Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1891)
- Date
- 1891-04-10
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wissenschaft des Iudenthmns. Bon Prof. Dr. David Kaufmann. . (Schluß.) Im Oktober und November 1876 brachten „Wcstermanns Monatshefte" aus der Feder Schleidens eine Abhandlung unter der Ueberschrift: „Die Bedeutung der Inden für Erhaltung und Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalter." Die Arbeit erregte ein so allgemeines Aufsehen, daß die Mehrzahl der großen öffentlichen Blätter in Deutschland Auszüge und größere Stücke daraus mittheilte und der deutsch-israelitische Gemeindebund, damals in Leipzig, zu Anfang des Jahres 1877 sich veranlaßt sah, einen Sonderabdruck zu veranstalten, der seitdem in drei Auflagen Verbreitung fand. Im selben Jahre erschien auch die französische Uebersetzung, welche die israelitische Allianz zu Paris davon anfertigen ließ. Hier war von einem weltbekannten christlichen Gelehrten und Entdecker öffentlich in der Sprache biederer Mannhaftigkeit das Geständniß abgelegt, daß seine bis zur Kammhöhe des Lebens gesammelte Bildung keine Kenntniß davon erworben hatte, daß an der Entwicklung der Menschheit im Mittelalter auch die Juden, und zwar ganz unverhültnißmäßig bedeutend, Theil genommen haben. Erst seine eigenen Studien über die Geschichte der Botanik ließen ihn mit Erstaunen die Wahrnehmung machen, daß man keine Disziplin des menschlichen Geistes zu ihren Anfängen begleiten könne, ohne auf hervorragende Verdienste jüdischer Hilfskräfte dabei zu stoßen. Beschämt und erzürnt über die Einseitigkeit und. Lieblosigkeit unserer Geschichtsbücher, beschloß er, die Lücke, die er darin bemerkt hatte, vorerst zu seiner eigenen Belehrung auszufüllen. Es reizte den gefühlstiefen Mann, der Geistesgeschichte eines Volkes nachzugehen, für deffen Verdienste unsere Jugendbildner blind sind, und das nur dann in der Litteratur des Tages eine Stelle findet, wenn es gilt, Fratzen und Zerrbilder zur ergötzlichen Aufführung zu bringen. Mit wachsender Bewunderung vertiefte er sich in die Darstellungen der jüdischen Forscher, er hatte das Gefühl, als entdeckte er unbekannte Gegenden voll Schönheit und Fruchtbarkeit. Ja, es erging ihm sogar, wie es jedem Entdecker zu gehen pflegt, die Aufregung über das Gefundene erzeugt Hast und Ungestüm das zunehmende Erstaunen stumpfte die kritische Schärfe ab. Es drängte ihn, der Lesewelt zu eröffnen, was er gefunden. Netzende Kritik wird das Bild nicht ganz getreu finden, größere Ruhe in der Auffaffung wurde oft einen zu starken Lichteffekt gedämpft haben, wie denn überhaupt eine größere Berücksichtigung von Zunzens und Steinschneiders 'Schriften Einzelnes verschärft, Anderes berichtigt haben würde. Aber es bleibt ein herrliches Lichtbild von der Geistesarbeit eines Stammes, dessen Leistungen arg vernachlässigt und fast völlig unbekannt geblieben waren, ein werthvolles Zeugniß, wie die Beschäftigung und die Bekanntschaft mit den Bestrebungen der Juden im Mittelalter gewinnend auf ein unbefangenes Christengemüth wirken, und wie es im Jntereffe der zunehmenden Versöhnung unter den Menschen schmerzlich zu beklagen ist, daß der Antheil der Juden an der Kultur in unseren Bildungsquellen wisientlich verschwiegen wird. Im Vorworte zum Sonderabdruck dieser Abhandlung kündigte Schleiden eine neue an, die er davon abhängig machte, ob seine Kraft noch dazu ausreichen werde. Sie hat ausgereicht; die Arbeit ist in Westermanns Monatsheften (April und Mai 1878) erschienen und trägt die stolze Ueberschrift: Die Romantik des Martyriums bei den Juden im Mittelalter. Wenn den Christen nur gerathen werden kann, diese Darstellung zu lesen, so muß es den Juden geradezu zur Pflicht gemacht werden, sie unter allen denen zu verbreiten, die für gebildete Sprache Verständiriß haben. In dem