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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-10 · Heft 15 (10.4.1891) · p. Seite 175

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 15 (10.4.1891)
Date
1891-04-10
Page
Seite 175 (sequence 7)
Language
German
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175 Hauses gehörte. Die Eltern besuchten an jedem Sabbath den Tempel, in dem Dr. Geiger predigte, und auch der junge Ferdinand begleitete die Eltern oft dahin. Die Geigerschen Predigten machten auf den jungen Mann einen tiefen Eindruck. Gleichwohl befindet er sich in einem ewigen Zwiespalt, in dem Zwiespalt seines Werdeprozesses, in welchem er beständig zwischen Pietät und Spott, zwischen Glauben und Verneinung, zwischen Elternliebe und Frivolität hin- und hcrgeworfen wird. Alle diese Empfindungen kommen in dem Tagebuch zum Ausdruck. So heißt es gleich im Anfang — am 1. Januar 1840 — daselbst: „Ich habe den Fehler, den Befehlen, die mir mein Vater giebt, nicht blindlings zu gehorchen, was wohl bester wäre, sondern erst über sie nachzudenken und mich zu befragen: warum befiehlt mir mein Vater dies? So bin ich also zu dem Resultat gekommen: mein Vater hat wohl nichts dagegen, wenn ich in einer müßigen Stunde eine Partie spiele, aber er verbot es mir gänzlich, damit es mir nicht — was bei meinem sanguinischen Temperament zu vermuthen war — zur Leidenschaft wurde. Früher übertrat ich das Verbot, weil mir das Spiel Leidenschaft war. Jetzt ist es mir aber nicht mehr Leidenschaft und kann es nie mehr werden, da außer der Liebe nie eine und dieselbe Leidenschaft zweimal das Herz eines Menschen zerreißt. Folglich kann ich spielen, ohne den Sinn des väterlichen Gebotes zu übertreten; denn ich halte viel auf jenen Ausspruch: Der Buchstabe tödtet, Der Geist macht lebendig. Wenn ich also bei jenem Verbot den Buchstaben übertrete, so übertrete ich doch nicht den Geist, den eigentlichen Sinn, das, was mein Vater bezwecken wollte. Ob ich hieran Unrecht thue oder nicht, weiß ich nicht. Doch genug hiervon." Diese Kasuistik verräth sicher einen reifen Geist, leider aber auch schon ein verdorbenes Gemüth. Noch viel schlimmer zeigt sich das in den unmittelbar folgenden Aufzeichnungen, die wir aus Rücksicht (Ulf unsere Leserinnen hier nicht wiedergeben wollen. Charakteristisch für die ganze Erziehungsmethode des Hauses sind die zwei kleinen Sätze, die er am 4. und 8. Januar einzeichnet: „Ich konnte meiner Krankheit wegen nicht die Rede des Doktor Geiger anhören. Ueberhaupt fiel die ganzen Tage meiner Krankheit nichts Bedeutendes vor, als daß ich erkannte, daß meine guten, guten Eltern mich lieben, immerfort Ecartö spielte und mir meine Mutter einen Dukaten zum Verbrauch schenkte." „Daß doch meine Mutter, die sonst so gut ist, die Untugend nicht ablegt, zu keifen und zu zanken. Sie macht damit meinen geliebten Vater und sich selbst unglücklich. Wegen eines Stückchen Bandes kann sie sich zanken. O lieber Gott, gieb doch, daß endlich Ruhe bei uns einkehre, Ruhe und Frieden!" Da ist es denn mehr als begreiflich, wenn das Gemüth des frühreifen Knaben verwildert. Ehrlichkeit ist überhaupt nicht seine Sache. Er liest mit einem Schulknaben zusammen in der Leihbibliothek von Kern Romane. Weil sie einen Roman von Henriette Paalzow langer behalten, verlangt der Leihbibliothekar vier Groschen mehr — und der Knabe schreibt in sein Tagebuch: „Isidor hat mir gesagt, daß Kern noch vier Groschen fordere, weil ich „St. Roche" so lange behalte, und B. hat den ersten Band gelesen. Auf jeden Fall preßte ich B. die vier Groschen ab. Kern wird aber wahrscheinlich einen Stupp in die Zähne bekommen, statt vier Groschen." Dieser Zug von Unehrlichkeit tritt oft in erschreckender Weise hervor. So