Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1891)
- Date
- 1891-04-10
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber nicht die Juden, die Anderen waren es, die den Leib ihres Heilands durchstachen, wenn sie seinem Fleisch und Bein, den Kindern seines Stammes das Blut abzapften. Schleiden hat in doppelter Richtung an sich erfahren, was die jüdische Wiffenschaft dieses Jahrhunderts ermittelt und beschrieben hat. Es hat ihn mit der gleichen Bewunderung erfüllt, hier verzeichnet zu sehen, einmal, was die Juden geleistet, dann aber auch, was sie gelitten haben. Das Leisten und Leiden der Juden im Mittelalter, das war aber auch die hauptsächlichste Aufgabe, welche die ncuerblühende Wiffenschaft des Judenthums zu lösen hatte. Dieses Leisten und Leiden steht aber für Gefühl und Gedanken in einem engeren Zusammenhang, als cs auf den ersten Blick wohl scheinen möchte. Wenn es auf der einen Seite Bewunderung erregt, wie ein Volk unter Thränen und Seufzern, keinen Augenblick seines Lebens und seiner Ruhe sicher, gehetzt und gepeinigt, dem Geiste leben und ein Schriftthum erzeugen konnte, aus dem seine Henker sich gestärkt haben, in dem nicht Rache und Blutdurst, sondern Milde und Weichheit die Feder führen, wie in Macht und Unterdrückung so viel Licht und Erhebung sich entbinden konnte, so treibt es auf der anderen Seite die Zornesader auf die Stirn, wenn man bedenkt, was dieser hochbegabte Stamm für die Menschheit hätte leisten können, wenn sie nicht freventlich dieses Hilfsheeres sich beraubt hätte, wie das Mittelalter hätte abgekürzt, die Kultur beflügelt werden können, wenn man die geborenen Lichtträger nicht unter den Scheffel gedrückt hätte. Die Thaten wachsen und steigen, der Druck wird noch verächtlicher und empörender, wenn man Leiden und Leisten der Juden im Zusammenhänge betrachtet. Aber der Beruf der Wiffenschaft ist es, zu versöhnen und zu beruhigen, wie schon Grätz erklärt hat, daß die Geschichte bei den Jammerszenen nicht verweile, „um den Enkeln der gehetzten Schlachtopfer einen Stachel in die Brust;tt senken und die Rachegeister wachzurufen, sondern um für die Duldergröße dieses Volkes Bewunderung zu erwecken und die Thatsache zu bezeugen, daß es, wie sein Urahn, mit Göttern und Menschen kämpfte und Sieger blieb." Es ist um der Verständigung und Versöhnung unter den Staatsbürgern dringend zu wünschen, daß die Unwiffenheit in jüdischen Dingen endlich so verächtlich werde wie jede andere Rohheit, daß man Aufklärung über Juden und Judenthum an den Quellen suche, welche die neuere Forschung gegraben hat, und nicht in den versumpften Pfützen veralteter Scharteken, die der Moder von Jahrhunderten deckt. Es ist nur Billigkeit, wenn gefordert wird, daß das lebendige Wort des Lehrers in den Schulen der Jugend auch ein Volk erwähne, gegen das sie im Hause und auf der Straße nur Haß und Vorurtheile auflesen kann, daß unter den Fächern, für die eine Lehrkanzel errichtet wird, die Litteratur und Geschichte der Juden nicht minder eine Stelle finde, als die der Isländer und Japanesen. Aus der Wissenschaft werden die geläuterten Begriffe in die Litteratur einmünden und von da mit dem Strom des Lebens zum Volke geführt werden, dem humane Gesinnung und Duldsamkeit vor Allem Roth thun, wenn Kultur und Gesittung wachsen und währen soll. Aus den Gelehrten zu den Gebildeten, aus den Gebildeten zu den Maffen, das ist der große Kreislauf, den die menschliche Entwickelungsgeschichte lehrt. Die Juden sind nicht verwöhnt: wenn sie Eines lernen konnten, so ist cs das Warten. Sie haben die Anerkennung ihrer Menschenrechte in Geduld erwartet, sie werden auch die Anerkennung ihrer Wissenschaft erwarten. Und wenn selbst dann noch oer Judenhaß wuchern sollte, so wird die Segnung dieser Anerkennung darum nicht minder erkennbar sein. Man kann auf die Abschaffung der Gewitter nicht antragen, aber der Blitzableiter bleibt darum doch ein schätzbares Amendement. Und so schließe ich mit dem Worte des Mannes, der für diese Wissenschaft gewirkt und gekämpft hat und dereinst mit ihr siegen wird, mit den Worten Zunzens: „Der Gedanke ist mächtig genug, ohne Anmaßung und Unrecht über die Anmaßung und das Unrecht zu siegen." 