Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1891)
- Date
- 1891-04-10
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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soeben ein vertrauliches Rundschreiben an Vereine und einzelne Turngenoffen, in welchem er die Forderung aufstelli, in Zukunft „nur deutsche und deutschverwandte Stammesgenossen",nur solche Turngenossen, „die sich zum christlichen Glauben bekennen und nicht jüdischer Abstammung sind", in der deutschen Tnrnerschaft zu dulden. Die Leutchen sind wenigstens foufequeut und schließen auch alle Abkömmlinge von Juden aus. Leider ist nicht gesagt, durch wie viele Generationen die Mitgliedschafts-Aspiranten ihren nicht-jüdischen Ursprung Nachweisen müssen. * Berlin, 7. April. Aus der Rede, welche der Abgeordnete Engen Richter gestern in der Tivolibrauerei über den „Welfenfonds" hielt, verdient die nachfolgende Stelle besondere Beachtung. Redner sagte: „Auch von der antisemitischen Bewegung habe ich die Ueberzeugung, daß sie im Anfang von geheimen Fonds unterstützt ist, um das freisinnige Berlin zu erobern. Man nennt immer Herrn Hertzog, aber ich glaube, es spielt da ein größerer Unbekannter mit." Angesichts der unglaublichen Geldmittel, mit welchen die Antisemiten in beit letzten Jahren operirt haben, konnte eine solche Vermuthung wohl auftauchen. * Berlin, 7. April. Die Mittheilung über den verwahrlosten Zustand der Ruhestätte des vor vierzig Jahren verstorbenen Mathematikers Dr. Meyer Hirsch hat zur Folge gehabt, daß jetzt auf Veranlassung von Freunden des berühmten Gelehrten sowohl der Grabhügel als auch der schlichte Denkstein auf dem alten israelitischen Friethof an der Schönhauser Allee in würdiger Weise wieder hergestellt worden sind. Wünschenswerth wäre noch, daß atlch die Sterbestätte des um die Wissenschaft so hochverdienten Mannes in der Walzstraße Nr. 73 durch eine Erinnerungstafel seitens der Berliner Stadtgemeinde näher bezeichnet würde. L2 Breslau, 4. April. Der Verein israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen hält am Sonntag den 17., Montag den 18. Mai 1891 seine Generalversammlung im kleinen Saale der neuen Börse ab. Aus der Tagesordnung heben wir hervor: „Die Diskussion über die Behandlung des geschichtlichen Unterrichts in der Religionsschule im Anschluß an folgende Fragen: In welcher Weise ist der Religionsunterricht zu behandeln, daß wir die der jüdischen Religion zu Grunde liegenden Ideen den Kindern klar und eindringlich machen? 2. Welche Personen sind im Geschichtsunterricht vorzugsweise zu behandeln, so daß an ihnen der treibende Geist der jüdischen Geschichte erkannt werde? 3. Welche Schriften sind am geeignetsten zur Auswahl durch den Lehrer und zur Lektüre, um das Streben nach weiterer Fortbildung in den Schülern anzuregen? (Referent: Dr. Chodowski-Oels. Korreferent: Dr. Rosenthal-Breslau.) * Breslau, 4. April. Die Industrieschule für israelitische Mädchen hat mit dem abgelaufenen Schuljahr das neunzigste Jahr ihres Bestehens vollendet. Aus unscheinbaren Anfängen hat dieselbe, ohne den sorgfältig gepflegten Unterricht in Handarbeiten einzuschränken, sich zur Stufe einer vierklassigen Elementarschule im Laufe der Zeit nach und nach entwickelt und einer sehr großen Zahl unbemittelter Mädchen die für das Leben unerläßliche Bildung und Fertigkeit verschafft. Mit dem Dezember 1890 ist auch Turn-Unterricht für die Schülerinnen der beiden oberen Klaffen versuchsweise eingeführt worden. Der Frauenvereiu der Lessing-Loge ließ während der Sommerferien sechsundzwanzig schwächliche und leidende Schülerinnen der Anstalt an der heilsamen Einrichtung der Ferienkolonien theilnehmen; der Erfolg war bei der Mehrzahl der Mädchen ein sehr erfreulicher. Ferner hat der Vorstand der israelitischen Volksküche neuerlich die Ueberlassung von 250 (früher 200) Freimarken monatlich für arme Schülerinnen beschlossen. Nach dem letzten Jahresbericht gehören der Schule gegenwärtig 156 Schülerinnen an. && Lrrblirritz, 1. April. Letzten Montag Abend konnte erst das längst geplante, wegen der Charwoche verschobene Pur im fest durch Theater, Tanz und Picknick gefeiert werden. Vom jüdischen Frauen- Verein arrangirt, verlief die Feier bei allgemeiner Betheiligung aufs Glänzendste. Nach einem Prolog wurden zwei speziell auf das Purimfest bezügliche Einakter von Schülern und Schülerinnen des ' Herrn Dr. Friedmann recht flott gespielt. Ein humoristisches Duett und ein kleines Lustspiel schlossen sich an und ernteten stürmischen Beifall. Lp. Samter, 5. April. Am 4. April er. Nachmittags ist die öffentliche Prüfung in der hiesigen fünfklassigen Religionsschule vor dem Kuratorium der Anstalt und in Anwesenheit vieler Gönner derselben abgehalten worden. Dieselbe berührte sämmtliche in das Religionsgebiet