Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1891)
- Date
- 1891-04-03
- Page
- Seite 168 (sequence 12)
- Language
- German
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Und stieg die Krankheit 5ür höchsten Stuf', An stimmten die Brüder den stärkenden Ruf: »Hör', Israel, Gott ist Gott allein!" So ging die Seel' zu den Seligen ein. Und die Brüder gaben ihm zahlreich Geleit Und machten dem Schläfer sein Lager bereit; „Gott hat ihn gegeben, Gott hat ihn genommen; Gelobt sei sein Name!" so riesen die Frommen, Erkennend Gottes Gerechtigkeit an — „Und gut muh es sein, denn Gott hat's gethan." — So trösteten sie zur heiligen Stunde; Still floß die Thrüne, es schloß sich die Wunde. Und schied der Vater, so ließ er im Sterben Mitleid und Erbarmen zurück als Erben, Der armen Wittwe, den schutzlosen Waisen Zn bieten den Stab, Beistand zu erweisen. Aus gvttentslammtem eblen Gefühle Reich wurden errichtet die warmen Asyle, Wo Waisenväter und Mntterleiu Die liebenden Herzen den Kindlein weih'n. Auch haben die kinderlosen Frommen Manch Elternloses ins Haus genommen, So übend die schönste Wohlthätigkeit — Das nannte man „woh lth u n zu jeder Zeit." — Und seit den Zeiten unsrer Uralten In Israel stets ward Schule gehalten. Jeschuah ben Gamla, Hochpriester fein, Hat Kinderschulen gefnhret ein Und also gesorgt, daß Gottes Lehre Bei Kindes-Kindern in Ewigkeit währe; Und jede Gemeinde hat schwer er gebannt, Wo keine Kinderschule bestand. So kam's, daß in jenen finstern Tagen, Wo Völker in düsterem Dunkel lagen, Kaum Juden sich fanden, die lesen nicht konnten, Die sich in der Kunst zu schreibeil nicht sonnten, Die nicht die Kunst zu rechnen geadelt — Das habt Ihr an uns so oft ja getadelt! — Und wenn der liebliche Sabbath kam, Eln Buch dann der fromme Vater nahm, Die „strahlende Leuchte", die Seelenfreude", Das „Buch der Frommen" — da fand er Beute Für seine nach Gott sich sehnende Seele, Daß sie nicht den Weg des Lebens verfehle - Auch Bücher voll alter hoher Geschichten, Die von den Thaten der Väter berichteil, Sie wurdeil gelesen mit seliger Lust- Das hat mit Bewußtsein gehobeil die Brust; Das Müttertein aber hat sich erbaut Am Buche, das heißet: „K oni m et u nd sch a u t." Da sind die Beiden, gar tief beglückt, Oft über ben Büchern eiugenickt; Das Sabbathstüblein war traulich und warm, Da lagen sie schlummernd in Sabbaths Arm- Dazu hat die Wanduhr gemüthlich geklungen Und sie in selige Träume gesungen. — Und weilll ilun der Tag gekommen zilr Wende, Der heilige Sabbath ging zu Ende Die Nacht ins Zimmer herein gedüstert, Die Abschiedskerze war verfinstert, Vom Vater, von Kinderstimmen klar Das Abschiedslied gesungen war, Und bei des Gesanges heiligem Klang Die Doppelseel' zur Höh sich entschwang- Da trat in seinem Alltagsrock Gestützt auf feinen knotigen Stock Bei mattem Lanlpenschimmer herein Der Fleiß und lud zur Thätigkeit ein; Und um ihn die Mühen, mit) mit ihm die Sorgen, Die nahmen allda QrtIrtier bis morgen, Den Vater, zu Arbeit und Druck gesellt, Zu führen hinaus in die feindliche Welt. Da drückt ihm auf's Herz, auf den Rücken der Sack, Beschwert Mt allerlei Bündel und Pack; Und er schleppte den Trödel von Haus zu Hause Und litt, daß man am Barte ihn zause. Wie hat die Gassenjugend gelacht, Wann Rabbi Moises Mores gemacht; Doch ein Knecht, und Knechten unterthänig,; Fühlt er im Herzen sich gleich einem König, Stolz auf den Stammbaum sonder Gleichen, Den sieht man hinauf bis zu Abraham reichen, Gezeichnet in das unendliche Band Die Seher, die Sänger vom heiligen Land, Die Forscher, Denkmeister ohne Zahl, Die ausgegossen des Geistes Strahl, Geformet an des Gesetzes Hülle, Eingießend inhaltlich reiche Fülle — Das denket, das fühlet, das schauet der Mann — Sagt an, Was ist es, das beugen ihn kann? — Und wann der Rüsttag des Sabbaths genaht, Wie freudig betrat er den heimischen Pfad! Da zog den Knecht der Knechte er aus, Trat stolz als Sohn in des Vaters Haus Und lud die Freunde im jubelnden Sang Zum bräutlichen Sabbath — Liebesempfang. Und zum erleuchteten Gotteshaus Zwei Engel begleiten den Mann hinaus, Der Engel der Güte, den Guten wohlwollend, Und der des Gerichts, den Bösen grollend. Ist Alles