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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-10 · Heft 15 (10.4.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 15 (10.4.1891)
Date
1891-04-10
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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55. Lahrgang. ttr. 15. tl?4 <ßnlh'’ 10* Ävdl 1891 Weitage zur „Akkgemeinen DerLung öes IrröenLHrrrns". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. X. Beettu, 5. April. In ihrer heutigen Sitzung nahm die Repräsentanten-Versammlung zunächst eine Mittheilung entgegen, und zwar, wie man wahrnehmen konnte, mit viel regerem Interesse und Aufmerksamkeit, als sonst für geschäftliche Mittheilungen an den Tag gelegt zu werden Pflegen. Der Vorsitzende, Herr Justizrath Makower, hatte vor einiger Zeit dem von zwei Lehrerinnen der jüdischen Mädchenschule ertheilten Turnunterricht beigewohnt und verlas nun eine von ihm an den Dirigenten genannter Anstalt, Herrn Dr. Adler, gerichtete Zuschrift, in der er sich über den damals empfangenen Eindruck in warmen Worten ausspricht, und in der es u. A. heißt: „Die Ruhe und die Regelmäßigkeit der Bewegungen, die Festigkeit und die Anmuth, sowie die Präzision in Befolgung des Befehles der Lehrerinnen und die korrekte Ausführung der Gesänge verdienen volles Lob." In einigen alsdann an die Verlesung angeknüpften Bemerkungen sprach der Vorsitzende die Bitte aus, die Repräsentanten möchten bei gegebener Gelegenheit gleichfalls hingehen; die Herren würden — davon habe er die volle Ueberzeugung — ihm beistimmen, daß der Unterricht einen höchst günstigen Eindruck machte und in keiner Beziehung dem städtischen nachstände. Es folgte als zweiter Punkt der Tagesordnung der Bericht über die Revision der Hauptkasse, sowie die Bestätigung der vom Vorstande bezeichneten Rendanten, ferner die Verlesung eines vom Vorstande des Krankenhauses bei dem Gemeindevorstand eingegangenen Gutachten betr. den jüngst erwähnten Antrag des Herrn Prof. Lazarus über Errichtung einer gynäkologischen Station, deren Einrichtung im Krankenhause selbst der Vorstand der Anstalt, wie bekannt, ablehnend gegenübersteht. Von den übrigen Punkten der Tagesordnung heben wir noch den Bericht des Herrn Stadtrath Borchardt über den Rechnungsabschluß der Armenkommission hervor, in welchem der Herr Referent verschiedene Mißstände beleuchtete und namentlich über den Umstand Aufschluß erbat, daß von den Unterstützungsgesuchen fast die Hälfte abgewiesen sei, selbst bei den Stiftungen, die für verschämte Arme bestimmt wären. Herr Löwenberg, der stellvertretende Vorsitzende der Kommission, wußte das Verhalten der Armenkommisston zu rechtfertigen. In der sich anschließenden geheimen Sitzung handelte es sich besonders um Aufnahme einer Anleihe. 8. Berlin, 8. April. Ter Centralverein zur Vo rbereitung der jüdischen Gemeindewahlen hatte für gestern Abend seine Generalversammlung nach dem großen Saale des Vereins junger Kauflenke einberufen. Ungefähr 120 Mitglieder und Gäste waren der Einladung gefolgt. Der Vorsitzende, Herr Jul. Oppenheim, ertheilte zunächst dem Vorstandsmitglied Herrn Konrad Schätzer das Wort zur Berichterstattung über die bisherige Thätigkeit des Vorstandes und über die Beschlußfassung der Repräsentanten-Versammlung gegenüber den Anträgen des Centralvereins. Was das Referat inhaltlich bot, ist unseren Lesern aus dem Bericht über die betreffende Repräsentantensihung (Nr. 47 des vorigen Jahrganges) bereits bekannt, neu hingegen waren die Angriffe gegen die jetzigeMajorität der Repräsentanten-Versammlung. Wir gönnen Jedem das Recht der freien Kritik; wenn indessen Jemand gegen die ehrenwerthen und verdienstvollen Männer, welche fcmrcö den gesetzmäßigen Willensausdruck der Wähler in das Repräsentanten-Kollegium berufen worden sind, Beschuldigungen schleudert, wie die nachfolgenden: „die Majorität der Repräsentanten gehe von der Ueberzeugung aus, die künftige Generation werde fein Bedürfniß nach Religion und Gottesdienst mehr haben, und die Herren selber streben danach, daß dies geschehe", „die Majorität kämpfe mit den Waffen der Verleumdung", „die Majorität halte Jeden für orthodox, der noch ein wenig an seinem Glauben hänge, und die Herren warten nur auf die Zeit, um ihren Glauben öffentlich abzulegen", „der nächste Wahlkampf werde ein ,Kampf der gerechten Sache gegen die Geldsäcke' sein" — so