Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1891)
- Date
- 1891-04-03
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Man ist darauf bedacht, den getreuen Moskowitern, welche durch ditz philosemitischeu Neigungen des ohne Sang und Klang verabschiedeten Generalgouverueurs Fürsten Dolgorucki einigermaßen verstimmt waretr, sich huldvoll zu erweisen. So sott General Koslow, ehemals Oberpolizeiminister von Riga mib Moskau, ein Mann mit ausgesprochen antisemitischere Tendenzen, dem Großfürsten attachirt werden. Petersburg, 26. März. Wolfs Telegraphen-Bürean meldet: „Dem Redakteur des hebräischen Journals „Woskhod" (Ascension) sowie der Beilage „Wochenchronik des Woskhod" ist seitens des Ministers des Innern und gemäß dem Beschlüsse des Konseils ‘ der Oberpreßverwaltung die dritte Verwarnung ertheilt und das Erscheinest derselben auf sechs Monate untersagt worden. Nach Ablauf dieser Frist darf die genannte Wochenchronik von nun au nur unter Präventih^ censur erscheinen. Laut der betreffenden Veröffentlichung im „Regierungä- Anzeiger" ist die obige Censurstrafe in Erwägung dessen verhängt worden, daß das Journal ungeachtet zweier Verwarnungen bei seiner schädlichen Tendenz beharrte." Hierzu ist zu bemerken: „Woskhod" ist kein hebräisches, sondern ein russisches Journal für jüdische Interessen, von patriotischer Gesinnung. Die „schädliche Tendenz" besteht jedenfalls nur in der Vertheidigung der unglücklichen russischen Juden. Wie lange noch, o Herr!" Türkei. A. I. U. Smyrna, 12. März. Um unter den Israeliten Kleinasiens und besonders Anatoliens die Freude am Ackerbau zu erwecken, hat das Centralkomitee der Alliance Herrn Pariente, Direktor der Alliance-Schule zu Smyrna, beauftragt, den Ankauf eines Bauerngutes in Bournabat bei Smyrna zu bewerkstelligen, um daselbst zwei junge Leute einzustellen, die ihre Lehrzeit in der Ackerbauschule zu Jaffa beendet haben, die Herren Mizri und Mizrachi. Herr Pariente hat ihnen fünf Knaben anvertraut aus der Alliance-Schule zu Smyrna, welche unter ihrer Anleitung den Ackerbau erlernen sollen. Die Kinder werden auf dem Gütchen selbst erhalten. Am 7. Dezember hat Herr Pariente diese sogenannte kleine Ackerbauschule eingeweiht. Der Oberrabbiner Palatchö hielt die Feier ab, der alle israelitischen Notabeln von Smyrna beiwohnten. Das Anwesen wird nicht auf Kosten der Alliance bewirthschaftet, sondern von den Herren Mizri und Mizrachi, die der Alliance eine jährliche Pacht zahlen, welche sie nach einer gewissen Zeit in den Besitz des Gütchens sehen wird. Dieser Versuch ist sehr interessant, und das Centralkomitee verfolgt denselben mit viel Aufmerksamkeit und Sympathie. Herrn Pariente kommt das Verdienst der Initiative zu, er bewahrt das Werk mit viel Sorgfalt, und falls es von Erfolg gekrönt ist, so wird dasselbe zum großen Theil seiner Hingebung zuzuschreiben sein. U Von Nah und Fern. =■= Am 25. d. M. veranstaltete die Kammersängerin Fräulein Jettka Finken st ein in der Singakademie einen Liederabend, dem ein zahlreiches Publikum beiwohnte. Die Leistungen der trefflichen Sängerin wurden mit dem verdienten Beifall ausgenommen. — Die Trauerfeier für den verstorbenen Prof essor Max Michael hat in dem Sterbehause, Schillstr. 11a, unter Theilnahme der gesummten Künstlerwelt Berlins in erhebender Weise stattgefunden. Die Beisetzung erfolgte aüf dem alten Friedhof in der Schönhauser Allee. — Der langjährige Vorsteher der Synagogengemeinde Gl ei witz, Herr Stadtrath Hahn, ist in der vorigen Woche gestorben. — Der frühere Jnstilutsvorsteher Arnstein in Kätscher ist im 71. Lebensjahre verschieden und am MontM unter großer Betheiligung zu Grabe getragen worden. — Herr Rabbiner Dr. Blumenthal hielt am Ostersonntag in der „Friedensloge" zu Ratibor einen Vortrag über „das römische Ghetto". — Zu denen, die im Sommersemester 1891 an der Königl. Universität Bonn aus der „Hohenzollern- und von Diergardts-Stiftung" ein Stipendium in Höhe von 300 Mark erhalten, gehört auch der stuck, med. Dr. R. Jsaac aus Olfen in Westfalen, und zwar ist er der Einzige aus der medizinischen Fakultät, dem diese Auszeichnung für bewährten Fleiß wird. — Herr Lehrer Fleisch Hacker ist nicht an die Jacobsohnschule nach Posen, wie in letzter Nummer irrthümlich stand, sondern nach Seesen a. H. berufen worden. — Nachrichten überein Duell in Göttingen, welches den Tod des Assessors Ziegler, eines Juden, zur Folge hatte, suchen geflissentlich die Ursache!! des unglücklichen Zweikampfes