heißt es am 14. Januar: „Ich ließ mir fünf Silbergroschen für den Pedell geben, gab diesem jedoch blos zweieinhalb Silbergrvschen. Ich weiß nicht, wie es kommt, ich spiele alle Sonnabende Billard, was mir mein Vater doch so streng verboten, unterschreibe mir meine Conduiten, was doch ebenfalls unrecht ist, und liebe meinen Vater doch bis zur Ekstase, wie ein Kind nur lieben kann. Ich würde freudig mein Leben hingeben, wenn ich ihm nützen könnte, und doch . . . Aber das kommt von meinem Leichtsinn . . . Im Grunde des Herzens bin ich gut . . ." Mit Vorliebe betrügt Ferdinand den Vater hinsichtlich der Censuren in der Schule. So heißt es am 18. Januar: „Um 12 Uhr kam der Vater nach Hause und sagte: .Weißt Du, mein Sohn, ich glaube jetzt selbst, daß es wahr ist, daß Du, wie Du sagst, diesmal keine Censur erhalten hast. Ich habe soeben gehört, daß unser Oberrabbiner Tictin den Dr. Schönborn verklagt hat, er zwinge die Schüler mosaischen Glaubens, Sonnabends zu schreiben?" Der alte Heymann LassalleUst selbst noch fromm, aber er ist zu schwach, vor Allem Ferdinand gegenüber, in dem doch ein sehr guter Kern steckte. So lesen wir am 1. Februar: „Vater wollte, ich solle um zehn Uhr nach Hause kommen, um die Predigt Geigers hören zu können. Ich aber verschob es auf über acht Tage, weil wir da Privatlektüre haben." „Nach Hause gekommen, hörte ich, daß die Predigt ganz außerordentlich gewesen sein soll. Es that mir ungemein leid, ihn nicht gehört zu haben, und ich habe beschlossen, bei keiner Predigt zu fehlen." Ferdinand hat aber bei aller Frivolität der Gesinnung ein weiches Herz, ein tiefes Mitgefühl und ein starkes religiöses Empfinden. Von besonderem Interesse ist nach dieser Richtung hin die folgende Stelle vom 2. Februar: „Heute soll Barschall begraben werden. Um achteinhalb ging ich mit Mutter hin zu der unglücklichen Wittwe. Sie saß still weinend auf dem Sopha. Sehr rührte mich der Anblick Wilhelms, der, die Größe seines Verlustes halb ahnend, sich das Kadisch lernte. Wir gingen in die andere Stube. Hier war die Leiche des so früh gestorbenen Mannes. Die Kondolirenden sprachen in einzelnen Gruppen von diesem traurigen Todesfall. Da führte der Lehrer Wilhelm an die Seite seines Vaters. .Hier siehst Du/ sagte er leise zu dem weinenden Knaben, .Deinen Vater. Du siehst ihn hier nicht wieder. Versprich mir an dieser Stelle, Deiner Mutter, die nun auch Dein Vater ist, immer ein guter Sohn zu sein und in Allem Folge zu leisten? Und der kleine Wilhelm schlug treuherzig in die ihm dargereichte Hand. Mir gingen die Augen über. Ich wendete mich ab." „Unterwegs unterhielt ich mich mit Bloch. Er wollte sich ein Air geben und nannte sich einen Atheisten. Als er aber sah, daß ich ganz anderer Meinung war, so sattelte er auch um. Wir sprachen viel von Seelenwanderung, von Geiger und dem Judenthum, und er wunderte sich, daß ich mich so des jüdischen Glaubens annehme. Der Esel! Als wenn man nicht treife essen und doch ein guter Jude sein könnte. Ich sagte ihm dies, und in der That, ich glaube, ich bin einer der besten Juden, die es giebt, ohne auf das Cerenwnialgesetz zu achten. Ich könnte wie jener Jude in Bulwers „Leila" mein Leben tvagen, die Juden aus ihrer jetzigen drückenden Lage zu reißen. Ich würde selbst das Schaffot nicht scheuen, könnte ich sie wieder zu einem geachteten Volk machen. O, wenn ich meinen kindischen Träumen nachhänge, so ist es immer meine Lieblingsidee, an der Spitze der Juden, mit den Waffen in der Hand, sie selbständig zu machen." Was hätte, so fragen wir wohl mit Recht, aus diesem Knaben werden können, wenn seine Anlagen in richtiger, zielbewußter Erziehung geweckt und entwickelt worden wären? In der Umgebung

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