9 Ferdinand Faffalle s Tagebuch. Wir haben bereits in voriger Nummer die Stellung charakterisirt, welche Ferd. Lassalle zum Judenthum eingenommen hat. Um dieselbe zu erklären, muß man auf sein Leben, auf die Eindrücke der Jugend und auf seine Erziehung zurückgehen. Von besonderem Jntereffe ist in dieser Beziehung sein Tagebuch aus den Gymnasialjahren in Breslau (1840—1841), das Paul Lindau soeben im Aprilheft der vortrefflichen Monatsschrift „Nord und Süd" (Breslau, Schlesische Verlagsanstalt) herausgegeben hat. Lindau hat Recht, wenn er in der Einleitung zu diesem Tagebuch sagt: So bedenklich es sei, „in unseren Tagen des geschmacklosen und wüsten Antisemitismus" bei der objektiven Schilderung einer Persönlichkeit das Konfessionelle hervorzuhebcn, so müsse man in diesem Falle doch sagen: „Nur aus der Mitte des provinziellen Judenthums heraus, so wie es Laffalle schildert, und so. wie es unbewußt zu Dutzenden von Malen zum Durchbruch kommt, ist dieser Ferdinand Laffalle vollkommen zu begreifen." Das unterschreiben wir gern. Lindau hat aber nicht Recht, wenn er daraus die Konsequenz zieht: „Und wir haben das bestimmte Gefühl: So muß es, genau so, in den wohlhabenden Breslauer Kaufmannsfamilien zu jener Zeit ausgesehen haben." Nein, lieber Freund, dieses Gefühl ist kein richtiges — uiib so hat es weder zu jener Zeit, noch zu einer andern in den wohlhabenden Breslauer Kaufmannsfamilien ausgesehen. Die Männer, die die Frauen roh behandeln, die Väter, die die Kinder schlecht erziehen, die Söhne, die ihre Eltern betrügen, — das Alles kommt ja vor, in Breslau so gut wie in Chicago oder in Irkutsk; aber ein Spezifikum der „wohlhabenden Breslauer Kaufmannsfamilien zu jener Zeit" und gerade in jenem Kreise, aus dem Laffalle hervorgegangen, ist das Alles keineswegs. Im Eegentheil: in jenen Kreisen ist die eheliche Treue, die sorgsame Kindererziehung, die rührende Familienpietät und innige Elternliebe an der Tagesordnung — und das Andere, wie wir es aus Lassalle's Tagebuch kennen lernen, die seltene Ausnahme. Aber gerade darum erscheint uns dieses Tagebuch besonders für unsere modernen Juden so überaus lehrreich, daß wir die Lektüre deffelben nicht genug eindringlich empfehlen können. Wir empfangen hier das Bild eines frühreifen, heißblütigen, mit vielen Vorzügen, aber auch mit noch viel mehr Unarten und Fehlern behafteten, in Allem aber schon die große Genialität verrathenden Knaben. Wie viel von diesen Fehlern und Vorzügen Erbe seiner jüdischen Abstammung ist, das zu erklären, möge den antisemitischen Psychologen überlasten bleiben. Für uns hat natürlich an dieser Stelle nur dasjenige Interesse, was in diesem Tagebuch unmittelbaren Bezug zum Judenthum hat. Es war eine eigenthümliche Bewegung unter den Juden in Breslau, als der fünfzehnjährige Laffalle die Ereigniffe seines Schülerlebens sich an jedem Abend aufnotirte. Die jüdische Gemeinde Breslaus war zu jener Zeit in zwei Lager gespalten. An der Spitze des einen stand der orthodoxe, die rituellen Formen mit Strenge aufrecht erhaltende Oberrabbiner Tictin. Diesem gegenüber wurde von den Freisinnigen der kluge, gelehrte und des Wortes in hohem Grade mächtige Rabbiner Dr. Geiger angestellt, der zu den intimsten Freunden des Lassalle'schen