Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1891)
- Date
- 1891-04-10
- Page
- Seite 179 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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179 VIII, 6: H23N '2 wird nach dem Ton der Klagelieder gesungen, weil N3'X und rDS’R stets an den Anfang der Klagelieder und somit an den Tempel erinnern. So wird auch Deuter. I, 12 im Ton der Klagelieder gelesen. VIII, 14: als Einleitung des nächsten Verses hervorzuheben. VIII, 15: 'OTlfc'l, der zweite der vier Megillaverse, vgl. II, 5. Das Targum schildert den Aufzug Mardochais und die Kostbarkeit seiner Gewänder mit viel Breite und erwähnt auch, daß die Priester mit ihren Posaunen gleich Herolden vor ihm einherschritten. Dieser und der nächste Vers bilden den Höhepunkt des Buches und der Vorlesung. VIII, 16: DvT)iT'^, der dritte der vier Göulah-Verse, wird als eine Art Appendix zu dem vorigen betrachtet und in gleicher Weise auch musikalisch behandelt. Der Schluß des Kapitels wie II, 5. IX, 6-10: nxi-Lt'rr. Die in einem Athem zu geschehende Nennung der zehn Söhne Hamans sollte eigentlich von dem Vorleser allein übernommen werden. Der Anfang des unberechtigten Eingreifens der Gemeinde wird aber hier, wie beispielsweise bei der Keduschah, ein derartiger gewesen sein, daß die Gemeinde bei dieser Tradition, gerade in Würdigung ihres tylmudischen Ursprungs, sich nicht ganz still und lautlos verhalten haben wird, bis man es vorzog, sie zuvor erst — austoben zu lasten. Nach und nach hat sich aber die Meinung verbreitet, daß auch an dieser Stelle die Gemeinde laut einzustimmen habe. Die Stellen IX, 22 und 26 (DfUX und l&op) werden nur vom Machsor M. Z. tradirt und sind ziemlich vergessen, so daß nur noch X, 2: *?31 und der Schlußvers X, 3: '2T12 '3 — der letzte der vier Göulah-Verse — erwähnt werden müssen, die selbstverständlich wie die vorhergehenden „Verse der Erlösung" behandelt werden, indem X, 2 als Einleitung zu X, 3 aufgefaßt wird. Der vorstehende anspruchslose liturgische Exkurs wollte nur gelegentlich des Purimfestes den Freunden synagogaler Tradition nahe führen, wie auch Synagogengesang und Vorleseramt ihre historischen, wenn nicht gar kulturhistorischen Seiten haben, die aber noch immer einer ernsten wissenschaftlichen Würdigung harren. Aber mit Herder, dem Kenner des Geistes hebräischer Poesie, wollen wir auch für die zukünftige Werthschätzung dieser Fächer hoffen! „Die Wage des Urtheils ist in der Hand der Zeit; sie, die sich langsam besinnt und dann schnell entscheidet, wird manche Gewichte ändern." * FEUILLETON Gstt ist die Liede. Novelle von O. Bach. (Fortsetzung.) „Weder das Eine noch das Andere," erwiederte Leonhard etwas von oben herab, „im Gegenthcil, — nach meiner Ueberzeugung etwas ebenso Vernünftiges wie Gutes, aber immerhin bedarf er Ihrer Verzeihung, und um diese für Josef zu erbitten, bin ich hierhergekommen. Hier" — er reichte ihm ein Schreiben hin, „lesen Sie, lesen Sie, was mir Josef mitgetheilt, und dann sagen Sie aus voller Seele: Gelobt sei Gott, — der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs." Frau Herzfeld war ganz dicht an ihren Mann, der sich die Brille aufgesetzt hatte, herangetreten, run den Brief ihres Sohnes mit lesen zu können; wurde es ihr auch nicht leicht, die deutsche Schrift zu entziffern, so blickte sie doch über die Schulter ihres Gatten, um wenigstens ein oder das andere Wort des Geschriebenen bald zu erfahren. Leonhard betrachtete aufmerksam das wechselvolle Miencnspiel des Lesenden: er kannte den unbeugsamen Sinn Herzfelds zu genau, um