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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-04-10 · Heft 15 (10.4.1891) · p. Seite 172

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 15 (10.4.1891)
Date
1891-04-10
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
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schrift: „Das Reich der Unwahrscheinlichkeit" erschien und berechtigtes Aufsehen erregte. Der Verfasser, ein hervorragender Gelehrter und Parlamentarier, beschäftigte sich in diesem Artikel damit, mit einem Sarkasmus, dessen nach den: bekannten Worte von Horaz nur das von Bitterkeit erfüllte Gemüth fähig ist, darzuthun, was sich in dem bezeichneten Reiche Alles vollzogen hat, das nach allen Gesetzen der Logik und des gesunden Menschenverstandes als unwahrscheinlich erscheinen muß. An diesen Artikel werde ich unwillkürlich erinnert, wenn ich mir vor Augen halte, welche Unbegreiflichkeiten in dem Gehaben unserer dermaligen kommunalen Verwaltung begreiflich geworden sind. Insofern möchte ich unsere Gemeinde „die Gemeinde der Unbegreiflichkeit" nennen. Leider Gottes leben wir überhaupt in einer Zeit der Unbegreiflichkeiten. um nicht zu sagen: Ungeheuerlichkeiten. Unverkennbar trat dies bei den Wahlen zu Tage. Ob Reichsraths-, Landtags-, Gemeinderaths-, oder Gemeindevorstandswahlen — immer dieselbe Wahrnehmung. Den Befähigungsnachweis für ein Mandat in diese Vertretungskörper glaubt Jeder, wie der Soldat den Marschallstab in der Patronentasche. zu besitzen. Und merkwürdigerweise wird er durch das Wahlergebniß selten desavonirt! Viel,, sehr viel mag auf Rechnung der Apathie zu stellen sein, welche in Folge der Misere der Erwerbsverhältniffe sich so Vieler bemeistert hat und sie gleichgiltig macht für das öffentliche Leben überhaupt und desien Forderungen insbesondere. In gleichem Maße mag diese Unzufriedenheit mit den dermaligen Verhältniffen einen großen Theil der Wählerschaft leichtgläubig machen, um in dem ersten besten Marktschreier den Messias zu erblicken, der ihm die Erlösung bringt. Auch mag „die Hetz'", wie hier zu Lande die Skandalsucht euphemistisch genannt wird, ihr Theil dazu beitragen. Entschieden aber dient dieser Erscheinung der Umstand zum Motive, daß Machenschaften und Cliquewesen dazu geführt haben, daß nicht immer die Berufenen es waren, welche das Kontingent der mit Mandaten Versehenen bildeten. Wie mancher „Peter Zapfel", um den durch den gewesenen Handelsminister zur Klassizität gelangten Namen zu gebrauchen, wurde in solche Vertretungskörper eingeschmuggelt, was nur dazu diente, um einen zweiten Peter Zapfel und so in iollnitum die Frage auf die Lippen zu drücken: „Bin ich denn nicht aus demselben Holz geschnitzt, wie A., warum sollte ich denn nicht daran kommen?" Dieser „Peter Zapfel" steht aber dem Gros der Wählerschaft näher und erringt in Folge dessen um so leichter deffen Sympathien. Die Gilde der „Peter Zapfel" wächst in dem Maße, als der Nimbus der durch Intelligenz und Stellung zur öffentlichen Thätigkeit eigentlich Berufene», man kann nicht sagen, ohne Verschulden, schwindet. Auch unter den Juden schießen die Peter Zapfel wie Pilze auf! An und für sich zur Ueberhebung und Ueberschätzung des eigenen Werthes, geneigt, halten sie jetzt ihre Zeit für gekommen, weil sie neben und um sich ihre gleichwerthigen Charafterbrüder in den Vordergrund sich drängen sehen. Hierin liegt aber die nicht zu überhörende Aufforderung, nicht blos mit der einen Hand zum Schwert zu greifen, um die von außen auf uns anstürmenden Feinde abzuwehren, sondern auch mit der andern Hand werkthätig an der Restaurirung des altehrwürdigen Baues unseres väterlichen Glaubens sich zu betheiligcn. Dieser monumentale, Jahrtausende alte Bau weist Risse a«f, die ausgebessert werden müffen, wenn sie nicht an das ganze Gebäude bedrohendem Umfange, zunehmen sollen. Wie anders könnte dies geschehen, als durch die Pflege der Wiffenschaft