einschlagenden Fächer. Die Leistungen waren durchweg vorzüglich und sind in rühmlicher Weise seitens des ersten Kurators, Herrn Moritz Holländer, in einer Ansprache hervorgehoben worden. Die Entlassung der Abgehenden erfolgte durch eine längere Rede des Rabbiners Herrn Dr. Wreschner, der als Dirigent der Anstalt es in der kurzen Zeit seines Wirkens hier verstanden hat, dieselbe in ethischer wie in materieller Beziehung zu heben und zu fördern. Auf seine Anregung ist auch mit der Religionsschule seit dem 1. Mai v. I. ein Konfirmandenkursus verbunden worden, aus welchem im laufenden Jahre 9 Knaben eingesegnet worden sind. Die Anstalt selbst ist am Schluß des Jahres von rund 110 Schülern besucht worden. LU) Hannover, 3. April. Sonntag Morgen verstarb plötzlich infolge eines Herzschlages Frau Julie Coppel, sechs Monate nachdem Ableben ihres Galten, zum tiefen Schmerze weiter Kreise, in denen die Verstorbene sich durch ihr freundliches Wesen, ihren praktischen Sinn und durch ihre stets offene Hand Liebe erworben hatte. Der Entschlafenen wird verdientermaßen von den hiesigen Tageblättern nachgerühmt, daß sie zu den wohlthätigsten Frauen unserer Stadt gehört habe, unermüdlich bestrebt gewesen sei, Noth und Elend zu lindern und Hilfesuchenden stets mit Rath und That zur Hand zu gehen, so daß die Armen in ihr eine treue Freundin verlieren. Sie gab vor langen Jahren die erste Anregung zur Gründung des israelitischen Frauenvereines, beschränkte jedoch ihre Thätigkeit nicht auf ausschließlich jüdische Wolthätigkeitsanstalten, sondern wirkte auch als Vorstandsmitglied vieler iitterkonfessioneller Vereine bis zum letzten Augenblick ihres Lebens. Hannover, 3. April. Ein Jahresbericht des „Vereins zur Unterstützung der Schüler der Bildungsanstalt für jüdische Lehrer zu Hannover" hat ein mehr als lokales Interesse. In erfreulicher Weise hat nach dem soeben ausgegebenen elften Jahresbericht sich die Zahl der Freunde der Anstalt vermehrt, wozu nicht wenig die rastlose Thätigkeit des Vorstandsmitgliedes Herrn B. Löwenstein und das Wirken der Lokalvorsteher beigetragen haben. Auch Herr Provinzialschulrath Wendland ist in liebenswürdiger Weise bemüht, die Interessen des Vereins zu fördern und aufrichtig bestrebt, die Schwierigkeiten beseitigen zu helfen, mit denen derselbe zu kämpfen hat. Wir entnehmen dem Berichte, daß von 23 Schülern der Bildungsaustalt, welche Oktober 1889 dieselbe besuchten, 19 in dem unter Aufsicht des Herrn Lehrers Speyer stehenden Internate Aufnahme fanden, während die übrigen 4 bei ihren Eltern in der Stadt wohnten. Eine größere Zahl von Gesuchen um Eintritt zum Frühjahrstermin 1890 mußte zurückgewiesen werden, weil einerseits die Räume nicht ausreichten, andererseits unentgeltliche Aufnahme verlangt wurde, was bei den unzureichenden Mitteln nicht zugesagt werden konnte. Die Bitte um Erhaltung des Interesses für den Verein und Gewinnung neuer Freunde ist deshalb berechtigt. Die regelmäßigen Jahres- und außergewöhnlichen Beiträge beziffern sich auf 6738 Mk. 43 Pf., wozu die Beiträge der Schüler, sowie Zinsen von Kapitalien und Stiftungen kommen, wohingegen für Beköstigung und Verpflegung der Schüler 8924.85 Mk. verausgabt wurden. Mit dem Verein sind eine Landrabbiner Dr. Samuel Meyer- (647.54 Mk.). eine Professor Frensdorff- (3834.60 Mk.), eine Moses Frankenberg- (3178 Mk.) und eine Isaak Abraham Goldschmidt-Stiftung (2400 Mk.) verbunden. A. K. Bielefeld, 5. April. Das war eine glänzende Versammlung, die sich am 29. und 30. v. M. in dem festlich geschmückten Saale Concordia in Bielefeld eingefunden hatte. Der Einladung des Vorstandes der Bielefelder Synagogengemeinde folgend, versammelten sich an den genannten Tagen circa 80 Personen, Vorsteher, Repräsentanten und Lehrer einer großen Anzahl von Gemeinden der Provinz, um den Statuten-Entwurf für einen zu gründenden Verband der Synagogen-Gemeinden Westfalens einer eingehenden Prüfung und Berathung zu unterziehen. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Bielefeld, Herr Bankier M. Katzen stein, eröffnete die Sitzung, indem er in zündenden Worten die Anwesenden zu einem Hoch auf des Kaisers Majestät aufforderte, in welches die Versammlung begeistert einstimmte. Alsdann begrüßte Herr Katzenstein die Gemeinde-Vertreter mit einem herzlichen Willkommen und wies darauf hin, daß die Idee, die jüdischen Gemeinden Westfalens zu einem Verbände zu vereinigen, das Kind des Antisemitismus sei. Außerdem hätten wir aber noch einen gefährlichern Feind im Innern, nämlich den Jndifserentismus. Um so gefährliche Feinde mit Erfolg bekämpfen zu können, müssen Bundesgenossen zusammen treten und ihre Kräfte vereint dem guten Ziele widmen. Das sei der eigentliche Zweck der heutigen Versammlung. Hierauf wurde zur eigentlichen Tagesordnung übergegangen