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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-10 · Heft 15 (10.4.1891) · p. Seite 180

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 15 (10.4.1891)
Date
1891-04-10
Page
Seite 180 (sequence 12)
Language
German
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„Das wäre ein Beweis, wie morsch es geworden ist," entgegM^ Leonhard, indem er seinen Hut und seinen Stock ergriff und sich zum Fortgehen bereit machte. „Ich liebe mein Volk und meine Religion, deren Vertreter und Verkünder ich bin, zu sehr, um an ihrem ewigest Bestände zweifeln zu können. Wenn wir uns auch ein wenig modeln, wenn wir auch dem treibenden Geist der Zeit in etwas folgen, — das löst nicht den urewigen Kitt, der das Volk Israels aneinander und an seinen Gott bindet. ' In Betreff Eures Josefs werdet Ihr Euch hoffentlich eines Besseren besinnen. Je eher er zum Ziele gelangt, um desto frühe; kann er Ihnen und Ihrer Familie eine Stütze werden. Ich werde ihm die beruhigende Versicherung geben, daß Sie, alter Freund, ihnt nicht zürnen und ihm gewiß nach Kräften beistehen werden, ihm seinen Weg zu ebnen." Mit einem kurzen Gruß an Herzfeld, welcher ihn finster erwiederte, verließ er, von Frau Herzfcld begleitet, das Zimmer.; Auf dem Hausflur, welcher die Zimmer der Familie mit de« Geschäftsräumen verband, kamen ihm die beiden Töchter, welche mit! fieberhafter Unruhe der laut und erregt klingenden Unterhaltung gelauscht hatten, entgegen. „Unserm Josef ist doch kein Unglück passirt?" klang es aus Beider Mund, indem sie dem Rabbiner ihre Hände hinstreckten, die er einen Augenblick freundlich festhielt. „Braucht er Geld?" Doris langte ein winziges, gehäkeltes Beutelchen unter der schwarzen Wollschürze hervor. „Bitte, Herr Doktor, schicken Sie es ihm; es ist inein und Rosa's Erspartes," flüsterte sie ihm zu, indem sie ihm verstohlen die kleine Börse in die Hand drücken wollte. „Schickt es ihm direkt," meinte er heiter, während er mit der Hand sanft über die zu Boden gesenkte Stirn Rosa's fuhr und die dunklen, seidenweichen Löckchen zmückstrich. „Aus so lieben, gütigen Schwesterhänden wird es ihm Glück bringen, und die Mutter" — er wandte sich liebreich zu der ältlichen Frau, welche vorher nicht ge-' wagt hatte, sich in das Gespräch der Männer zu mischen, „wird gewiß gern ein Scherflein dazu beitragen, um es dem Sohn leichter zu machen." „Ach Gott, mein Mann meint es gewiß gut mit dem Josef und hat sein Glück im Auge, aber er vergißt, daß er den eigenen, festen Willen von ihm geerbt hat," klang es gepreßt aus ihrem Munde. „Ein studirter Mann will mein Josefleben werden" — ein paar Thronen tropften die bräunlichen, hagern Wangen herab. „Zu Glück rmd Segen, Herr Doktor; wenn unser Josef nur uns und seinem Glauben treu bleibt, mag er werden ein Doktor, — ein Gelehrter, mein Kind und ein gutes Kind bleibt er, das weiß ich bestinimt." Der alte Herzfeld blieb den ganzen Tag über stumm und verschlossen; weder für seine Gattin noch für seine Töchter hatte er ein erlösendes Wort. Der Gedanke, daß Josef ihm zu trotzen gewagt, war ihn» unerträglich, und dennoch sah er ein, daß er jetzt nicht mehr gewaltsam in das Schicksal seines Sohnes eingreifen konnte. Als am nächsten Tage ein Brief, von dem jungen Herzfeld an seine Eltern gerichtet, eintraf, in welchem er noch einmal seinen Schritt zu motiviren suchte und dabei in kindlicher Weise uni Verzeihung bat, da reichte der alte Mann das Schreiben, nachdem er es gelesen, lautlos seiner Frau hin, .und erst als sie bittend zu ihm sagte: „Es ist unser Einziger, — es ist eine Sünde, toenn Du ihm nicht vergiebst; ist es denn eine Schande, ein Doktor zu werden?" — da meinte er kurz: „Ist er klüger als sein Vater, braucht er weder meinen Rath, noch