Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1891)
- Date
- 1891-04-03
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 des Bet Ha-Aiidrasch und der Vorstand der Wiener Kultusgerneinde vertreten, zu dessen Mitgliedern auch die beiden Prediger der Kultusgemeinde, welche Beide von gleichem Eifer für das Wohl und das Gedeihen der künftigen Lehranstalt beseelt sind, gehören." * Budapest, 28. März. Ueber das bereits kürzlich gemeldete Gerücht von dem Auftauchen der Esther Solymossi wird folgendes Nähere gemeldet: Der hiesige Advokat Dr. Bernhard Friedmann, welcher seinerzeit mit dem Reichstags-Abgeordneten Karl Eötvös als Vertheidiger im Tisza-Eszlarer Prozesse fungirte, erhielt am 18. Februar aus Newyork einen am 4. Februar dort aufgegebenen Brief, in welchem er verständigt wurde, daß die Newyorker Polizei eilt Mädchelt wegen Diebstahls verhaftet habe, welches über seine Person jede Auskunft verweigerte. Da die Polizei in der Wohnung der Verhafteten ein Wäschestück mit dem eingestickten Namen Solymossi fand, wurde die Vermuthung erweckt, daß die Verhaftete mit der Heldin im Tisza-Eszlarer Prozesse, Esther Solymossi, identisch sei, mtb das amerikanische Gericht sendete dann das schon erwähnte, von Ferdinalld Levy, Koroner, Unterzeichnete Schreiben an Dr. Friedmann. Dieser erklärte jedoch, daß er nicht in der Lage und auch nicht willens sei, weitere Nachforschungen allzustellen, denn er sei vollständig überzeugt, daß Esther Solymossi nicht mehr unter den Lebenden weile, sondern ihr Leichnam seinerzeit bei Tisza-Tada aus den Fluthen der Theiß gezogen wurde. Aehnlich äußerte sich Eötvös einem Berichterstatter des „Egyetertes" gegenüber. Hr Lemberg, 20. März. Die lin der vorigen Nummer erwähnte) von der Statthalterei einberufene Enquete zur Feststellung eines Musterstatuts für die jüdischen Kultusgemeinden hat gestern ihre Verhandlung zum Abschlüsse gebracht. Die Enquete acceptirte im Großen und Ganzen den von den Repräsentanten des Lemberger Kultusvorstandes vorgelegten Entwurf eines Musterstatutes und verwarf die Vorschläge der orthodoxen Judenschaft, deren Wortführer Herr Schreiber in Drohobycz war. Es wurde auch mittelst Resolution dem Unterrichts- Minister nahegelegt, Schritte zur Errichtung eines jüdischen Rabbiner- Semillars in Galizien zu thun, damit die Rabbinats-Kandidaten in die Lage kommen, den vom Gesetze hillsichtlich der Qualifikation bestimmtell Erfordernisfell gerecht zu werden. Schweiz. Cgj Genf, 23. März. Dem „Reichsboten" schreibt man von hier: Die Vorbereitungen für den Besuch des Herrn Stöcker in unserer Stadt gehen bis in den Herbst des vorigen Jahres zurück. Damals wurde vom Vorstand der seit etwa drei Jahren bestehenden „Christlich-sozialen Gesellschaft" — au den deutschen Kaiser ein Brief gerichtet mit der Anfrage, ob derselbe nicht seinen Hofprediger, Herrn Stöcker, nach Genf senden wolle, um die hiesige Bevölkerung über die soziale Reformbewegung in Deutschlalld aufzukläreu. Die Antwort des deutschen Kaisers, unterzeichnet voll ben Herren v. Goßter unb Hermes, kam erst llach mehreren Wochen in Genf an mit der Erklärung, daß Herr Stöcker „vom 1. Januar volle Aktionsfreiheit habe." Die Vorgänge in Genf selbst sind bekannt. Ein für Stöcker enthusiastischer Korrespondent der M. A. Z. berichtet lloch folgende interessante Einzelheiten: „Nach Schluß der Versammlung hatten wir Gelegenheit, im engeren Kreise Herrn Stöckers Meinung über manche schwebende Frage in Deutschland zu vernehmen. Unter Anderem wurde Herr Stöcker gefragt, wie der deutsche Kaiser Wilhelm II. gegen die Juden gesinnt sei? Ueber diese etwas brüske Frage verdutzt, antwortete Stöcker nicht ohne Humor: „Ja, das weiß ich nicht; das müssen Sie den Kaiser selbst fragen; eines nur kann ich Ihnen mit Bestimmtheit sagen: wenn ich die Judell in Ruhe gelassen hätte, so wäre ich noch heute Hosprediger." Frankreich. * Paris, 24. März. Einer Stelle aus dem foebeit erschienenen Werke von Eduard Drum out: „lestament d’un Antis&niie“ sei Erwähnung gethan, die auf Deronlöde Bezug hat. Es heißt da: „Als Herr Paul D^roulede gekommen war, um in Neuilly gegen die Juden zu donnern und einen Vortrag zu halten, der heftiger war. als der meine, wußte er, was er von der semitischen Frage zu denken habe, er hatte Zeit genug gehabt, sich darüber ein Urtheil zu bilden. Man kann etwas anderes als Antisemit fein; aber Niemand wird annehmen wollen, daß ein Schriftsteller von der Bedeutung Döroulödes in wenigen Wochen seine Ansicht über diesen Punkt zweimal hat änderll können. Eillige Wochen nach, der Rede von Neuilly erklärte