möglichst zu verhüllen^ Jetzt wird der „Kreis. Ztg." von eingeweihter Leite mitgetheilt, es habe sich um eine antisemitische Großthat gehandelt. Im Wirthshaüs gerieth Ziegler mit dem Referendar Schneidewirt in eine kleine Differenz, wobei ihn derselbe „Judenbengel" schimpfte. Darauf antwortete Ziegler mit einer Ohrfeige. — Die Hebräische Schule in Mannheim (Lemla Moses'sche Klausstistung) veröffentlichte ihren Jahresbericht über das Schuljahr 1890/91. Die Schülerzahl beläuft sich auf 304, nänilich 153 Knaben und 151 Mädchen. Direktor ist Herr Rabbiner Dr. Appel, neben welchem fünf Herren als Lehrer fungiren. — Herr Professor Dr. La band (Jurist) in Straßburg im Elsaß ist zum Mitglied der Disziplinarkammer für die Beamten der Reichslande gewählt worden. — Samstag, den 28. März, hat der zweite Sohn des Baron Albert Rothschild, Baron Alphons, in Wien seine Barmizwa gefeiert und im Tempel in der Seitenstettengasse die Haftara gleich seinem älteren Bruder vorgetragen. — Am 18. d. Mts. ist in Wien der Arzt und Schriftsteller Wilhelm Schlesing er nach längerem Leiden gestorben. Schlesinger war zu Preßburg im Jahre 1815 geboren. Nach erlangtem Doktorgrade auf der Universität zu Padua etablirte er sich in der Residenzstadt als praktischer Arzt, ragte aber mehr durch seine schriftstellerische Begabung namentlich auf dem Gebiete des Feuilletons hervor. Er stand mit Bauernseld, Grillparzer, Lenau u. A. im intimen Verkehr. Im Nachlaß des Verstorbenen befindet sich eine der reichhaltigsten Münzen- und Medaillensammlungen, besonders mit kostbaren Seltenheiten aus dem Jahre 1848. — Die Wanderversammlung des Wiener deutschen Volksvereius, die unter dem Vorsitz Schönerers in Graz tagen wollte wurde behördlich geschlossen, weil unter den 500 Theilnehmern nnr fünf Vereinsmitglieder waren. Schönerer kündigte schreiend an, daß er gegen das Verbot gesetzliche Mittel anwenden werde. — Herr E. Birnbaum in Budapest ist zum portugiesischen Konsul ernannt worden. — Der vom Grafen Gaza Zichy gemaßregelte Kapellmeister Gustav Mahler hat schnell eine neue Wirkungsstätte gefunden. Von den vielen Anträgen, die ihm unmittelbar nach seinem Austritt aus dem Verbände des Budapester Instituts von Nah und Fern — so auch aus Mannheim, wo er die Stelle des nach Berlin berufenen Felix Weingartner einnehmen sollte — Zugegangen sind, hat Mahler der Hamburger Aufforderung Folge zu leisten beschlossen; er wird dort schon vom Ostersonntag ab die Leitung der Oper am Stadttheater übernehmen. Herr Mahler hat Budapest bereits verlassen, nicht ohne daß ihm seine zahlreichen Freunde und Verehrer herzliche Ehrungen bereitet hätten. — Die Nachricht, daß der Kardinal Lavigerie ein Schreiben an den Czaren zu Gunsten der Juden gerichtet habe, wird von französischen Blättern dementirt. — Die Mitglieder des Israelitischen Konsistoriums, welches einen neuen Großrabbiner für Paris zu wählen hat, hatten am 27. März Besprechungen mit den Grobrabbinern von Brüssel, Bordeaux und Lyon, den Kandidaten für das vakante Amt. Doch soll vor der Rückkehr Rothschilds, welcher gegenwärtig in Aegypten weilt, keine Beschlußfassung stattfinden. — Iw der Garnison Ald er sh o t hat Oberst Laye die Anordnung getroffen, daß die israelitischen.Soldaten an jedem Samstag zum Gottesdienst in der Synag oge kommandirt werden, gerade so, wie es von jeher an Sonntagen mit den Soldaten der christlichen Konfessionen geschieht. — In neuerer Zeit ist das vor Jahren von der Gemeindeversammlung verworfene Projekt, die altehrwürdige portugiesische Synagoge in Bevis Marks niederzureißen, wieder aufgetaucht und hat zu heftigen Debatten innerhalb der Gemeinde Veranlassung gegeben. — Der Telegraph meldet von Erleichterung in der Handhabung der Paßvorschriften für die nach Rußland reisenden Juden. Ob Rußland wieder Geld braucht? — — Lcckanien nüseris! Die harte Behandlung d e r I n d e n in Rußland und die Unterdrückung der katholischen Priester daselbst haben nunmehr ein Seilenstück gesunden in der Verfolgung der Lutheraner in Südrußland. Der protestantische Priester Dalton hat darüber eine Broschüre publizirt, welche horrende Dinge enthält.— Der Dragoman beim österreichisch-ungarischen Generalkonsulat in Sa lonicht, Herr Menachem Asseo, und der Kaufmann Herr Jsaac Matalon daselbst sind vom Sultan durch Verleihung des Medjidje- Ordens vierter Klasse ausgezeichnet worden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für dle Redaktion: Max Bauchwitz irr Berlin.