zu Hause dann wohlbestellt Und dessen Genossen in Frieden gesellt, Die Leuchte mit strahlenden Lichtern besteckt, Der Tisch mit blinkendem Weiß gedeckt, Die Augen der Gattin voll süßer Treue, Daß tief sich das Herz des Gatten erfreue: Da spricht sein „Schalom" der Engel der Güte: „Daß Gott dies fromme Haus stets behüte! — Mög' nächsten Sabbath es wieder so sein" — Und: „Amen!" stimmt der andere ein. — O Wonne, o Segen, unermessen! Nun sind die Leiden des Werktags vergessen; Nun leuchtet der Himmel sapphirisch rein, Nun ragt Paradies ins Haus herein, Nun ist das irdisch dunkle Gezelt Vom Strahle des ewigen Lebens erhellt! — Sv war es in Jakob. Nicht daß ich mich rühme, Doch Sabbath hielt fern uns die Ungethüme, Vor denen in seiner Allmacht und Güte Der himmlische Vater uns ewig behüte; Daß hier ein Mann, ein schändlicher Wicht, Das holde Weib seiner Jugend ersticht - Daß dort ein Sohn, o Grauen, o Jammer, Ten Vater erschlägt mit tödtlichem Hammer — Doch Dank Euch für Das, was bei Euch wir gelernet; Unwissenheit habt von uns Ihr entfernet, Den Wahn, daß Wer nur den Talmud kenne, Das Wissen der Welt sein eigen nenne; Da hat Beschämung erfüllt uns die Brust, Wir wußten, wie wenig wir noch gewußt! — Ihr habt uns gesetzt zu Lerllgenossen, Habt uns die Brunnen der Vorzeit erschlossen Habt aufgethan uns Euere Schulen- Da füllten wir unseres Geistes Spulen Mit starkem und mit feinem Gespinnst, Da webten wir, o welch hoher Gewinnst, Das Band, das innig und treu uns gesellt Den Lehrern der alten und neuen Welt: So haben den Zorn in Schlaf wir gewiegt, Denn Euere Liebe hat uns besiegt. Wie? hat man deshalb nur uns geweckt, Daß uns bei Tag das Gespenst erschreckt? Darf lvieder der Haß zu den Waffen greifen, Und Hohn und Spott auf's Haupt uns häufen? Darf Deutschland, das einen Herder geboren Und Lessing zu seinem Führer erkoren, Daß wieder gebracht die „Humaniora", Verfolgen die treuen Söhne der Tora, . Worin das hohe Wort steht geschrieben: „Du sollst me Dich selbst den Nächsten lieben?" Als Balaks moabitische Gnaden Den Seher Bileam einst geladen, Daß gegen Lohn die Kunst er versuche, Wie Israels Stämme er verfluche, Da hat sich die himmlische Gnade bewährt Und seinen Fluch in Segen gekehrt. Und wie ans der Höhe Peor er stand Und schaute weitaus in das freie Land Und seinem erhabenen Standpunkt nah Nach Stämmen Israel lagern sah: Da fühlte er tief die Brust erglüh'n- Da kam der Geist des Herrn über ihn, Da riet er von den schauenden Höh'n: „O Jakob, wie sind Deine Zelte so schön; Wie sind Deine Wohnungen, Israel, Gleich Cedern, die Gott gepflanzet am Quell, Wie Bäche, sich erstreckend in Segen, Wie Gärten im sonnigen Strahle gelegen!" — Und wann tu diesem und jenem Land Je ein Verfolger wider uns stand, Er mußte den Segen, uns zuerkennen, Und unsere Häuser beseligte nennen. — So dank für da > Loos, das Gott uns geschicket, Daß man Euch bedrückt, und Ihr nicht drücket. Anfeindet nicht, die wider Euch steh'n. Und schmähet nicht Jene, welche Euch schmäh'n, Dann werdet Ihr sein der Sonne gleich, Die mächtig erstrahlet in Gottes Reich. — Und preiset den Höchsten, der hoch Euch geschätzt Und unter Nationen als Maß gesetzt, Ob Selbstbewnßtsein sie klar errungen, Ob gegen den Schwachen ihr Herz sie bezwungen; Und helfet sie fördern die hehren Zeiten, Da Völker voran im Lichte schreiten, Die Alllnacht gebietet den Mächtigen Halt, Kein Starker mißbrauchet seine Gewalt, Der Wolf wird bei dem Lamme liegen, Das Böcklein sich wird an den Lenen schmiegen' Denn wie die Meerfluth nahe und fern Wird füllen die Welt Erkenntiliß des Herrn. Dann schafft der Gedanke Israels Sieg. Volk lernt nicht mehr wider Volk den Krieg, Und alle Gewoltthat wird verstummen, Zu ebenen Pfaden werden die krummen; Und Gott wird die Nationen richten Und ihren Streit sein Ausspruch schlichten, Und über den Bergen, über den Höhen Wird hoch sein erhabenes Haus mau sehen. Das ist das Wort der Brüder Semiten: Nehmt freundlich es auf, o Jap heilten! Wie schön ist's, wenn Brüder in Liebe entflammen, Und Sem und Japhet treu wohnen zusammen! Truck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. — Verantwortlich für die Redaktion Max Bauch witz in Berlin.