Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1891)
- Date
- 1891-04-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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' ®^*r- * > r * ' iv ' » 11 , 55. Jahrgang. Ur. 15. Allgemeine Kerlin. 10. April 1891. ettung des Zudenlhums. Gm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redacteur: Gustav KarpeLes. Begründet von Uabbrner Hü*- Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Expedition: Lerlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der ,Allgem. Zeitung des Zudenlhums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nndols Mosse, Berlin. 3 tt 1) 011# Leitartikelr Kolonien und koloniale Gründungen. — Wiener- Briefe. VI. Von 1.Wissenschaft irrrd Litteraturr Die Wissenschaft des Judenthums. Von Prof. Dr. David Kaufmann. (Schluß.) — Ferdinand Lassalle's Tagebuch. Von G. K. — Musikalische Traditionen bei Vorlesung der „Megilla". Don Ed. Birnbaum. (Schluß.) — Feuilleton: Gott ist die Liebe. Von O. Bach. (Fortsetzung.) — Des Glaubens Garten. Von I. Borchardt. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten:' Berlin, Breslau, Lublinitz. Samter, Hannover, Bielefeld, Ulm, Pest. Prag. Raudnitz a. E.. Petersburg. Jerusalem, New-Dork. — Bon Nay und Fern. — Sprechsaal. — Miscetteu. — Briefkasten der Redaktion. Kolonien und koloniale Gründungen. Berlin, 4. April. Die in letzter Zeit immer häufiger auftauchenden Pläne, für "die bedrängten Juden in Rußland Kolonien in transozeanischen Ländern zu gründen, geben mir Veranlassung, zu dieser Frage einen kleinen Beitrag zu liefern, der alle Leser über die in Betracht kommenden Verhältnisse informiren soll. Alle kolonialen Gründungen verfolgen drei Ziele. Entweder wird bezweckt, mit der im Koloniallande ansässigen Bevölkerung Handel zu treiben, oder das Kolonialland soll zum Plantagenbau verwendet werden, oder aber der koloniale Besitz soll Allswanderern aus dem Mutterlande zur zweiten Heimath werden, in der ihnen die Möglichkeit geboten wird, ein menschenwürdiges Dasein zu führen und sich in reichlichem Maße die zum Leben erforderlichen Mittel zu erwerben. Die erste Art der Kolonien, dieHandels-Kolonien können, in allen bewohnten Ländern der Erde angelegt werden, ja selbst von Menschen nicht bewohnte, aber mit einer Pflanzen- und Thierwelt ausgestattete Gegenden eignen sich hierzu, wie die Erfahrung lehrt. So hat z. B. die Hudsonsbai-Kompagnie ihre Beanlten und Jäger bis in die fast unbewohnten, dem Eismeere nahen Gegenden Nord- Amerikas Vordringen lassen, um daselbst das reichlich vorhandene Wild abzuschießen und die kostbaren Pelze der Kompagnie abzuliefern. Die zweite Art derKolonien, die Plantagen-Kolonien, sind bereits an ein bestimmtes Klima gebunden, denn nur in Ländern mit tropischem Klima ist der Plantagenbau möglich. Die für Rechnung einer Erwerbsgesellschaft eingerichteten Plantagen werden gewöhnlich von der Landesbevölkemng oder von importirten, an das Klima gewöhnten Arbeitern bestellt. So bebauten bis zur Freigabe der Sklaven im Jahre 1863 die Neger in der holländischen Kolonie „Surinam", welche in letzter Zeit viel genannt wurde, die angelegten Plantagen. Die frei gewordenen Neger erwiesen sich als unzuverlässig, so daß Chinesen (Kulis) als Plantagen-Arbeiter herbeigeschafft werden mußten. Trotzdem hat Surinam, ein äußerst ungesundes Land, in der letzten Zeit im Plantagenbau keine Fortschritte gemacht, und das Mutterland muß für die Erhaltung der Kolonie nicht unerhebliche Opfer bringen. Die dritte Art der Kolonien endlich, welche man im weiteren Sinne als Ackerbau-Kolonien zu bezeichnen pflegt, sind es allein, welche für uns in Frage kommen, wir wollen daher deren Existenz- Bedingungen eirrgehender erörtern. Ackerbau-Kolonien im weiteren Sinne sind alle Kolonien, in denen eingewanderte, an europäische Kultur gewöhnte Individuen sich für immer mederlassen; ob diese Einwanderer sich zum größeren oder kleineren Theil mit Ackerbau oder mit Handel, Gewerbe Industrie rc. beschäftigen, ist gleichgiltig für den Charakter der Kolonie, als Ackerbau-Kolonie im weiteren Sinne. Nach der Handels- und Plantagen-Kolonie begiebt sich der Beamte, der Arbeiter, Kaufmann nur des Erwerbes wegen; sobald er sein Ziel erreicht hat, kehrt er mit gefüllten Taschen in die alte Heimath zurück. Nach der Ackerbau-Kolonie hingegen siedelt der Kolonist für immer über, er verläßt seine alte Heimath, sein Vaterland mit dem Entschluß, für sich, sein Weib und Kind eine neue Heimath zu gründen. Hierin liegt der tiefgehende Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Kolonien. Dieser Unterschied hat zur Folge, daß die Ackerbau-Kolonie in ihrer Entstehung, Entwickelung und in ihrem Fortbestände von zahlreichen und verschiedenen Bedingungen abhängig ist, Die erste und wichtigste Existenz-Bedingung einer jeden Ackerbau- Kolonie bildet das Klima des Koloniallandes. Denn nur diejenigen Länder eignen sich zur Anlage von derartigen Kolonien, deren Klima die Gesundheit der Ansiedler nicht schädigt, die Fortpflanzung und Kinder-Erziehung in keiner Weise beeinträchtigt und die Entfaltung der physischen und geistigen Kräfte der Ansiedler in dem Maße gestattet, daß die Entwickelung eines Kulturlebens möglich wird. Alle Länder, deren Klima diesen Bedingungen nicht genügt, sind für die Anlage von Ackerbau-Kolonien gänzlich ungeeignet. Die zweite allgemeine Existenzbedingung einer jeden Ackerbau- Kolonie bildet die Bodenbeschaffenheit und die Bewässerung des Koloniallandes. Die Bodenfläche einer jeden Ackerbau-Kolonie muß bis zu einem bestimmten Prozentsatz produktiv sein, d. h. sic muß als Acker-, Gartenland, Wiese, Weide, Waldland die Bedürfnisse des täglichen Lebens decken, indem sie diejenigen Produkte erzeugt, welche zur Befriedigung jener Bedürfnisse geeignet sind. Der Laie ist nun. leicht der falschen Ansicht, daß die Bodenfläche der Kolonie durchgehends fruchtbares Land sein müsse, oder daß sie so viel Ertrag an Getreide, Holz, Futter u. s. w. liefern müsse, als