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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-10 · Heft 15 (10.4.1891) · p. Seite 176

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 15 (10.4.1891)
Date
1891-04-10
Page
Seite 176 (sequence 8)
Language
German
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seines elterlichen Hauses war dies allerdings nicht möglich. Man muß nur lesen, wie die Angelegenheit der Verlobung der einzigen Tochter dort hehandelt wird. Und nachdem die Verlobung zur Freude Ferdinands aufgehoben' ist, singt er ein Lied nach der Melodie: „Alle, Alle, Rachel ist keine Kalle, Nossen ist kein Choffen" u. s. w. u. s. w. Manchesmal kommt dem alten Laffalle das Entsetzliche dieser Situation wohl zu Bewußtsein. So sagt er einmal zu seinem Sohn: „Ach! es ist ein trauriges Geschick, jeden Tag richten zu inüssen zwischen Frau und Tochter, Mutter und Kind. Mein Sohn/ sagte er, indem er mir die Hand gab und niit mir auf und ab ging, .mein Sohn, ohne Frömmler zu sein — das, weißt Du, bin ich nicht —, glaube mir, es ist das Beste, sich auf Gott verlassen, wie unferc heilige Schrift sagt: Uebergieb dem Herrn deine Wünsche, und er wird für dich sorgen. Siehe, ich habe traurige, traurige Jahre verlebt und danke noch Gott, daß er mir die Energie verlieh, nicht nachzugehen. Aber Du weißt nicht, wie unglücklich ich mich fühle." Am Sonnabend den 8. Februar hört Laffalle zum ersten Mal eine Predigt Abraham Geigers. Den mächtigen Eindruck, den dieser Mann auf ihn ausgeübt, schildert er am selben Abend in den folgenden Sätzen seines Tagebuchs: „Ich hatte trotz der Bitten meiner Mutter beschloffcn, heute zur Predigt zu gehen. Wir traten in das Gotteshaus. Eben hatte Geiger die Kanzel betreten, und nach einem kurzen Gebet für sich sprach er mit salbungsvolleni Ton: ,Herr, so wir einen Bau unternehmen, und Du segnest ihn nicht, was sollte es da für ein Bau werden!' rc. und setzte nun auseinander, daß dies wohl von jedem Bau gemeint sei, der in die äußere Erscheinung tritt, wie auch von jedem Ban, den wir in unserm Innern tragen. ,Jn eurem Innern sollt ihr dem Herrn Tempel bauen? Darauf kam er auf die Worte der Schrift: Das ist ein Tisch des Herrn. ,So ihr redlich euch euer Brod erworben, so könnt ihr sagen: das ist ein Tisch des Herrn. So aber an euren Speisen das Blut derer klebt, die ihr unterdrücket, in euren Getränken die Thränen der Wittwen und Waisen sind, die sich mit Recht über euch beklagen, wie wollet ihr dann hintreten vor den Herrn und ihm danken für das, das er euch gegeben, wenn ihr es seinen Geschöpfen entriffen habt!' Ich sah mich bei diesen Worten nach einigen Bekannten um. Er berührte darauf den Satz, daß die Gelehrten und Weisen nicht mit ihrem Wiffen prunken sollten. Sie sollten, wie es in der Schrift heißt, einen Deckel darüber schieben. .Aber doch sollt ihr, lieben Freunde, euer Wiffen äußerlich erkennen lassen, durch eure Thaten. Aus euren Thaten soll man urtheilen können und die Pracht eures Wiffens erkennen.' Unter Anderm warnte er vor Lebensüberdruß. .Oft scheint Manchen ein Höheres in diesem Leben nicht da zu sein, sie sehen Jenen sterben in Armuth und Jenen leben in Uebermuth und sprechen: Ach, es ist nichts Höheres im Leben. Aber, lieben Freunde, wenn die Sonne nicht strahlt, so ist es nicht, weil sie ihren Glanz verloren hat, sondern blos weil Wolken über der Erde ihre Strahlen auf einen Augenblick nicht durchdringen lassen.' Kurz, Geiger machte, obwohl diese seine Predigt lange nicht seine vorige erreicht, wie man sagt, einen großen Eindruck auf mich." Auch später rühmt er noch wiederholt Geigers Predigten, so am ' 19. Februar bei einer Hochzeit. „Geiger hielt eine sehr rührende Rede." Manchesmal erwacht auch das