Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1891)
- Date
- 1891-04-10
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
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171 Dichtigkeit steht, d. h. in denen die produktive Bodenfläche ungeheuer groß, die Bevölkerung ober dünn ist. Preußen hat z. B. 69 Millionen Morgen Acker- und Gartenland, 25 Millionen Morgen Wiesen- und Weideland und 32 Millionen Morgen Waldland und vermag trotzdem nur 1172 Millionen Personen als Ackerbauer zu ernähren unter Mithilfe des Viehzuchtbetriebes. Preußen hat eine landwirthschaftlich bebaute Fläche von nahezu 1900 üMeilen bei einem Gesammt-Areal von 6401 QMeilen und hat trotzdem 4'/2 Millionen bei dem Ackerbau selbstthätige Personen. Betrachten wir ferner die eigentliche Ackerbaukolonie Europas, das europäische Rußland. Es hat 18,400 lä Meilen Acker- und Gartenland. 37,000^Meilen Waldland, 20,000 ^Meilen Wiese und Wiesenland. Die landwirthschaftlich bebaute Fläche beträgt 38,800 ÜlMeilen. Landbewohner giebt es 637- Millionen. Die Bevölkerung pro Quadratmeile beträgt 1836 Köpfe. Der Viehbestand Rußlands setzt sich zusammen aus 16 Millionen Pferden, 23 Millionen Hornvieh 47 Millionen Schafen, 10 Millionen Schweinen. Da nun die Forstwirthschaft und Holzschlag ebenfalls einen wichtigen Erwerbszweig für die Landbewohner abgeben, so kommen kaum eine Million Köpfe auf 1000 Meilen, mithin kaum 1000 Köpfe auf eine Q Meile. Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse in der größten Ackerbau-Kolonie in den Vereinigten Staaten; denn die produktive Bodenfläche vermag eine siebenmal so große als die-heutige ist zu ernähren. Aus diesen Zahlen-Angaben gewinnt der Leser eine ungefähre Vorstellung von den immensen Geldsummen, welche die Anlage von Ackerban-Kolonien im großen Maßstabe erfordern. Wollte man die fünf Millionen russischer Juden in einer Ackerbau-Kolonie unterbringen, in der Weise, daß 3,000,000 vom Landbau sich ernähren und 2,000,000 Köpfe von Handel, Gewerbe rc., so brauchte man eine Bodenfläche von 3000 QMeilen, einen Viehbestand im Werthe von 200 Millionen Mark. Der landwirthschaftliche Betrieb erfordert einmal unter allen Erwerbszweigen mit das größte Betriebskapital, und aus diesem Grunde können Ackerbau-Kolonien im engeren Sinne in der Regel künstlich überhaupt nicht ins Leben gerufen werden, sie sind allemal ein Produkt der natürlichen Entwickelung der Verhültniffe eines Landes. Will man durch die Gründung von Kolonien den russischen Juden ein Heim schaffen und für alle verfolgten und bedrängten Israeliten aller Länder ein für alle Mal ein Asyl gründen, so muß die Ausführung im größten Maßstabe erfolgen/ und da ja die Handel und Gewerbe treibendey russischen Juden die Hauptmasse der Bevölkerung für jene Kolonie bilden sollen, so kann selbstverständlich nur eine Ackerbau-Kolonie im weiteren Sinne gegründet werden, welche nach Mög lichkeit die für ihre Kolonisten erforderlichen Brodfrüchte produzirt, im Uebrigen aber hauptsächlich ein Handels-Gewerbe-Jndustrieland ist. Das Bauen von Luftschlössern auf kolonialem Gebiete rächt sich schwer, dafür lassen sich zahlreiche Beweise anführen. Genau dasselbe Schicksal würde eine jüdische Ackerban-Kolonie im engeren Sinne haben. Die Kolonisten würden, sobald sie sich wirthschaftlich etwas erholt hätten, zu ihren alten, seit Jahrtausenden geübten Berufen zurückkehren, indem sie Haus und Hof verkauften und gn die angrenzenden Länder auswanderten, der größere Theil würde verarmt in die alte Heimath zurückkehren. Warum will man die russischen Israeliten zn ihnen gänzlich fernliegenden Beschäftigungen zwingen? Doch nicht