auf ein freundliches Entgegenkommen hoffen zu können, — aber auch der größte Starrsinn vermag gegen Thatsnchen nichts auszurichten. Er unterbrach deshalb mit keinem Laut die Stille, welche nach dem Lesen des Briefes eingetreten war. Mit einer zornigen Bewegung wollte Herzfeld das Schreiben seines Sohnes zusammenballen, aber Dr. Leonhard streckte befehlend seine Hand gegen ihn aus. „Der Brief Ihres Sohnes ist an mich gerichtet, folglich mein Eigenthum," meinte er ernst. „Ihr Zorn läßt Sie vergesten, was Sie mir und auch Ihrem Sohne, der das Gute will, schuldig sind. Josef hat, kein Verbrechen auf sich geladen, wenn er auch den von Ihnen erwählten Beruf aufgegeben hat und, seinem inneren Drange gehorchend, stndiren will. Jene Zeit, wo wir die Herren unserer Kinder waren und ihren Willen knechten durften, ist gottlob vorbei, mein lieber Herzfeld. Josef hat Kopf und Herz auf dem rechten Fleck; er war Ihnen bisher ein guter, gehorsamer Sohn, — laste» Sie ihn seinen eigenen Weg gehen; er wird sein Ziel erreichen und es Ihnen einst danken." „Josef hat nnr zu gehorchen, und ich werde ihn dazu zu zwingen wissen," klang es grollend über Herzfelds Lippen. „Weder habe ich die Mittel, einen Sohn stndiren, — noch die Lust, mich von meinen eigenen Kindern als Null betrachten zu lassen. Will er studiren, gut, ich kann's nicht hindern, aber auf meine Hilfe soll er nicht dabei rechnen. Ein ungehorsamer Sohn ist Gott feind, und an ihm wird es sich rächen, daß er mir die Schande angethan, aus der Lehre zu laufen, — mich als einen Wortbrüchigen hinzustellen. — Sie mit Ihren modernen Anschauungen," wandte er sich heftig gegen Leonhard, „Sie haben den Samen des Ungehorsams in das Herz meines Kindes gestreut, und auf Ihr Haupt falle es, wenn er mir, wenn er den frommen Satzungen unserer heiligen Religion untreu wird." Dr. Leonhard zuckte die Achseln; eine tiefe Verstimmmung malte sich in seinem sehr ernst gewordenen Antlitz; die Stimme hatte einen finstern, tiefen Klang, als er, nahe an Herzfeld herantretend, entgegnete: „Ihr, Ihr mit Eurem starren, unbeugsamen Willen, mit Eurem Festhalten an veralteten, unmöglich gewordenen Satzungen, tragt die Schuld, wenn wir unsere besten Stützen, die treuesten Anhänger verlieren. Unsere Zeit, unsere Heranwachsende Jugend verlangt Anderes, als jenes graue Alterthum, in welchem die Menschheit geistig noch in den Kinderschuhen steckte. Tragt den Verhältnissen Rechnung, damit man auch Euch und den heiligsten Meirschcnrechten Rechnung tragen muß. Vergeßt nicht, wie viel wir von unserm vorwärtsschreitenden Jahrhundert verlangen und folglich auch dafür Opfer bringen müssen. Wollen wir Juden bleiben, Streiter für die heilige Gottessache, — dann müssen wir vor allen Dingen versuchen, weise zu werden; dann dürfen wir »ns nicht mit unbeugsamer Härte an das Alte, Gewesene anklammern, sondern wir müssen auch gewisse Konzessionen machen, die es uns ermöglichen, inmitten der civilisirten, der uns geöffneten Welt, zu leben, zu arbeiten, zu streben." „Ich will nichts von dieser Welt wissen, — mag nicht iit ihr leben, nicht für sie streben," siel Herzfeld heftig ein, und das Zucken um seine Lippen verrieth die furchtbare innere Erregung. „Was wir gewesen sind von Jakobs Zeiten her, das sollen wir bleiben; jede Neuerung, jede Loslösung von dem Einst ist eine Versündigung gegen unfern Gott, welcher durch Mose zu uns gesprochen hat. — Nur der orthodoxe Jude ist wirklich Jude, und wehe uns, wenn wir rütteln am Hergebrachten: das Gebäude des Glaubens stürzt zusammen und begräbt uns unter seinen Trümmern."