Deroulede im Gros-Caillon- Viertel mit denselben Geberden, denselben Betonungen, mit der anscheinend gleichen Leidenschaft, daß der Antisemitismus die Schande unseres Jahrhullderts sei, daß die Juden das Vorbild aller Tugenden seien, urld daß die, welche sie angriffen, eine Sprache führten, welche eines gebildeten Zeitalters unwürdig sei. Was war denn inzwischen geschehen? Naquet hatte verdächtige Verhandlungen angeknüpst, in denen er unvergleichlich ist, und Rothschild hatte den Boulangisten 200,000 Frcs. gegeben unter der Bedingung, daß die Kandidaten sich nicht auf antisemitischen Boden stellten. Herr Deroulede wird die Thatsache leugnen. Er ist kein Wesen von so edler Einfachheit, wie de Mun, der es ganz natürlich findet, daß man nicht Alles billigt, was er thut. Der ehemalige Präsident der Patriotenliga (das Buch ist vor dem letzten Zwischenfall geschrieben, sonst würde Drumont nicht von dem „ehemaligen" sprechen) hat die Nase eines Polichinells, und Polichinell ist in der italienischen Komödie ein martialischer Typus mit etwas Spitzbüberei oder doch mit etwas Geriebenheit. Jedenfalls ist die Thatsache, daß die Rothschilds 200,000 Frcs. gezählt haben, allen Patriotenligisten bekannt. Die Herzogin von Uzes hat in einem Interview darauf angespielt. Ein eifriges Mitglied der Liga, ein Freund Derouledes, ist, trotzdem er vom General aufgestellt wurde, von dem Comite national heimlich bekämpft worden, weil er offen als Antisemit auftrat. Ich klage Deroulöde nicht an, sich verkauft und Geld in seine Tasche gethan zu haben, da Jeder weiß, daß er einen Theil seines Vermögens seinen Ideen geopfert hat. Aber ihm ist eben begegnet, was allen Männern der Politik begegnet, er brauchte Geld, um den Kampf fortzusetzen, und er hat sich unter das kaudinische Joch der Juden beugen müssen." Lüge! tt Paris, 26. März. Der Brigade-Generäl Adolf Hin st in ist zum Divisionsgeneral ernannt worden. Ueber den Beförderten wird von ben „Archives israelites“ mitgetheilt: Hinstin ist in Paris am 5. Juni 1831 geboren. Von seinen Brüdern ist einer Fregattenkapitän, ein zweiter Ingenieur und ein dritter Professor. Die Laufbahn des neuen Divisionsgenerals war folgende: Beim Verlassen der Kriegsschule in Metz wurde Hinstin nach der Krim geschickt, wo er während der Belagerung von Sebastopol zweimal verwundet und dekorirt wurde. Sein Hauptmaunspatent erhielt er bei der Erstürmung von Mätakoff und gehörte er dann dem dritten Regiment des Geniekorps an. Im Jahre 1870 wurde er Bataillonschef. Er hat in 45 Dienstjahren zehn Feldzüge mitgemacht; zum Oberst wurde er 1878, zum Brigadegeueral 1884 befördert. Hinstin ist der vierte Israelit, der den Rang eines Divisionsgenerals erhalten hat. Im Ganzen zählt die französische Armee sechs jüdische Generäle. — Der Pariser Journalist Henri von Ofen (Israelit) hat in Folge einiger Stellen in Drumonts „Testament eines Antisemiten" dem Verfasser dieses Pamphlets seine Zeugen geschickt. Das Säbelduell hat darauf in der Umgegend von Paris stattgefunden nnb mit einer Verwundung des Herrn von Ofen geendet. Großbritannien. * London, 1. April. Bezüglich der S abbath- und Sonntagsruhe besteht in England folgendes Gesetz: „Niemand soll bestraft werden wegen irgend welcher Arbeit, welche Sonntag in einer Fabrik oder Werkstätte durch junge Männer oder Frauen jüdischer Religion verrichtet wird, und zwar unter den folgenden Bedingungen: 1. der Besitzer der Fabrik oder Werkstätte muß jüdischer Abkunft sein; 2. die i Fabrik oder Werkstätte muß Samstag geschlossen werden nnb darf; Sonntag für den Verkehr nicht offen sein; 3. der Arbeitgeber darf die : Ausnahme (Abtheilung 50, Punkt 3) nicht benützen, welche die Ver-! Wendung voll jungen Leuterr und Frauen am Samstag Abend oder für! eine Ergänzungsstunde an irgend einem andern Tage gestattet; 4. wo > der Arbeitgeber diese Begünstigung benützt, muß dieses Gesetz auf die j Fabrik oder Werkstätte in ähnlicher Weise angewendet werden, als wenli j es in den diesbezüglichen Bestimmungeil anstatt „Sonntag" „Samstag" heiße, u. s. w." Rußland. * Petersburg, 27. März. Mit der Ernennung des Großfürsten Sergei zum Generalgouverneur der alten Krönungsstadt dürfte die Leidensära für die Juden in Moskau beginnen. Allgemein macht sich hier die Auffassung geltend, daß der Zar durch Entsendung seines Bruders in das „Herz Rußlands" nachdrücklich seinen innigen Zusammeuhallg mit jener nationalen Richtung, welche besonders in Moskau sich rege bethätigt, hat bekunden wollen. Für den kaiserlichen Bruder wird übrigens in Moskau ein kleiner Hofstaat in diesem Sinn organisirt.