Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1891)
- Date
- 1891-04-10
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
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170 zur Ernährung aller in der Kolonie ansässigen Personen und vorhandenen Thiere erforderlich ist. Diese Ansicht ist falsch; denn Wmmtliche Kolonien und Staaten sind entweder überproduktive oder produktive oder unterproduktive Länder, d. h. die Bodenfläche trägt mehr Früchte oder genügend Früchte oder weniger Früchte, als zur Deckung des eigenen Bedarfs der Bewohner erforderlich sind. Rußland und die Vereinigten Staaten Nordamerikas sind überproduktive Länder, Deutschland, Frankreich produktive Länder, England, Norwegen, Schweden unterproduktive Länder. England muß z. B. 40—50 Millionen Centner Weizen jährlich aus dem-Auslände beziehen, um seinen eigenen Bedarf zu decken. Um dem Leser eine richtige Vorstellung zu verschaffen, von welcher Bedeutung die Produktivität der Bodenfläche für. die Existenz einer kolonialen Gründung ist, gebe ich einige statistische Nachweise. In Deutschland und Oesterreich-Ungarn macht die produktive Bodenfläche — Acker, Gartenland, Wiese, Weide, Waldland — über 90 Prozent der gesummten Bodenfläche jener Reiche aus. Das Oede- und Gebäudeland beträgt in den genannten Staaten 6 bis 8 Proz. der gesammten Bodenfläche. In Großbritannien sind nur 63 Proz. der gesammten Bodenfläche produktiv, in der kleinen Schweiz, welche in vieler Hinsicht Großbritannien ähnlich ist, sind 31 Proz. der gesammten Bodenfläche unfruchtbarer Boden — Oedeland- und Wasserfläche —, in Norwegen befindet sich noch nicht:</4 Proz. der gesammten Bodenfläche unter dem Pfluge, trotzdem die Landbevölkerung das Siebenfache der Stadtbevölkerung ausmacht, diese abnormen Verhältnisse sind jedoch durch das Klima bedingt. Nicht unbedingt ausschlaggebend für die Erwerbsverhältniffe, für die Wohnung s- und Lebensbedingungen, für die Art derBodenbesiedelung ist die Bodenbeschaffenheit. Während in Oesterreich-Ungarn 7-i der gesammten Bevölkerung Landbewohner sind, giebt es in Deutschland nahezu 7s Stadtbewohner und nur 7'r Landbewohner, obwohl in beiden Staaten die produktive Bodcnfläche prozentualiter gleich groß ist. In Großbritannien sind nahezu 13 20 der gesammten Bevölkerung Stadtbewohner, in Belgien endlich treibt nur '7 der Bevölkerung Landbau, das hochkultivirte Frankreich hingegen hat eine überwiegende Landbevölkerung. Es ergiebt sich aus diesen Nachweisen mithin, daß in einer kulturfähigen Kolonie mindestens 50 Proz. der gesammten Bodenfläche produktiv sein müssen; daß die Art der Besiedelung keinen erheblichen Einfluß auf die Kulturentwickelung ausübt, und daß auch die Erwerbsverhältniffe und Erwerbsarten der Kolonisten in bestiminten Grenzen variiren können, ohne daß die Existenzfähigkeit einer Kolonie hierunter leidet. Eine wichtige Existenzbedingung und von hervorragender Bedeutung für die Kulturzugänglichkeit und für die schnelle Entwickelung kultivirter Lebensverhältnisse ist die Bevölkerungsdichtigkeit der Kolonie. Eine zu große und eine zu geringe Dichtigkeit schädigen in gleicher Weise die Entwickelung der Kultur. Der moralisch und wirthschaftlich verkommene Pöbel der Millionenstädte und die thierisch rohen Bauern Rußlands sind zwei gleichwerthige Variationen der Unkultur. Im Allgemeinen lehrt die Bevölkerungsstatistik, daß mindestens 1500 bis 2000 Köpfe auf einer Quadratmeile durchschnittlich wohnen müssen, wenn europäische Kulturzustände sich entwickeln sollen, und wenn mithin eine Kulturkolonie möglich sein soll. Gleichgiltig ist cs hingegen, ob ein kleiner Bruchtheil der Bodenflüche einer Kolonie exzessiv dünn, oder exzessiv dicht bevölkert ist. So kommen in Preußen in der Landdrostei Lüneburg noch nicht 40 Köpfe aus den Quadrat- Kilometer, im Regierungsbezirk Düsseldorf hingegen über 240 Köpfe auf einen Quadrat-Kilometer. Eine fernere, sehr wichtige Existenzbedingung einer jeden Kolonie bilden die Charakter-Eigenthümlichkeiten