Beistand von mir. Laß ihn ein Doktor werden, — mir auch recht; woher er das Geld zum Studium hernehmen wird, kümmert mich nicht und wird mich nicht kümmern. Und nun genug von der Geschichte. Doris, mache das Packet für die Frau Apotheker Seidel zurecht, sie hat schon zweimal danach geschickt," rief er m den Laden hinein. „Von der Gelehrsamkeit Josefs können wir nicht leben; da müßten wir schmale Bissen beißen. Die Kundschaft muß man sich warm halten. So, Rosa, wenn Du zu Deinen lieben Bekannten, kommst." wandte er sich spöttisch an das schöne Mädchen, welches über eine feine Näharbeit gebückt dasaß, „dann kannst Du ihnen sagen, das blaue Band und die gelbe Seide ist jetzt da." Ohne das Crröthen des jungen Mädchens zu bemerken, war er in den Laden gegangen, wo Doris damit beschäftigt war, die täglichen Klmden abzufertigen, etwas, das außer dem Bereiche Rosas lag. Sie hatte weder Lust noch Geschick für den Handel, und so viel als möglich vermied sie es, mit dem kaufenden Publikum zu verkehren. Während Doris mit den Meisten auf recht vertraulichem Fuße stand und auch einen etwas derben Witz vertragen konnte, zog sich Rosa scheu zurück; die „schöne Jüdin", wie man sie nannte, galt in dem kleinen Orte für stolz und unnahbar. So populair Doris Herzfeld unter ihren Glaubensgenossen war, so unbeliebt war Rosa, und so Mancher rümpfte die Nase, wenn man das liebliche Mädchen, in ein dunkles Tuch gehüllt, Abends über den Markt schlüpfen sah, um in dem Hause ihrer Freundin, einer christlichen Beamtentochter, Else Hochbaum mit Namen, zu verschwinden. Die Thatsache, daß Josef Herzfeld, gegen den Willen seines Vaters, sich für die Universität vorbereitete, wurde lebhaft in den befreundeten Kreisen besprochen. — Man tadelte theils, theils bewunderte man den Muth des jungen Mannes, der auf die eigene Kraft vertrauend, sich befreit hatte aus den beengenden Feffeln der väterlichen Gewalt und nun tapfer den betretenen Weg vorwärts schritt, ohne die Hilfe seines Vaters, ohne die ihm angebotene finanzielle Unterstützung des Dr. Leonhard anzunehmen. (Fortsetzung folgt.) U Nes Glaubens Gurten. In einem großen Thale erblüht' ein schöner Garten, Der Herr hat ihn gepflanzet, thät' selbst der Blümlein warten. Die waren sehr verschieden an Farbe, Gestalt und Dnst, Doch alle erfreuten das Auge und würzten die Gartenluft. Der Herr schenkt gleiche Liebe und gleiche Sorge allen, Denn alle Blumen fanden sein gleiches-Wohlgefallen. Dann schuf der Herr den Menschen, daß er den Garten pflege Und drin nach schwerer Arbeit der Ruhe leben möge. Und wer mit saurem Schweiße um's karge Brod geschafft, Der fand dort Ruh' und Labung und neue Arbeitskraft. Doch was der Herr geschaffen zu aller Menschen Freude, Das wurde bald die Ursach' zu vieler Menschen Leide: Der liebte diese Blume, ein Andrer hatt' jene gern, Und die er zum Liebling erkoren, die pflanzt' er den andern fern; Und lobte der seine Blume, so war ein Andrer voll Neid, Und welche die beste von allen? — darüber ward großer Streit. Es wurden Schlachten geschlagen, die Erde ward blutigroth, Und um die herrlichen Blumen erwuchs der grausige Tod. Und Haß, Verleumdung, Verfolgung — sie wucherten kräftig zur Höh' Und brachten Familien und Völkern viel Noth und bitteres Weh. So schuf den Garten des Glaubens der Herr in seiner Huld, Den haben die Menschen zertheilet und gehäufet Sünde und Schuld. Doch wandelte Mancher hinüber zum Blumenbeet des Andern — Wer in heiliger Liebe entflammet, der durfte hinüberwandern. Laß, Herr, der Liebe Glühen in jedes Herz einzieh'n, Damit für alle Menschen auch all' die Blumen blüh'n. I. Borchardt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin Verantwortlich für du Redaktion: Mar Bauchwih in Berlin.

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