Tempel der Humanität wird dereinst, wo die Standbilder Mirabeaus und Lessings, wo Dohm und Josef Eötvös stehen, auch Schleidens Denkmal nicht fehlen. Wohl gilt es heute nicht mehr, um die Emanzipation zu kämpfen, aber mehr noch als äußere Befreiung wiegt die Zerstörung der Keime, aus denen die Giftpflanzen des Haffes und der Verfolgungssucht emporwuchern. „Wenn jetzt die Juden von so manchem Christen mit Widerwillen angesehen werden, so muß der Christ nie vergessen, wer die Schuld an ihrem heruntergekommenen Zustande trägt. Der Christ steht gegenwärtig dem Judenthum gegenüber wie ein Mann der Asche und den rauchenden Trümmern eines herrlichen Tempels, den er selbst in Brand gesteckt." Worte wie diese legen ein Samenkorn reiner Menschenliebe in ein empfängliches Herz und ehren den Urheber, wenn längst nichts von ihm übrig ist. Sie erhalten aber ihre wahre Kraft erst durch die Schilderungen, die ihnen vorangegangen sind, und wirken um so unmittelbarer, als die vorausgeschickte Auseinandersetzung den fühlenden Leser längst auf den gleichen Gedanken gebracht hat. Es geht auch hier, wieder wie mit der vorigen Arbeit. Die Thatsachen sind nicht neu und dennoch waren sie unbekannt. Zunz hat in dem Kapitel: Leiden, das seine synagogale Poesie des Mittelalters eigentlich einleitet, das Wunderwerk eines Martyrologiums geleistet, indem er aus allen Ecken und Enden der Litteratur die Stifte zusammengetragen, um ein Bild von Israels Dulderthum zu entwerfen. Vom elften bis zur Mitte des sechzehnten Jahrhunderts giebt es fast kein Jahr, für das er nicht eine entsetzliche an Juden verübte Schandthat aufgefünden hätte. Ein Hinweis auf diese Leistung hätte Schleidens Arbeit nur vervollständigt. Aber Zunzens Werk gehört eben der jüdischen Litteratur an, die mit dem Fluche der Nichtbeachtung behaftet ist; es konnte darum keine Wirkung thun. Was aber die Bekanntschaft mit jener Leidensgeschichte in vorurtheilslosen Gemüthern zu schaffen im Stande ist, das bezeugt Schleidens Arbeit in jeder Zeile. Man hört es recht eigentlich, wie ihm das Herz gepocht hat, man sieht es, wie ihm die Zornesader schwoll, da er die Ruchlosigkeiten vernahm und aufzeichnetc, denen gegenüber „die Christen ihr so vortrefflich schlechtes Gedächtniß für ihre eigenen Sünden" bekunden, daß man sie „int allgemeinen historischen Unterricht kaum erwähnen hört". Noch wilder als über die Greuel selber flammt sein Zorn über die verlogenen und empörenden Anklagen auf, mit denen man diese rechtfertigte, freilich stets '„mit bleibender Begleitung von Angebern, Gläubigern, Mönchen", wie Zunz mit treffender Kürze sagt. Die Widerlegung dieser Lügen ist tausendmal versucht worden, und doch sind Schleidens Ausführungen dagegen von bleibendem Werth. Bedenkt man, daß im Jahre des Heils 1878 verschiedene Staatsanwälte keine Veranlassung zum Einschreiten darin fanden, wenn ein Giftdlatt die Behauptung aufwärmte, daß die Juden Christenblut zu ihren Ostern brauchen, und im einigen Deutschland ein Bürgermeister sich nicht entblödete, ob solch einer wahnwitzigen Beschuldigung eine Untersuchung anzuordnen, so wird man den Nutzen solcher Widerlegungen kaum hoch genug anschlagen können. Mancher wird über dieses Vorurtheil wie über eine überwundene Kinderei die Nase rümpfen, dabei aber fest davon durchdrungen seit, daß es den Juden wirklich geboten ist, die Christen auszuwuchern. Ist es aber ein weniger blutsaugender Aberglaube, an die Privilegirung einer Schändlichkeit zu glauben, als es der Wahn von den geschlachteten Christenknäblein gewesen ist? Eine jener Anklagen ist mir immer typisch für die ganze Gattung erschienen. Wenn die Juden Hostien stahlen, s o fabelte der Aberwitz, da floß Blut; es war der geschändete Leib des Erlösers. Es floß immer Blut, nicht blos bei den Hostien, wenn den Juden etwas zur Last gelegt wurde.