sind das Aeußerungen, die mit den Versicherungen der Friedensliebe und der Lust an positivem Schaffen, welche der Verein so gern betont und auch gestern wiederholt betont hat, im Widerspruch stehen. — Wahrhaft wohlthnend berührte dagegen die ruhig-sachliche Art, wie Herr D. Weinberg einige Anträge des Vorstandes begründete, unter denen wir die Aenderung des Vereinsnamens in „Centralverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde in Berlin" hervorheben. Der Antrag wurde nach kurzer Debatte angenommen. — Den Schluß der Tagesordnung bildete eine zum Theil recht heftige Diskussion über ein den Vereinsmitgliedern mißliebiges Abstimmungsvotum eines Repräsentanten, der auf der Wahlliste des Vereins gestanden hatte. * Berlin, 3. April. Gestern starb im 72. Lebensjahre die W ittwe des in Berlin durch seine bedeutende geschäftliche Thätigkeit. welche ihre Spuren noch bis heute hinterlassen hat. sehr bekannten Herrmann G erson. Frau Herrmann Gerson war durch ihre litterarische Bildung und Sinn für freiheitliche Aufklärung und durch Wohlthun im edelsten Sinne eine in den weitesten Kreisen Berlins bekannte Persönlichkeit. In ihrer Villa im.Thiergarten verkehrten ausgezeichnete Männer der Litteratur, Wissenschaft und Kunst, sowie Politiker. Zu den Besuchern gehörten: Johann Jacobh, Ernst Kossack, Dr. Klein, Dr. Eduard Fischet, Adolf Stahl, Fanny Lewald, Professor Liebreich, Titus Ullrich, Karl Frenzel, Prof. Siemering, Prof. Graef, Paul Meyerheim, Eduard Hildebrand, Prof. Eschke und viele Andere. Wo es galt, junge Talente zu fördern, für humane Unternehmungen einzutreten, war sie stets mit warmem Herzen unter den Ersteil. Ihre Wohlthätigkeit für die Bedürftigen und Armen kannte keine Grenzen, und während eines halben Jahrhunderts ist ihr Leben ein opferwilliges und selbstloses Wohlthun im großen Stil gewesen. Die Beerdigung fand am 7. d. unter großer Betheiligung statt. Herr Maybaum sprach einfach, aber eindringlich an dem Grabe der Dahingegangenen; er schilderte das beneidenswerthe Dasein dieser milden, klugen und guten Frau, in deren Denken und Empfinden nichts Unwahres, in deren Handeln und Wirken nichts Absichtliches gewesen. (D Berlin, 7. April. Gegenüber den antisemitischen Ilebertreibungen haben wir aus den zu Ostern erschienenen Schulprogrammeil eine Statistik der jüdischen Schülerzahl an folgenden hiesigen Gymnasien und Realschulen ausgezogen: Das Königstädtische Gymnasium war von 630 Schülern besucht, darunter befanden sich 224Jlldeu. — Das neue Steglitzer Progymnasium war von 401 Schülern besucht, darunter 5 Juden. — Das König!. Luisen-Gymnasium zählte 912 Schüler, darunter 49jüdiiche.— Das Luisenstädtische Gymnasium zählte 686 Schüler, darunter!20 Juden. — Das Friedrichsgymnasium war von 720 Schülern besucht, darunter befanden sich 266 Juden. — Das Dorotheenstädtische Realgymnasinm war von 781 Schülern besucht, davon 119 Juden. — lieber die Luisenstädtische Ober-Realschllle meldet der Jahresbericht, daß der Besuch sich auf 672 Schüler stellte, davon waren 47 jüdisch. — Das Leibniz-Gymnasium war von 629 Schülern besucht, davoll 118 jüdisch. — Das Königstädtische Realgymnasium hatte 792 Schüler, davoll 186 jüdisch. — In der Ersten städtischen höheren Bürgerschule tmirbeu 459 Schüler unterrichtet, davon 53 jüdische. — Die Luisenschnle besuchten 843 Schülerinnen, davon 276 jüdische. * Berlin, 8. April. Irr diesen Tagen fanden in Delitzsch nnb Bitterfeld sehr zahlreich besuchte Versammlungen statt, in welchen der Schriftführer des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus", SiceutLnt Gräbner, aus Einladung der dortigen Mitglieder über die antisemitische Bewegung sprach. Die Vorträge wurden mit großem Beifall ausgenommen. Leipziger Antisemiten unter Führung voll Theodor- Fritsch waren nach Delitzsch gekomnlen, rrm beit Kampf aufzunehmen. Der Erfolg entsprach aber so wenig ihren Erwartnngell, daß sie es vorzogen, von der Versammlung in Bitterfeld gallz fern zu bleiben. * Berlin-, 6. April. Die Alltisemiten versuchen jetzt von Neuem tmb mit verdoppelten Kräften eine ihrer Gestnilung entsprechende Spaltung in der deutschen Turn er schaft hervorzubringen. Die neue Bewegung geht von Berlin aus. Der antisemitische Turnverein, der sich unter dem wohlklingenden Namen „Deutscher Turnverein Berlin" eiugeführt hat, erläßt

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