in Wien im Alter von 84 Jahren zu Grabe getragen. Er hatte 50 Jahre als Rabbiner einer ungarischen Gemeinde gewirkt und lebte seit dem vor sechs Jahren erfolgten Tod seiner Lebensgefährtin abwechselnd bei seinen Kindern, welche ihn nun, feinem Wunsche gemäß, in stiller Trauer, ohne Chor und Predigt bestatteten. — Unser geschätzter Mitarbeiter, Herr Dr. Adolf Jellinek, der berühmte Prediger der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, beendet am 26. Juni sein 70. Lebensjahr. Freunde und Verehrer in Wien und in der Provinz treffen Vorbereitungen, um den Geburtstag dieses gefeierten Mannes würdig zu begehen. Es hat sich zu diesem Zwecke ein Komitö gebildet, und zwar soll die Feier schon im Monat Mai stattfinden. — Der Privatdocent Herr Dr. O tto Frankl ist zum außerordentlichen Professor des Bergrechts au der deutschen Universität in Prag ernannt worden.— Herr Dr. Simon Stern, Rabbiner in Mislitz, ist zum Rabbiner der Kultusgemeinde in Sa az gewählt worden. — Kürzlich wurde der hochgeachtete Legrader israel. Kaufmann Samuel Goldschmied zu Grabe getragen. Der dortige evangelische Pfarrer Julius Szilvägyi hielt vor der Bahre eine ergreifende Leichenrede, in welcher er die Tugenden des Verstorbenen würdigte. Als der Kondukt sich in Bewegung setzte, ließ der Pfarrer die Kirchenglocken läuten. — Den n e u n z i g st e n G e b u r t s t a g feiert der Kopenhagener Oberrabbiner Herr Dr. A. Wolfs am 24. Mai (16. Jjar) dieses Jahres. Jrrihümlich hatten wir schon im vorigen Jahre den verehrten Senior dieses Alter errreichen lassen. — Der König der Belgier beehrte jüngst Baron und Baronin Henry de Worms mit seiner Anwesenheit bei einem Dejeuner in ihrem Palais am Grosvenorplatze in London. Zum Empfange Sr. Majestät waren u. A. auch erschienen der österreichische Gesandte Graf Deym und Gemahlin, der spanische Gesandte, der Herzog und die Herzogin von Abercorn, der belgische Minister und Baronin Solvyns. — Anläßlich des Peßachfestes hat das französische Kriegsministerium für sämmtliche jüdische Soldaten der französischen Armee vom 22. April bis 1. Mai Urlaub gewährt. — Wie aus Odeffa gemeldet wird, dauert die massenhafte südrussische Juden-Emigration fort. Gegen 1500 Personen wanderten in der vergangenen Woche nach England und Amerika aus. Druck und Verlag von Rudolf Moste in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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