der Kolonisten, der Ur-Bevölkerung des Koloniallandes und der angrenzenden Völkerstämme. Es ist ein allgemein giltiges -Gesetz, daß der Charakter einer Kolonie von den Kolonisten allein, niemals aber von den fernstehenden Unternehmern nach doktrinären Plänen bestimmt werden kann. Verstehen die Unternehmer einer kolonialen Gründung mit dem Charakter der Kolonisten nicht zu rechnen, so bleibt das Unternehmen ein künstliches Experiment, welches trotz aller pekuniären Opfer in kurzer Zeit scheitert. Am günstigsten haben sich infolgedeffen immer diejenigen Kolonien entwickelt, in denen die Kolonisten zugleich auch die Unternehmer waren, welche instinktiv diejenigen Gegenden aufsuchten, die für ihre ererbten Erwerbs- und Lebensverhältnisse sich geeignet erwiesen. Doch auch die im Kvlonialland uransässige Bevölkerung und die angrenzende Bevölkerung kann das Kolonisationswerk fördern oder direkt unmöglich machen. So sind es z. B. in der Kapkolonie die uransässigeu Kaffern, welche als Landarbeiter im Dienste der Kolonisten den Ackerbau betreiben und so die Existenz jener Kolonie ermöglicht haben. Im Gegensatz hierzu wiederum kann das anglo-indische Reich nur als Handelskolonie im engeren Sinne von den Engländern ausgenutzt werden, weil die dichte, eigenartig kultivirte Urbevölkerung der Hindus die Ansiedelung von Europäern unmöglich macht. Der englische Auslvandererstrom geht daher auch nach Nordamerika und Australien; nach Indien hingegen geht der Engländer nur als Kaufmann, Beamter, Soldat, und er kehrt nach seiner alten Heimath sofort zurück, sobald er sich ein Vermögen erworben hat. Eine letzte, sehr wichtige Existenz-Bedingung einer jeden Kolonie ist ihre Größe. Kleine Kolonien verschwinden spurlos in wenigen Jahrhunderten, wenn sie nicht in weltentlegenen Ländern mit starken, natürlichen Grenzen und ungünstigen klimatischen Verhältnissen angelegt sind, lieber die erforderliche Größe und Ausdehnung eines kolonialen Unternehmens lassen sich keine bestimmten Zahlenangäben machen, nur das allgemein giltige Gesetz ist hierfür maßgebend, daß die Maffe der Kolonisten jede, wie auch immer geartete Einwanderung zn assimiliren im Stande sein muß, daß ferner die Assimilationskraft direkt mit der Bevölkerungszaht wächst, sofern diese eine Spracheinheit bildet, daß endlich die Assimilationskraft von dem Charakter, der Religion, der Nationalität, der Kulturstufe u. s. w. der Kolonisten indirekt beeinflußt wird. Weltbekannt ist die wunderbare Assimilationskraft der Engländer, die keineswegs mit ihrer Beschäftigung, Handel und Schifffahrt, zusammenhängt; denn das Handelsvolk der alten Völker, die Phönizier, besaßen keine Assimilationskraft, die Holländer, einst das mächtigste Handelsvolk, hatten keine Assimilationskraft. Allbekannt ist, daß von den germanischen Völkern nur die Engländer, von den Romanen nur die Spanier, von den Slaven nur die Großruffen eine bemerkenswerthe weltgeschichtliche Assimilationskraft besitzen. Bekannt ist ferner auch, daß die Juden weder während ihrer staatlichen Selbständigkeit, noch nachher eine bemerkenswerthe Assimilationskraft gezeigt haben. Die Polen sind nach wie vor in Sprache, Denken, Fühlen ein eigenartiges Volk, obwohl Millionen Juden in ihren Ländern seit Jahrhunderten leben. Dieser Umstand, daß die Assimilationskraft jüdischer Kolonisten nicht hoch veranschlagt werden kann, ist ein Faktor von höchster Bedeutung für jede jüdische Kolonialbestrebung. Wenn ich nun die in letzter Zeit bekannt gewordenen Kelonialpläne zur Ansiedelung der russischen Israeliten durchmustere, so muß ich leider erklären, daß nicht ein einziger von jenen Plänen mir als ein lebensfähiges Projekt erscheint. Allen jenen Plänen gemeinsam ist die Absicht der Urheber, Ackerbau-Kolonien im enger« Sinne zu begründen, d. h. Kolonien, in denen die überwiegende Zahl der Kolonisten vom Ackerbau sich ernährt. Durchführbar ist ein solcher Plan nur in Landern, deren produktive Bodeufläche im umgekehrten Verhältniß zur Bevölkerungs-