des Judenthums. Der Vorstand des Beth-hamidrasch-Vereins, an deffen Spitze Herr Dr. Jellinek steht, strebt daher seit Jahren, eine solche Pflegestätte ins Leben zu rufen, die gleichzeitig dazu dienen soll, Rabbiner und Religionslehrer heranzubilden. Dank der Hochherzigkeit des Mitgliedes des Vereinsvorstaudcs, Herrn Wilhelm R. v. Gutm a n n, und seines Bruders David, nähert sich dieses Streben seiner Ausführung. Diese Herren haben sich bereit erklärt, eine solche Anstalt reichlich zu dotiren. Es mag auch nicht unerwähnt bleiben, daß, wie mir mitgetheilt wird, hierbei das Hauptverdienst dem Vorsteher des Beth-hamidrasch, Herrn Emanuel Baumgarten, zufällt. Mit seltener Beharrlichkeit und unausgesetztem Streben soll derselbe Alles veranlaßt haben, was zu dem gegenwärtigen Stande der Angelegenheit führte. Hoffentlich wird es mir bald gelingen, Plan und Organisation dieses Institutes kennen zu lernen, in welchem Falle ich nicht zögern werde, Ihnen hierüber zu berichten. Mit großer Befriedigung muß auch in dieser Richtung die Nachricht von der endlichen Verwirklichung der Baron Hirsch'schen Stiftung entgegengenommen werden. Wirksamer kann kaum den judenfeindlichen Bestrebungen entgegengearbeitet werden, als wenn der Strom der Civilisation überall hingeleitet wird, wo durch Lebensverhältniffe und bornirte religiöse Anschauungen in der jüdischen Jugend jeder Kulturkeim zurückgedrängt ist. Die Realisirung dieser Stiftung hatte manche Schwierigkeiten zu überwinden. Von einer Seite wurde sie als ein Produkt der Freimaurerei bezeichnet, welche bekanntlich im diesseitigen-Oesterreich verpönt ist; im Interesse der Stiftung selbst mußten manche Bestimmungen eliminirt werden, welche in dem ursprünglichen Statut enthalten waren. Von polizeilicher Seite wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den Schwerpunkt der Vermögensadministration nach Galizien zu verlegen. Nunmehr sind diese Unebenheiten geglättet. Wir werden also bald das Kuratorium bei der Arbeit sehen. Ob wir hoffen oder fürchten sollen, ist schwer zu sagen. Viele der jüdischen Mitglieder des Kuratoriums sind vollständig unbekannte Größen. Den von der Regierung ernannten vier Mitgliedern geht das beste Renommee voran. Sie zeichnen sich ebenso durch Tüchtigkeit und Routine, wie durch Wohlwollen und Hingebung aus. Die Erwähnung des Beth - hamidrasch ruft in mir die schmerzliche Erinnerung an den uns und der Wissenschaft des Judenthums so jäh entriffenen Dr. Nehemias Brüll wach. Kaum minder erschütternd wie an der Stätte seiner rabbinischen und wiffenschaftlichen Thätigkeit wirkte hier die Schreckensbotschaft von seinem Ableben. Wenn der Weise Griechenlands den Lehrer als den geistigen Geburtshelfer bezeichnet, so kann Wien als die Geburtsstätte Brülls gelten. Neben seinen philosophischen Studien trieb er hier die rabbinischen unter der Leitung des vortrefflichen gelehrten Leftors I. H. Weiß. Nicht eingeengt in die Zwangsjacke pastoraler Klugheitsregeln, entwickelte sich sein Geist frei, frisch und gesund, nicht angekränkelt von der Sucht, zu herrschen, nicht den Hinterweg der Agitation suchend, um zu seinem ehrgeizigen Ziele zu gelangen. Sein Amt ideal auffaffend, hielt er sich von Allem fern, was den Schmutz niedrigen Eigennutzes und erniedrigender Geldgier an sich trägt; aus dem Vollen und aus direkten Quellen schöpfend, verschmähte er es, seine schriftstellerischen Arbeiten mit dem Flitterglanz erborgter Citate zu umgeben. Nach außen hin bescheiden und anspruchslos, fand er seine Befriedigung in der Einsamkeit seiner Studirstube; .seine Deduktionen aus dem frischen, klaren Born des rabbinischen Schriftthumes holend, war ihm nichts so verhaßt, als jene Orthodoxie, für welche kein anderes Argument anzuführen unternommen wird, als: „Du alt Gefäß, du stehst nur hier, weil mein Vater dich brauchte." So war Nehemias Brüll; er ruhe in Frieden! U

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