etwa deswegen, weil die Antisemiten die nicht Landbau betreibenden Juden für Müßiggänger erklären? - . Für einen vernünftigen Menschen unterliegt es doch keinem Zweifel, daß der jüdische Haustrer, welcher in den Höfen Warschaus sein „Handly, Handly" ruft, ein ebenso nützlicher Mensch ist, als der nichtjüdische Hausirer, welcher in den Höfen Berlins sein „Einkauf von Lumpen, Knochen^ rc." ausruft; der Lodzer jüdische Webergeselle, der jüdische Handwerker ist doch ein ebenso nützlicher und ehrenwerther Mensch, als der nichtjttdtsche Handwerker und Landbauer. Die Idee, ein Volk, welches seit Jahrtausenden eine hervorragende Rolle in der Geschichte des Welthandels spielt, plötzlich zu einer seit 2000 Jahren nicht mehr betriebenen Beschäftigung als Hauptarbeit zwingen zu wollen , hat in der Geschichte der kolonialen Gründungen kaum ihres Gleichen. Ich will die Aufmerksamkeit des Lesers für die ausführliche Darjtellung eines Kolonial - Projektes nicht mehr beanspruchen und erlaube mir nur am Schluffe die Bitte auszusprechen , daß alle diejenigen Personen, welche sich für jüdische Kolonisations-Bestrebungen engagiren wollen, vor Allem auf ein planvolles, einträchtiges Handeln bedacht sein mögen; denn zur Gründung einer wirklich existenzfähigen Kolonie, welche den aus den westlichen Ländern Europas vor Jahrhunderten vertriebenen Juden endlich einmal ein bleibendes Heim wird, gehört Geld, Geld, viel Geld, und nur die vereinten Kräfte aller opferwilligen Glaubensbrüder wären im Stande, das Erforderliche herbeizuschaffen. Zur Erreichung dieses Zieles hilft keine öffentliche Bettelei in Form eines Appells an die öffentliche Mildthütigkeit, sondern nur auf dem Wege der durch die Aktiengesetzgebung möglichen Transaktionen können die erforderlichen Kapitalien beschafft werden. Darum rufe ich noch einmal: Wer für jüdische Kolonisations- Bestrebungen sich engagiren will, verzichte vor Allem auf eigene Pläne, suche Anschluß an gesinnungsverwandte Genoffen, gründe Kolonialvereine und gebe Mittheilung hiervon in unseren Zeitschriften oder an die Redaktioir dieses Blattes. Nur auf diese Weise wird es möglich werden, an Stelle der jetzigen Zersplitterung ein planvolles Vorgehen zu erreichen, alle Kräfte auf ein einziges großes, allein existenzfähiges Unternehmen zu konzentriren und arge Mißgriffe zu vermeiden. Nur hierdurch wird für immer der Wiederkehr solcher Zustände, wie sie heute bestehen, vorgebeugt, und nicht mehr werden verfolgte Israeliten, welche, wie die heutigen russischen Inden, den Wanderstab zu ergreifen gezwungen sind, von Land zu Land ziehend, um Aufnahme und Duldung betteln müssen. Die Sage vom ewigen Juden muß wirklich Sage werden. 8. Wiener Briefe. VI. 1. Nicht nur Bücher, auch Briefe haben ihre Schicksale. Die lange Unterbrechung meiner Korrespondenz ist mit nichten auf Stoffmangel zurückzufiihren; im Gegentheil häufte sich das Material in einer Weise an, daß an dessen Bewältigung gar nicht zu denken und auch selbst dessen Sichtung schwer zu bewerkstelligen gewesen wäre. Was wurde nicht Alles in unserer Gemeinde während der Zeit, die zwischen meinem letzten und dein gegenwärtigen Schreiben liegt, gethan und gelassen! — Mit der einfachen Mittheilung alles deffen nach Art der „Meißim- und Schnokes"-Korrespondenzen wäre Ihnen aber kaum gedient gewesen, und die Sonde der Beurtheilung daran zu legen, fiel mir diesmal schwer, sehr schwer. Ich beschied mich daher damit, daß ich mir sagte: in gewissen Fällen ist Schweigen die — beredteste Kritik. Vielleicht erinnern Sie sich noch eines Leitartikels in der „Neuen Freien Presse", der vor mehr als zwanzig Jahren unter der Ueber-