Gewissen in seiner Brust, und er macht sich selbst Vorwürfe darüber, daß er den Vater mit den Censuren — in Breslau „Conduiten" genannt — so oft betrogen. So schreibt er am 28. Februar: „Wirklich, wenn mein Vater über das Conduitenwefen die richtige Ansicht hätte, ich würde ihm die Conduiten zeigen, und wenn mich die härteste Strafe erwartete. Aber mein Vater würde sich wirklich zu sehr ärgern, es würde ihn auf Wochen angreifen, er würde sich Wunder was für Gedanken über meine Untauglichkeit machen und nie recht glauben, wenn ich ihm zuriefe: „Laß Dich nicht irren, des Pöbels Geschrei, Nicht den Jrrthum rasender Thoren." Am Sonnabend, den 7. März, besucht er wieder die Synagoge und Abends schreibt er, von ewigen Widersprüchen bewegt, in sein Tagebuch: „Die Predigt des Dr. Geiger war ausgezeichnet. Nachmittag ging ich zu Hesse: Hört! hört! Ich gab dreiundzwanzig Silbergroschen aus. Nein, ich schwöre hiermit bei Allem, was heilig, bei meiner Eltern Leben, vor dem ersten April kein Queue anzurühren." Einen mehr komischen Eindruck machen die Tagebuch-Notizen vom 19. und 20. März. Da heißt es: „Heute ist Purim. Ich habe mir schon längst einmal vorgenommen, zu schwänze», und that es heut." „Abends tlw ckansnnt bei uns und Souper für Dorchen Friedländer und Bräutigam. Ich amüsirte mich heut gar nicht und glaube, daß nur die Masken daran schuld waren. Es kamen hundertfünfzig auf einmal. Quel trouble! Alle, die zu uns kamen, amüsirten sich herrlich, nur ich nicht." Wie schwer es war. einen so frühreifen Geist in die richtigen Bahnen zu lenken, und wie wenig gerade Heymann Laffalle dafür befähigt war, möge zum Schluß die folgende Schilderung beweisen. „Und es kam. Heute früh fragte mich mein Vater nach der Conduite. Ich glaube, hätte man mir in diesem Augenblick alle Adern geschlagen, es wäre kein Blutstropfen geflossen. Vater fragte, ob ich, da die Ferien angegangen, noch keine Censur erhalten hätte. Ich verneinte. Mann bekommst Du die Conduite von Ostern V >Jch weiß nicht.' .Gut, ich schreibe an den Rektor. Der Mann wird mir Antwort geben. Ich wette, daß Du mich dabei belügst. Aber ich werde es herausbekommen.' Die Qualen, die ich hierbei ausstand, lassen sich nur fühlen. Eine solche Angst folterte mich, daß ich nicht wußte, wohin ich sollte. Aber wie seltsamer Kontrast sich in dem menschlichen Herzen beut! Ich, der ich ein Verbrechen begangen, meiner Eltern Hand nachgeahmt hatte und immer nothgedrungen in der Lüge gegen meinen Vater fortfuhr, ich betete andächtiger als je zu Gott, er möchte mir helfen, daß dies nicht herauskäme, es sollte dieser erste Betrug auch der letzte sein in meinem Leben. Und ich fühlte mich beruhigt, als ich gebetet hatte, als wenn ich im Ernst hätte glauben können, Gott erhöre auch dann unsere Bitten, wenn sie die Verheimlichung eines Betruges bezwecken. Aber ich fühlte mich über diesen Punkt beruhigt." Was liegt nicht Alles in diesen Worten: „Aber ich fühlte mich über diesen Punkt beruhigt": welche entsetzliche Perspektive eröffnen sie in das fernere Leben eines Menschen, der zu. fünfzehn Jahren so denkt und handelt? In der That, Lindau hat Recht, wenn er sagt, daß alle die Eigenthümlichkeiten, die Laffalle später zum gefürchteten Agitator gemacht haben: die durchdringende Schärfe des Verstandes, die vollkommene Rücksichtslosigkeit, der leidenschaftliche Haß gegen alle diejenigen, die ihm entgegenstehen, der feste Entschluß, da, wo Uebertretung nichts hilft, zur Gewalt zu greifen — schon in diesen intimen Aufzeichnungen einen erstaunlich charakteristischen Ausdruck finden. Und was für uns das Wichtigste: Wir lernen es begreifen, daß auf dem Wege dieser Entwickelung Laffalle aus einem begeisterten

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